Dienstag, 28. Juni 2022

Archiv

Markgräfliches Opernhaus
Barocker Goldrausch in Bayreuth

Atemberaubende Pracht, illusionistische Malerei und eine Soundmaschine: Das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth ist ein Glanzstück barocker Architektur. Dass es im 18. Jahrhundert erbaut wurde, liegt an einer preußischen Prinzessin, die von der Stadt erst gar nicht angetan war.

Von Christina Küfner | 05.08.2018

Details im Innenraum des sanierten Markgräfliche Opernhauses in Bayreuth.
Barock in Höchstform: verzierte Balkonlogen, Säulen, Ornamente im Überfluss (dpa / Daniel Karmann)
Bayreuth und seine Festspiele - Glanz und Glamour am Grünen Hügel! All das liegt nur an ihm, am großen Richard Wagner. Denkt man. Eigentlich aber beginnt die Geschichte der Oper hier früher, Jahrzehnte vor Wagner. Und die ersten Arien erklangen auch nicht auf dem Grünen Hügel, sondern mitten in der Stadt, im Markgräflichen Opernhaus.
Preußische Prinzessin bringt die Oper in die Stadt
Die Nachmittagssonne taucht die Sandsteinfassade in honigfarbenes Licht. Links und rechts schließen sich Bauwerke an, sodass das Gebäude optisch gar nicht so groß wirkt. Das Äußere ist aber auch nicht der Grund, weshalb es als Sensation gilt. Also nicht lange stehen bleiben und lieber hinein!

"Wir befinden uns hier in der Vorhalle des Opernhauses. Dieser Raum ist bei adeligen Gästen für das Servieren von Punsch-Limonade und Mandelmilch verwendet worden. Also der Hofkonditor hatte hier in einem Nebenraum seine Requisiten stehen, hat Biskuit serviert. Es ist eine Wache hier postiert gewesen, die das Spiel rührte, wie es in den Quellen heißt, also Pauken und Trompeten gespielt hat, wenn die herrschaftlichen Damen und Herren sich in das Opernhaus begeben haben."
Dass sich die Adeligen hier trafen, war das Verdienst einer Dame, erklärt Thomas Rainer von der Bayerischen Schlösserverwaltung. Seit 1732 nämlich lebte Wilhelmine in Bayreuth, preußische Königstocher und Schwester von Friedrich dem Großen. Grund für ihren Umzug: die Ehe mit dem Markgrafen der Stadt.
Außenansicht des Markgräflichen Opernhauses Bayreuth bei Nacht.
Das Markgräfliche Opernhaus Bayreuth zählt seit 2012 zum Weltkulturerbe (imago / Robert Fishman)
Provinz statt Preußen hieß das für die Prinzessin, die zunächst bitter von Bayreuth enttäuscht war. Doch Wilhelmine war kreativ und schuf sich in Franken ihr eigenes Reich. Ließ Parks anlegen und Gebäude errichten. Darunter jenes, das seit 2012 Weltkulturerbe ist: das Markgräfliche Opernhaus.

"Man wollte mit den größten Höfen der Zeit in Konkurrenz stehen, man wollte mitspielen auf der großen Bühne. Wilhelmine war eine preußische Königstochter und sie hat diesen Anspruch auch hierher nach Bayreuth getragen. Sie hat die fränkische Kultur, die sie hier kennengelernt hat, zunächst sehr kritisiert, hat dann aber versucht in einer kulturpolitischen Großkampagne, ein Niveau hier zu errichten, wie es in Dresden, in Wien und am Hof ihres Bruders, Friedrichs des Großen in Berlin gang und gäbe war."
Im Zuschauerraum stockt dem Besucher der Atem
Wer in der Vorhalle steht, erkennt das nicht gleich. Auf den ersten Blick wirkt sie recht schlicht, weiß getünchte Wände und Treppen, keinerlei Schmuck. Das hat man bewusst so gemacht, erklärt Thomas Rainer. Um das Staunen, das der Besucher als nächstes erlebt, noch zu vergrößern.

Denn wer anschließend in den Zuschauerraum tritt, dem stockt förmlich der Atem. Ein barocker Goldrausch bis hoch an die Decke, reich verzierte Balkonlogen und Säulen, üppige Musen und verspielte Ornamente, alles erhellt von hunderten Armlüstern. Ganz vorn eine prachtvolle Bühne, die sich scheinbar unendlich fortsetzt.

"Mit einer illusionistischen Malerei hat man den Eindruck geschaffen, dass man sich in einem prächtigen, höfischen Palastraum befindet. Und dieser Gesamteindruck, der überwiegt zunächst, wenn man in diesen Raum hineingeht. Man ist einfach überwältigt von der Malerei, von diesen illusionistischen Ornamenten, die eine dreidimensionale Wirkung entfalten. Das ist tatsächlich das einzige, erhaltene barocke Hoftheater in dem man die Illusionskultur des Barocktheaters so erleben kann, wie man sie im 18. Jahrhundert erlebt hat."
Auftrag an einen italienischen Stararchitekten
Über hölzerne Stufen gelangt man hoch zu den Logen, die im mattgelben Schein der Lüster an die Waben von Bienen erinnern. Man kann sich gut vorstellen, wie die Adligen hier damals eintrafen, angetan im feinen Zwirn, mit tupierten Perücken und ausladenden Reifröcken.

1744 gab die Markgräfin das Haus in Auftrag - bei einem Star der damaligen Zeit, dem Italiener Guiseppe Galli Bibiena. Der war als Architekt in ganz Europa gefragt. Und auch sonst engagierte Wilhelmine nur findige Köpfe. Bühnentechniker zum Beispiel, die genau wussten, wie man die Leute beeindruckt. Noch heute zeigt das eine Führung.

"So und hier sind wir jetzt bei der Donnermaschine. In diesem Kasten befinden sich Holzkugeln, die abgeschrägt sind, damit sie möglichst nicht ruhig laufen, sondern poltern, damit zu hüpfen und zu springen anfangen."
Barocke Bühnentechnik: eine Illusionsmaschine
Zur dramatischen Untermalung der Opern ließ sich so ein dickes Gewitter erzeugen. Begleitet selbstverständlich von heftigem Wind und prasselndem Regen, erklärt Theaterhistoriker Klaus-Dieter Reus seinen staunenden Besuchern.

"Wir haben hier Erbsen, die ich oben einfülle. Und je nachdem, wie weit ich dieses Brett öffne, fallen entweder viel oder wenige von den Erbsen durch und erzeugen dann eben ein sanftes Regengeräusch oder ein Geräusch bis hin dann zum Hagel."
Zu klein für Richard Wagner
Die Vorläufer moderner Soundeffekte sind hier zu hören, zur Barockzeit waren sie sozusagen State of the art. Auch wichtige Künstler und Hofleute kamen nach Bayreuth, das dank Wilhelmine eine kulturelle Blüte erlebte.
Blick in den Zuschauerraum des Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth
Das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth. Weltkulturerbe würdig sei es, beschied deshalb 2012 die UNESCO. (Kerstin Hildebrandt)
So kam es, dass die Stadt Jahrzehnte später auch jenen Mann interessierte, mit dem man sie bis heute assoziiert. Richard Wagner suchte nach einem passenden Heim für seine Opern. Doch Wilhelmines Schmuckstück war dem großen Meister leider zu klein.

"Man müsste ein barockes Juwel zerstören, wenn man es für eine Wagner-Oper umbauen würde. Das hat Richard Wagner selbst geschrieben. Er hat allerdings gesagt, Bayreuth gefällt ihm so gut als Stadt, dass er hier gerne sein Festspielhaus errichten möchte. Und 1872 ist dann im Markgräflichen Opernhaus die Grundsteinlegung für das Festspielhaus gefeiert worden."

Dass Wagners Opern auf dem Grünen Hügel erklingen, dass aus dem Provinznest eine Festspielstadt wurde, das alles nimmt also hier seinen Anfang. Der Komponist wäre wohl nie nach Bayreuth gekommen, hätte die umtriebige Wilhelmine der Stadt nicht zuvor schon ein faszinierendes Bauwerk geschenkt - das Markgräfliche Opernhaus.