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StartseiteTag für Tag"Nicht jeder Widerstand kann sich auf Luther berufen" 19.04.2021

Margot Käßmann"Nicht jeder Widerstand kann sich auf Luther berufen"

Vor 500 Jahren berief sich Luther vor dem Wormser Reichstag auf sein Gewissen und distanzierte sich nicht von seinen Thesen. Ein bis heute prägender Moment, sagte die Theologin Margot Käßmann im Dlf: In Stunden des Gewissens zähle trotz öffentlichen Drucks das Geradestehen. Standfestigkeit sei nicht Sturheit.

Margot Käßmann im Gespräch mit Monika Dittrich

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"Luther vor Kaiser und Reich" - Gustav Königs Radierung von 1847 zeigt Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms 1521 (picture alliance / akg-images )
Luthers Akt des Widerstands wirkt auch ein halbes Jahrtausend später nach (picture alliance / akg-images )
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Im April 1521, also vor 500 Jahren, reiste der Mönch und Reformationsrebell Martin Luther von Wittenberg nach Worms. Vor Kaiser Karl V. und dem Reichstag sollte er seine revolutionären Ansichten widerrufen. Denn Luther hatte gegen Ablasshandel und Papsttum gewettert und eine andere Art des Glaubens gepredigt. Für die Kirche in Rom war er damit zum Ketzer geworden. Doch Luther blieb standhaft bei seiner Meinung, berief sich auf sein Gewissen und die Bibel und überliefert sind seine Worte: Hier stehe ich und kann nicht anders, Gott helfe mir. Auch wenn diese Formulierung wohl eher nachträglich hinzugedichtet wurde.

Gedenken in Digitalveranstaltung

Die Stadt Worms jedenfalls wollte mit einem großen Festakt an diesen Luthermoment erinnern; wegen der Corona-Pandemie wurde daraus eine Digitalveranstaltung. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bezeichnete die Stunden und Tage von Worms vor 500 Jahren als eine "kostbare Erinnerung für Europa und die Welt". Hier ein Ausschnitt aus der Videoansprache:

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier:
"Wir gedenken einer europäischen Sternstunde des erwachten individuellen Gewissens. Dass Religion nicht ohne Freiheit gedacht und gelebt werden kann, dass die Freiheit, nach seinem Gewissen sprechen und leben zu können zu unseren unverlierbaren Grundüberzeugungen gehört, das lag 1521 ganz gewiss noch nicht im Denkhorizont der Zeitgenossen. Das Mittelalter war noch längst nicht vorbei. Aber der Keim war hier gelegt. Der Keim zur Überzeugung: Nicht Autorität, weder Kaiser noch Papst, nicht Tradition allein, wie heilig und lang sie auch sei, dürfen das religiöse, und schließlich auch das gesellschaftliche Leben bestimmen.

Die Erinnerung an Worms sagt uns schließlich: Es gibt eine Stunde des Gewissens, in der ein Mensch ganz allein mit sich selbst ist, in der es ganz allein auf seinen Mut, auf seinen Willen und seine Standfestigkeit ankommt. Luther hat eine solche Stunde des Gewissens exemplarisch erlebt – und bestanden. Kein Zweifel: Das sind besondere, außerordentliche Situationen. Wir sollten deshalb – auch aus Achtung vor wirklich schwerwiegenden Gewissensfragen – nicht jede unserer Auseinandersetzungen, nicht jeden Streit um richtige Wege zu Fragen der Wahrheit und des Gewissens machen."

"Das Gewissen schärfen"

Monika Dittrich: Eine "Sternstunde des Gewissens", so der Bundespräsident über Martin Luther, der sich vor 500 Jahren weigerte, seine Kritik an der Kirche zurückzunehmen. Luthers Worte sind seither zum Symbol geworden für den Wert der Gewissensentscheidung, für Protest und Widerstand, auch für Meinungs- und Glaubensfreiheit. Was Luthers 500 Jahre alte Weigerung von Worms heute bedeutet, darüber kann ich jetzt mit Margot Käßmann sprechen, Theologin und früher Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland. Außerdem war sie Botschafterin für das Reformationsjubiläum im Jahr 2017. Guten Morgen, Frau Käßmann.

Margot Käßmann: Guten Morgen, Frau Dittrich.

07.05.2019, Baden-Württemberg, Freiburg: Die evangelische Theologin Margot Käßmann spricht während eines dpa-Interviews. (picture alliance / dpa/ Patrick Seeger)Theologin Margot Käßmann (picture alliance / dpa/ Patrick Seeger)

Dittrich: Frau Käßmann, die Weigerung von Martin Luther, zu widerrufen, und die legendären, wenn auch legendenmäßigen Worte "Hier stehe ich, ich kann nicht anders". Was bedeutet das für Sie, ganz persönlich?

Käßmann: Für mich bedeutet das persönlich auch viel, weil ich denke, es gibt Stunden des Gewissens, da darst du nicht fragen, ist es jetzt der öffentliche Druck oder das Anpassen, was gefragt ist, sondern das Geradestehen. Aber nicht aus irgendeinem Grund, sondern Luther hat ja sehr klar gesagt: Wenn ich nicht durch das Zeugnis der heiligen Schrift oder Argumente, also Vernunft, überzeugt werde, dann kann ich meine Schriften nicht widerrufen. Also es geht nicht einfach drum: Ich fühle das jetzt gerade. Sondern ich muss mein Gewissen schon schärfen - an der Bibel und an der Vernunft.

Wehrdienstverweigerung und Kirchenasyl

Dittrich: Und welchen Wert hat das in der evangelischen Kirche heute? Wird das geschätzt und gewürdigt, wenn jemand so radikal gegen den Strom schwimmt?

Käßmann: In unserer Kirche gibt es großen Respekt davor, wenn beispielsweise – ich nehme jetzt eine Auseinandersetzung, die ich viele Jahre und Jahrzehnte erlebt habe in der Friedensfrage, Kriegsdienstverweigerung, das war eine Gewissensfrage, das können sich junge Leute heute nicht mehr vorstellen, aber die evangelische Kirche hat immer befürwortet, dass damals junge Männer aus Gewissensgründen, aus ihren religiösen Überzeugungen heraus den Dienst an der Waffe verweigern beispielsweise.

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Ein anderes Beispiel ist für mich das Kirchenasyl. Wenn Kirchengemeinden sagen, wir können nicht zulassen, dass dieser Geflüchtete abgeschoben wird, weil wir überzeugt sind, dass seine Argumente nicht angemessen gehört wurden und er eigentlich ein Recht hat, hier Zuflucht zu finden, dann ist das auch eine Gewissensentscheidung, in dem Fall in der Regel einer ganzen Kirchengemeinde.

"Hans Küng hat da sehr reformatorisch argumentiert"

Dittrich: Wenn wir auf die katholische Kirche schauen, Sie haben jetzt eben gesagt, es geht auch darum, bei öffentlichem Druck geradezustehen. Ist die katholische Kirche also in diesem Luthersinne besonders standhaft, wenn sie beispielsweise sagt: Frauen dürfen nicht zum Priesteramt zugelassen werden?

Käßmann: (lacht) Das ist natürlich für eine evangelische Theologin immer schwer, sich in eine andere Kirche... oder sollte ökumenisch nicht getan werden, sich in eine andere Kirche einzumischen, aber es ist wahrscheinlich sehr offensichtlich, dass ich die Bewegung Maria 2.0, die für den Zugang von Frauen zum Priesteramt eintritt, sehr positiv einschätze. Weil Luther ja - ein Jahr vor Worms muss man sagen - in seinen beiden ganz großen Schriften "An den christlichen Adel deutscher Nation" und "Von der Freiheit eines Christenmenschen" die Argumente der katholischen Kirche, beispielsweise mit Blick auf Zölibat damals schon, 'Character indelebilis' von Priestern, also ein erhobener Charakter, ein veränderter Charakter der Priester und deshalb auch eine eigene Rechtsform quasi, das Papsttums massiv von der Bibel her angegriffen hat. Diese Argumente Luthers haben später andere aufgegriffen. Ich nehme den kürzlich verstorbenen Hans Küng, der für mich da sehr reformatorisch argumentiert hat, ganz ähnlich wie Luther.

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Dittrich: Das heißt, hier müsste die Standhaftigkeit eigentlich eine Grenze haben?

Käßmann: Standhaftigkeit ist eine Standhaftigkeit von der Bibel her und von den biblischen Argumenten her. Die sehe ich in der Argumentation über die 500 Jahre hinweg nicht verändert. In der Bibel ist beispielsweise vom Zölibat nicht die Rede.

Luther - "ein sprachbegabtes Publikationsgenie"

Dittrich: Im Grundgesetz ist die Gewissens- und Meinungsfreiheit garantiert. Auch die Abgeordneten des Deutschen Bundestages beispielsweise sind nur ihrem Gewissen unterworfen, steht auch im Grundgesetz. Haben wir das auch Martin Luther zu verdanken?

Käßmann: Ja, durch ihn ist dieser Gewissensbegriff überhaupt erst in die öffentliche Wahrnehmung gekommen. Bei der Gedenkfeier hat der Historiker Thomas Kaufmann gesagt: Luther war natürlich auch ein sprachbegabtes Publikationsgenie. Also, er hat es auch vermocht, als der erste wohl so etwas in die Öffentlichkeit zu bringen. Also dieser Satz, der dann kurz zusammengefasst lautete "Ich stehe hier, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen", war ja schon in der Welt, als noch verhandelt wurde in Worms, was das Ergebnis sein sollte. Da können wir sagen, dass Luther das Medium genutzt hat, aber von seinem Gewissen her. Er war zutiefst überzeugt, wir müssen sagen: Das war kein Spaß, es ging um Leben und Tod für ihn. Wäre er als vogelfrei erklärt worden, in dem Moment hätte jeder ihn töten können, ohne dafür bestraft zu werden.

Was Luther zu den Querdenkern sagen würde

Dittrich: Es gab viele große Widerstandskämpfer, die sich auf Luther berufen haben oder aus heutiger Sicht mit ihm in eine Reihe gestellt werden, gerade auch jetzt zum Jubiläum von Worms. Das reicht von Dietrich Bonhoeffer über Martin Luther King bis hin zu Nelson Mandela. Andererseits sehen wir heute die sogenannten "Querdenker", also Menschen, die gegen die Corona-Politik protestieren, die sich auch auf diese Tradition der Gewissensfreiheit berufen und auch sagen ich stehe hier, ich kann nicht anders und sich selbst im Widerstand sehen. Was hätte Luther dazu gesagt?

Käßmann: Ich denke, das (die Querdenker) hätte er nicht akzeptiert, weil ich bei diesen Menschen nicht höre, dass sie die Vernunft, die Argumente hören. "Gerade denken", hätte Luther gesagt, meine ich. Von der Schrift her denken sie schon gar nichts. Das hat ja nichts mit tiefsten Glaubensüberzeugungen zu tun, sondern scheint mir doch sehr, sehr emotional gesteuert zu sein.

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Nicht jeder Widerstand kann sich auf Luther berufen, sondern es muss schon ein Widerstand sein, der sich auf Denken und auf Glauben beruft. Ich denke mal: Die anderen, die Sie genannt haben, Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer, auch Nelson Mandela oder jemand wie Sophie Scholl. Die stehen in dieser Tradition.

Dittrich: Für Luther war die Bibel die Richtschnur, das haben Sie gesagt. Aber das muss ja nicht für jeden das Richtige sein.

Käßmann: Es kann für andere auch ein anderes Argument sein, eine andere Grundlage sein. Aber es ist eine Auseinandersetzung mit Vernunftgründen und Argumenten. Luther hat ja gesagt: Ich würde widerrufen, wenn mir widerlegt wird, dass das, was ich geschrieben habe, richtig ist. Und es wurde nicht widerlegt. Von Eck hat das ja versucht auf dem Reichstag. Ich denke, es gab damals auch ein großes Erstaunen, dass Luther im Grunde eine Umkehr betrieben hat: Jetzt sollte bewiesen werden, dass das, was er geschrieben hat, falsch ist in der Sache oder von der Bibel her.

"Sturheit heißt: Ich denke nicht weiter"

Dittrich: Nun ist das "Ich stehe hier und kann nicht anders" nicht nur eine Frage des Gewissens, sondern es geht auch um Standhaftigkeit. Das hatten wir eben schon mal, das Thema. Aber wo ist dann die Grenze zur Sturheit? Oder anders gefragt: Was muss man tun, wenn sich eine Gewissensentscheidung als Irrtum herausstellt, selbst wenn man Vernunftgründe vorher herangezogen hat?

Käßmann: Das gehört zu unserer evangelischen Tradition auch dazu, dass der Mensch Fehler machen kann. Der Mensch kann scheitern und kann solche Fehler auch eingestehen und dann sagen: Das war falsch und ich bitte die anderen, mich zu entschuldigen, mir das zu verzeihen. Ich meine, beispielhaft die Bundeskanzlerin vor Kurzem. Es gehört auch die Einsicht dazu, weiter lernen zu können.

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Sturheit heißt: Ich denke nicht weiter. Ich denke bis hierher und werde keinem Argument zugänglich sein. Jemand, der wirklich sein Gewissen prüft, wird immer andere Argumente hören und abwägen: Geht es mir nur hier um mich selbst? Oder höre ich tatsächlich auch, was andere sagen und kann gegebenenfalls auch meine Meinung ändern? Ja, das ist möglich.

Und das sehen wir auch in der Geschichte unserer evangelischen Kirche. Jetzt nehme ich mal die Frauenordination. Luther hat geschrieben, schon 1520: "Jeder, der aus der Taufe gekrochen ist, ist Priester, Bischof, Papst." Dass Frauen auch aus der Taufe gekommen sind, hat er noch nicht gesehen. Da haben wir mit Luther sagen wir mal über Luther dann hinausgedacht.

Dittrich: Sie haben es jetzt eben angesprochen: Hat Angela Merkel aus Ihrer Sicht alles richtig gemacht, als sie kürzlich ihren eigenen Vorschlag der Osterruhe zurücknahm und sich dafür auch öffentlich entschuldigte?

Käßmann: Ja, ich denke, einen Fehler bekennen, auch öffentlich zugeben und sich darauf verlassen zu können, dass andere mir zutrauen, anderes neu zu denken, mit neuen Argumenten – das ist auch eine gut protestantische Haltung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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