Dienstag, 07. Dezember 2021

Marc Sinan: Oratorium "Manifesto"Tatorte als Bühne des Gedenkens

Der NSU-Terror fand vielerorts statt: in Hamburg, München, Nürnberg, Kassel, Heilbronn und Jena. Komponist Marc Sinan führt sein Publikum zu jenen Tatorten, an denen Musiker gleichzeitig spielen. So entsteht sein Gesamtkunstwerk, sein Oratorium "Manifesto".

Von Julia Kaiser | 01.11.2021

Blick auf das Mahnmal, auf den ins Pflaster eingelassenen Bronzestern mit Bild von Süleyman Tasköprü, neben dem Blumen liegen und eine Kerze steht.
Auch an Süleyman Tasköprü wird in dem Oratorium gedacht, der in einem Hamburger Gemüseladen erschossen wurde. (imago / Joerg Boethling)
Den Opfern des NSU eine Stimme geben, das war der Wunsch an den Komponisten Marc Sinan. So entstand ein Werk, das Konzerte an sieben Orten gleichzeitig miteinander verknüpft und damit Tatorte verbindet, an denen der "nationalsozialistische Untergrund", Morde verübt hat.
Der erste fand im Jahr 2000 an einem türkischen Blumenhändler in Nürnberg statt, weitere Anschläge der Gruppe gab es in Dortmund, Köln, Hamburg, München, Nürnberg, Kassel, Heilbronn und auch Jena, wo die Premiere von "Manifesto" von Marc Sinan am 28.10.2021 hauptsächlich stattfand. An alle Taten und Opfer gleichzeitig in einem Konzert erinnern, und nicht nacheinander an den jeweiligen Schlüsselorten. Das ist die Idee hinter "Manifesto".

Sieben Tatorte sind Bühne der Erinnerung

In einer Kirche in Halle dröhnt in der so betitelten "Abwesenheit Gottes" eine interaktive Orgel. Per Videostream sieht man: Je mehr Menschen sich auf Kontaktkreisen am Boden versammeln, desto ruhiger wird das Instrument.
In München errichtet eine Punk-Performance einen "Altar der Rache". Aus Rostock trommeln Jugendliche "Die Anwesenheit des Menschen" herbei. Alle Performances sind abendfüllend. Doch zu genau definierten Zeitmarken werden sie per Videoübertragung auf drei Leinwände im ins Volkshaus Jena geschaltet, wo die Jenaer Philharmonie, Chor und Gesangssolisten das Hauptwerk von Mark Sinan musizieren, "Manifesto".
Komponist Marc Sinan sieht diese Vernetzung "auch ein bisschen als Metapher dafür, wie sich eben im Kontext von Täterschaft und Opferschaft Zeit und Raum falten. Das lässt sich sehr schön dadurch erzählen, dass Dinge an mehreren Orten gleichzeitig stattfinden, die unsichtbar mit einander verbunden sind.

Der Ort wirkt in die Musik

Oguz Büyükberber ist Klarinettist. Er spielt in Heilbronn auf dem dunklen Parkplatz, an dem die Polizistin Michelle Kiesewetter erschossen wurde. Die improvisierende Klarinettenstimme schwebt wie ein Soloinstrument über dem Orchester. Und das an einem Ort, der sich emotional auf die Musiker schlägt.
Ganz hundertprozentig scheinen die Parts zuweilen doch nicht getaktet zu sein. Das macht den Dialog aber umso lebendiger. Längst hat sich dem Publikum erschlossen, dass alle Solistinnen, Solisten und Ensembles nicht nur ein musikalisches, sondern auch ein emotionales Netz flechten.

Kinderstimmen als Emotionsträger

Musikalisch ist Marc Sinans Oratorium opulent und dicht orchestriert. Dazu singen die Solisten und sprechen Kinderstimmen Gedanken der Opfer, auch alttestamentarische Racheschwüre, Koranverse, Thora-Texte, Zitate von Hannah Arendt bis Ismail Yozgat.
Und dann gelingt Marc Sinan, einen Lichtstrahl zu setzen. In Köln dirigiert Niklas Genschel den aus Amateuren bestehenden Chor, der in langen Silben und dann immer schneller werden ein Wort formuliert: Vergebung.