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StartseiteInterview"Man sollte hier lieber mit offenen Karten spielen"07.05.2011

"Man sollte hier lieber mit offenen Karten spielen"

Nach Geheim-Treffen zur Finanzkrise in Griechenland

Der EU-Parlamentarier der Liberalen, Wolf Klinz, spricht sich für einen offenen Umgang mit der Schuldenkrise Griechenlands aus. Ein Geheim-Treffen wie am Freitag führe nur dazu, dass noch mehr Unruhe auf den Finanzmärkten eintrete.

Wolf Klinz im Gespräch mit Christian Bremkamp

Nach dem informellen Treffen der EU-Finanzminister büßte der Euro im Wert ein. (AP)
Nach dem informellen Treffen der EU-Finanzminister büßte der Euro im Wert ein. (AP)

Christian Bremkamp: Am Telefon begrüße ich jetzt Wolf Klinz, der Europaabgeordnete der FDP ist Vorsitzender des Sonderausschusses zur Wirtschafts- und Finanzkrise im Europaparlament. Guten Morgen, Herr Klinz!

Wolf Klinz: Guten Morgen, Herr Bremkamp!

Bremkamp: Verwirrung, Rätselraten, offene Fragen. Haben Sie von dem gestrigen Treffen gewusst?

Klinz: Nein, das habe ich von den Agenturen erfahren, so wie Sie auch.

Bremkamp: Hätten Sie gerne?

Klinz: Was heißt, hätte ich es gern gewusst, es hätte zu mehr Sicherheit beigetragen und weniger Spekulation angeheizt, wenn man es gewusst hätte.

Bremkamp: Spekulationen, die die Börsen von außen ja nicht unbedingt mögen.

Klinz: Das ist richtig, es ist aber sicherlich nicht umsonst, dass das Treffen an einem Freitagabend, also schon nach Schluss der Börsen angesetzt worden ist und relativ geheim gehalten wurde. Das heißt, es kann sich nicht um ein ohnehin schon vorgesehenes, relativ informelles Treffen handeln, sondern ich glaube, hier sieht man schon einen speziellen Grund, um sich zusammenzusetzen.

Bremkamp: Erstaunlich ist doch: Kaum, dass die Meldung draußen war, wurde an allen Ecken und Enden dementiert. Wenn das nur ein informelles Treffen war, keinesfalls ein Krisentreffen, wie es ja behauptet wird, warum dann diese Geheimniskrämerei?

Klinz: Ja genau das ist der Punkt. Also ich habe auch den Eindruck, man sollte hier lieber mit offenen Karten spielen, das ist ja kein Geheimnis, dass sich Griechenland sehr schwertut mit der Umsetzung der zugesagten Restrukturierungs- und Reformmaßnahmen, und dass die Bevölkerung in Griechenland je länger je weniger bereit ist, diesen harten Sparkurs mit zutragen.

Bremkamp: Ja und wenn immer länger nicht mit offenen Karten gespielt wird, das hat ja auch Auswirkungen auf die Märkte, auf die Finanzmärkte.

Klinz: Ja, es erreicht das Ziel, was ja alle immer wieder vorgeben strikt zu verfolgen, nämlich die Märkte zu beruhigen, überhaupt nicht. Im Gegenteil, also wie Sie gerade gesagt haben, es tritt noch mehr Unruhe ein. Das Einzige, was ich mir vorstellen kann, ist, dass Griechenland um dieses Treffen ersucht hat, um klarzumachen, dass es also die Zinsen, die vom Internationen Währungsfonds und auch von der EU von Griechenland gefordert werden, dass es diese Zinsen für zu hoch hält, und dass es so ähnlich wie Irland ja auch vor Kurzem fordert, diese Zinshöhe etwas anzupassen und möglicherweise ein bisschen mehr Zeit zu bekommen. Ich glaube nicht, dass Griechenland - so wie es ja mitunter spekuliert worden ist in manchen Agenturmeldungen - gedroht hat, die Eurozone zu verlassen, das kann ich mir nicht vorstellen. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass es ein gewisses Entgegenkommen bei den Konditionen von der Europäischen Union erwartet und dass es dieses gerne deutlich gemacht hat.

Bremkamp: Ein Austritt aus der Eurozone, welche Folge hätte so ein Schritt?

Klinz: Ja also der hätte verschiedene Folgen. Zunächst einmal politisch, glaube ich, muss man sagen, wäre es ein großer Rückschlag für das Europrojekt. Denn wir dürfen nicht vergessen, inzwischen ist deutlich geworden, das Europrojekt ist nicht nur ein Wirtschaftsprojekt, sondern ein politisches Projekt, und das würde deutlich Schaden nehmen. Das Zweite ist - deswegen sind ja Regierungen wie auch die deutsche so entschieden gegen einen Austritt -, es würde sofort die Möglichkeit Griechenlands, seine Schulden in Euro wirklich zu begleichen, ad absurdum führen. Denn die Einführung einer alten Währung, also der Drachme, der alten und neuen Drachme, wäre gekoppelt an eine massive Abwertung in der Größenordnung von, kann man nur spekulieren, aber möglicherweise bis zu 40, 50 Prozent. Das würde heißen, dass die Schulden in Euro über Nacht doppelt so groß wären als vorher. Und schon jetzt tut sich Griechenland sehr schwer, die Schulden zurückzuzahlen, manche zweifeln daran, dass es das überhaupt je kann. Und wenn es dann auf Drachme-Basis diese in Euro eingegangenen Schulden tilgen müsste, so wäre das eine Sache der Unmöglichkeit. Das heißt, die Geberländer, die Gläubiger und darunter auch sehr viele deutsche Banken müssten mit erheblichen Verlusten rechnen, und zweitens, die Europäische Zentralbank, die ja in den letzten Monaten zweistellige Milliardenbeträge investiert hat, um Staatsanleihen dieser Peripheriestaaten - unter anderem eben auch Griechenland, nicht nur, aber auch Griechenland - aufzukaufen, hätte Anleihen in ihrem Portfolio, von denen sie weiß, dass sie massiv abgeschrieben werden müssten, weil sie in voller Höhe nicht getilgt werden. Und das wiederum würde durchschlagen auf die Länder, die die EZB finanzieren. Und da wäre Deutschland, mit 27 Prozent der größte Anteilseigner der EZB, wiederum dabei. Das heißt, es würde für die besser, relativ besser dastehenden Staaten in Europa relativ teuer, und deswegen wehren sich natürlich Sarkozy, Merkel und ihre jeweiligen Minister massiv dagegen, erstens dass Griechenland austritt aus der Eurozone - das wäre eben das politische Debakel -, und zweitens, da würde es, wie ich gerade sagte, dazu führen, dass massive Verluste von den anderen, von den Gläubigerstaaten in Kauf genommen werden müssten.

Bremkamp: Aber Herr Klinz, das würde doch auch bedeuten, dass Athen mehr Geld von der Europäischen Union bekommen müsste. Das kann doch eigentlich auch keiner wollen?

Klinz: Ja also meiner Meinung nach ist es so: Ich glaube, wir müssen unterscheiden, ob Athen eine Restrukturierung, sprich einen Schuldenschnitt, einen sogenannten Haarschnitt oder Haircut auf gut Englisch anstrebt oder sich diesem stellen muss, oder ob es die Eurozone verlässt. Also ein Verlassen der Eurozone, das habe ich gerade versucht zu sagen, ist glaube ich im Moment nicht auf der Tagesordnung, und das hätte weitreichende Konsequenzen, die über das rein wirtschaftlich Monetäre weit hinausgehen. Deswegen halte ich das auch nicht für wahrscheinlich im Moment.

Bremkamp: Aber ...

Klinz: ... eine Restrukturierung, das sprich: einen Schuldenschnitt, der wird meiner Meinung nach unausweichlich sein und deshalb auch kommen, und ich halte es deshalb nicht für richtig, dass gebetsmühlenartig immer wieder gesagt wird, das kommt nicht, das schließen wir kategorisch aus. Denn wenn so etwas als notwendig erachtet wird - und da sind sich sehr viele Ökonomen einig, dass es anders gar nicht geht -, dann sollte man das lieber schnell machen. Je länger man es aufschiebt, umso höher werden die daraus folgenden Belastungen kosten.

Bremkamp: Sagt Wolf Klinz, der Europaabgeordnete der FDP ist Vorsitzender des Sonderausschusses zur Wirtschafts- und Finanzkrise im Europaparlament. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Klinz: Danke Ihnen, Herr Bremkamp, schönen Tag!

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