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StartseiteBüchermarktSchamloses Schauen31.01.2020

Maggie Nelson: "Die roten Stellen"Schamloses Schauen

Im Gerichtssaal kommen die intimsten Details eines Mordopfers ans Licht. Maggie Nelson erlebt diesen grausamen Prozess als Angehörige, denn ermordet wurde ihre Tante Jane. Keine reißerische True Crime Story, sondern ein melancholischer Essay ist so entstanden, sagte Übersetzer Jan Wilm im Dlf.

Jan Wilm im Gespräch mit Miriam Zeh

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Buchcover: Maggie Nelson: „Die roten Stellen. Autobiographie eines Prozesses“ (Buchcover: Hanser Berlin Verlag, Hintergrundfoto: Unsplash / David von Diemar)
Ein lange unaufgeklärter Mordfall in der eigenen Familie beschäftigt Maggie Nelson nicht nur in diesem gerade auf Deutsch erschienen Memoir. (Buchcover: Hanser Berlin Verlag, Hintergrundfoto: Unsplash / David von Diemar)
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Als "Autobiographie eines Prozesses" bezeichnet Maggie Nelson ihr gerade in deutscher Übersetzung erschienenes Buch. Dabei "Die roten Stellen" eigentlich alle Elemente für eine erfolgreiche True Crime Story. US-amerikanischen Dichterin, Kritikerin und Essayistin schreibt über den Mord an ihrer eigenen Tante Jane Mixer. Die damals 23jährige Frau, eine attraktive und engagierte Jurastudentin an der University of Michigan, will im März 1969 per Mitfahrgelegenheit zu ihren Eltern reisen. Doch dort kommt sie nie an. Stattdessen wird ihre Leiche mit zwei Kugeln im Schädel gefunden. Janes Habseligkeiten hat ihr Mörder akribisch zwischen ihren Beinen drapiert. 35 Jahre lang bleibt der Fall ungelöst.   

Miriam Zeh: Jan Wilm, Sie haben das Buch ins Deutsche übertragen. Wie weit trägt es denn diese Sensationslust des True Crime?

Jan Wilm: Sie haben es schon angekündigt, dass das Buch 2007 erschienen ist, das heißt, wenn wir darüber sprechen, müssen wir es ein bisschen abgrenzen von der Popularität von Podcasts wie "Serial" und "Criminal" oder Netflix-Serien, die True Crime behandeln. Aber natürlich ist das Genre ganz alt. In der Sachliteratur hat es immer wieder Beschreibungen realer Kriminalfälle gegeben. Und natürlich auch in der Lyrik. In englischen Balladen des 17. und 18. Jahrhunderts hatte man beispielsweise immer wieder Berichte von tatsächlichen Verbrechen und natürlich auch in den Moritaten von Bänkelsängern. Dieses Sensationsgierige und das Reißerische, das kommt im 19. Jahrhundert auf durch den Journalismus und durch das serielle Schreiben. Davon distanziert sich Nelson ganz klar. Was sie macht, ist etwas Nachdenklicheres, etwas Grübelnderes, Träumerisches und auch ein bisschen Melancholischeres. Und die Suche nach Wahrheit und Lüge eines Kriminalverbrechens passt ihr natürlich sehr gut, weil die sich sehr interessant spiegeln lässt mit der Suche nach der Grenze zwischen Fakt und Fiktion in der Autobiographie, im Memoir und natürlich auch im Essay. 

Nelson leidet am "Mordgemüt"

Zeh: Es gibt eine gewisse Faszination, die Nelson zu diesem Fall hinzieht. Die Autorin ist 1972 geboren, also drei Jahre nach dem Tod ihrer Tante. Und trotzdem lässt sie ihr unaufgeklärter Mord nicht los. Sie wird, während sie an diesem Memoir arbeitet, von Gewaltfantasien heimgesucht, schreibt sie. Und sie selbst bezeichnet dieses Leiden als "murder mind". Sie, Herr Wilm, haben diesen Ausdruck übersetzt mit dem deutschen – vielleicht erstmal etwas altertümlich anmutenden – "Mordgemüt", das ja offensichtlich mehr bezeichnen soll als nur den Mord oder das Morden im Sinn zu haben. Was hat es mit diesem "Mordgemüt" auf sich?

Wilm: Das hat mir lange Kopfzerbrechen bereitet, dieser "murder mind". Vielleicht ganz treffend: Mein "mind", mein Geist hat sich lange damit beschäftigen müssen. Ich fand die Wendung "Mordgemüt" letztendlich sehr gut, weil mit dem Gemüt eines Menschen eben der Geist und aber auch die ganze emotionale Lage eines Menschen, der ganze Charakter und vielleicht – übertragen – der ganze Mensch gemeint sein kann. Ich glaube, was Nelson eben immer wieder versucht und weshalb dieser "murder mind", dieses "Mordgemüt" so gefährlich für sie ist, ist, dass das ganze Leben, der ganze Körper von ihr und natürlich auch die ganze Familie von diesem Mord in der Familie kolonisiert wurde und eigentlich nicht loskommt, irgendwie sklavisch darunter existieren muss. Gegen dieses Sklaventum, wenn man bei der Metapher bleiben will, hilft natürlich nur das Sprengen der Fesseln durch die Sprache, was Nelson in diesem Memoir oder in diesem Essay versucht. 

Eine Zeugin schämt sich

Zeh: Tatsächlich wird dieser Fall von Jane 35 Jahre lang nicht aufgeklärt werden können und dann nach so langer Zeit noch einmal geöffnet. Ein DNA-Test bringt tatsächlich auch einen neuen Verdächtigen ans Licht. Es werden erneut Zeugen vorgeladen und Beweismittel gesichtet. Und Nelson nimmt mit ihrer Familie an diesem Prozess teil. Bei einer Zeugin beobachtet sie ein seltsames Gefühl, nämlich eine gewisse Scham, über die Geschichte von Jane zu sprechen. Die Autorin teilt diese Scham, die Geschichte einer toten Frau zu erzählen. Ist ihnen dieser Scham oder dieser Skrupel beim Übersetzen auch noch in einer anderen Form begegnet?

Wilm: Das ist eine schöne und, ich glaube, komplizierte Frage, die ich vielleicht so rasch nicht beantworten kann. Aber was man natürlich sagen kann, dass diese Scham, die die Figur Nancy Grow empfindet – das ist die Frau, die die Leiche entdeckt hat –, die spiegelt sich wider in Nelson. Scham ist, glaube ich, etwas Wichtiges für die Autorin, weil natürlich die Offenlegung der persönlichen und intimsten Aspekte eines Menschen immer auch die Scham berührt. Dadurch ist angedeutet, meine ich, die Frage, ob man Scham empfindet oder empfinden muss, wenn man auf diese Weise über einen toten Menschen schreibt. Ein toter Mensch schämt sich natürlich nicht. Aber vielleicht empfindet man Scham, wenn man einen toten Menschen betrachtet und beschreibt. Ich glaube, wenn man einen toten Körper sieht, ist man einfach mit der – vielleicht im Freud‘schen Sinne – mit der Unheimlichkeit konfrontiert. Und möglicherweise als affektive Reaktion empfindet man dann Scham, dass man sich abwenden kann.

Was das Buch für mich immer so interessant macht und auch beim Übersetzten immer wieder eine Rolle gespielt hat, weil ich natürlich ähnlich immer wieder beobachte, was Nelson beobachtet, ist, dass diese Scham, die man empfindet, wenn man sich mit diesem Leben dieser toten jungen Frau beschäftigt, dass diese Scham ethisch ganz notwendig und wertvoll ist, aber vielleicht ästhetisch und in literarischer Hinsicht hinderlich ist, weil man natürlich ganz offen hinschauen muss und die literarische Wahrheit nur dann kreieren kann, wenn man auf eine gewisse Weise schamlos hinschaut. 

Schamloses Schauen, auch auf sich selbst

Zeh: Und, Sie würden sagen, das tut Nelson?

Wilm: Ich würde sagen, dass sie das schon macht. Aber man muss auch sagen, dass diese Schamlosigkeit, die sie anwendet, auch auf sich selbst bezogen ist. Sie geht mit sich immer auch hart ins Gericht, das hat sie auch in anderen Büchern schon gemacht. Es taucht hier zum Beispiel auch auf, dass sie Probleme mit dem Trinken hat und dass sie Probleme mit Drogen ein bisschen früher hatte, nicht mehr so stark. Das taucht immer wieder auf und sie thematisiert auch, was es eben bedeutet, wenn man über diese Tante schreibt oder wenn man überhaupt über einen toten Menschen schreibt. Dieses Erkennen-Wollen, dieses Sezieren beim Betrachten, das hat immer auch ein bisschen was Grausames. Das ist ein Nietzschischer Gedanke, den sie auch in ihrem Text anzitiert. 

Das Schweigen der toten Tante

Zeh: Es gibt diese Schonungslosigkeit der Autorin. Und dann gibt es aber im Gerichtssaal noch eine ganze Reihe von Personen, die auf eine andere Art schamlos sind. Es gibt sehr viele Erzählungen, die über Jane kursieren. Ein True Crime-Fernsehformat "48 Hours Mystery" dreht eine Folge über Jane. Und auch Maggie Nelson schreibt über diesen Mordfall in zwei verschiedenen literarischen Gattungen. Das Memoir "Die roten Stellen" erscheint zwei Jahre nach ihrem Gedichtband "Jane: A Murder", der bisher nur auf Englisch vorliegt. Woher kommt dieses Bedürfnis von Nelson nochmal nachzulegen?

Wilm: In dem Gedichtband hat Nelson so eine Detektivarbeit gemacht. Es wurde immer weiter an diesem Fall ermittelt. Der Fall war über 30 Jahre lang ungelöst. Und Nelsons eigene Untersuchungsarbeit war natürlich darauf beschränkt, dass sie mit Mitteln der Poesie sich dieser toten Tante und diesem Mordfall annähern konnte. In dem Gedichtband macht sie das interessanter Weise so, dass sie ihre Tante auch selbst zur Sprache kommen lässt. Es tauchen immer wieder Tagebucheintragungen und Briefe von Jane auf und so gibt sie ihr da eine Stimme.

Dann, zwei Jahre später, hat es sich ergeben, dass dieser Fall möglicherweise gelöst werden kann und er wird dann gelöst – wenn auch für Nelson vielleicht unzufriedenstellend. In diesem Memoir "Die roten Stellen" kann, weil es vor Gericht geht und da natürlich nur noch Leute befragt werden können, die leben. Jane kann in diesem Falle keine Stimme mehr haben. Und so spielt dieses Buch, glaube ich, auch mit dieser Stille und mit dem Schweigen der toten Tante und mit dem Bedürfnis, das zu schreiben und so gewissermaßen auch diese Figur Jane, die sie ja dann in der Fiktion oder in der Sprache geworden ist, zu befrieden. Diese mehreren Prozesse, also der Strafprozess, aber auch die ganze Dauer ihrer eigenen Gedanken über diesen Mordfall in der Familie, begleiten Nelson in "Die roten Stellen" und finden gewissermaßen einen Abschluss. 

Vorbehalte bei der deutschen Rezeption der Autorin

Zeh: Jan Wilm, Sie haben bisher alle auf Deutsch erschienen Bücher von Maggie Nelson übersetzt. 2017 erschien hierzulande ihr Memoir "Die Argonauten", ein Jahr später die poetischen Miniaturen "Bluets". Und Sie haben damit, Herr Wilm, auch dafür gesagt, dass die in den USA bereits vielfach ausgezeichnete Autorin auch bei uns immer bekannter wird. Wie haben Sie diesen Übersetzungsprozess – nicht nur von der einen Sprache in die andere, sondern bei Maggie Nelson ja auch von einer anglo-amerikanischen Essaytradition in die deutsche – erlebt? Sperren sich da manchmal die Nelson-Texte mit diesem starken Ich in der deutschen und sehr viel nüchternere Tradition? 

Wilm: Ich glaube, ja und nein. Es gibt einerseits einige Momente, wo man das Gefühl hat, diese sehr persönlichen und poetischen im Inneren grabenden Texte und auch im Inneren der Sprechenden angesiedelten Texte sind manchmal etwas quer mit der doch europäischeren Essayistik, die auf Montaigne zurückgeht. Obwohl Montaigne natürlich auch in sich heruntergestiegen ist. Gleichzeitig funktioniert es, glaube ich, besonders bei jüngeren Leserinnen und Lesern, die sich für Literatur und für Essayistik interessieren, weil sie mit Kulturtheorien, Gendertheorien und aber auch der amerikanischen Essayistik ganz gut sozialisiert worden sind.

Was ich eher beunruhigend oder verwunderlich finde und auch ein bisschen enttäuschend, ist, dass im Mainstream leider manchmal immer noch eine Zurückhaltung besteht, was essayistisches Schreiben von Frauen betrifft – besonders wenn sie über ihre Sexualität schreiben, was Nelson in "Die Argonauten" oder in "Bluets" auch tut. Es ist doch merkwürdig, dass man da im prüden USA manchmal ein bisschen weiter zu sein scheint als hierzulande. Vielleicht damit verwandt, wundert es mich manchmal auch, dass angemerkt wird, dass diese Texte von Nelson, aber auch von anderen Leuten, die in einem ähnlichen Modus schreiben, überfrachtet sind mit Zitaten oder mit Theorie. Das wundert mich schon, dass wir hierzulande da so ein bisschen spitzfingrig sind, gerade wo wir doch im Land des Geistes sind. Vielleicht braucht es einfach ein bisschen Zeit, aber man kann, glaube ich, sagen: Wer gerne denkt, der wird mit Maggie Nelson natürlich sehr viel Freude haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassung wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Maggie Nelson: "Die roten Stellen. Autobiographie eines Prozesses"
aus dem Englischen von Jan Wilm
Hanser Berlin, 224 Seiten, 23 Euro.

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