Mutmaßlicher sexueller Missbrauch
Schwere Vorwürfe gegen den Ex-Jesuiten Marko Rupnik

Mehrere Ordensschwestern werfen dem Priester und Mosaikkünstler Marko Rupnik vor, sie sexuell und spirituell missbraucht zu haben. Wie sie um Gerechtigkeit kämpfen und wie der Vatikan reagiert, erzählt der Deutschlandfunk-Podcast "Heilsverbrechen".

Von Christopher Weingart, Gabriele Knetsch und Luisa Meyer |
    Marko Ivan Rupnik, Künstler und Priester, im Porträt
    Der slowenische Priester, ehemalige Jesuit und Mosaikkünstler Marko Ivan Rupnik, gegen den ein kirchenrechtlicher Prozess läuft (picture alliance / KNA / Cristian Gennari)
    Marko Rupnik hat sich in der römisch-katholischen Kirche einen Namen als Mosaikkünstler gemacht. Insgesamt 200 Mosaike hat er mit seinem Kunstzentrum „Centro Aletti“ in Kirchen und Kapellen auf der ganzen Welt verlegt – von Panama über Italien bis Australien. Die wichtigsten Kirchenkunstaufträge seiner Zeit gingen an den Künstler, Theologen und ehemaligen Jesuiten. Rupnik gestaltete etwa die Fassade der Wallfahrtskirche in Lourdes sowie eine päpstliche Kapelle mitten im Vatikan. 
    Doch mehrere Ordensschwestern werfen Rupnik Übergriffe vor. Der Jesuitenorden in Rom bestätigt auf Anfrage, mit 20 Frauen in Kontakt gestanden zu haben, die Rupnik mutmaßlich spirituell oder sexuell missbraucht haben soll.  

    Überblick

    Was werfen die Ordensfrauen Marko Rupnik vor? 

    Eine der Frauen ist Samuelle, eine Ordensschwester aus Frankreich. Sie arbeitete bis 2014 sechs Jahre mit Marko Rupnik in dessen Kunstwerkstatt in Rom zusammen. Rupnik habe anzügliche Bemerkungen gemacht und sie ungewollt umarmt. „Ich hatte die ganze Zeit Angst vor ihm, sogar körperlich. Und davor, mit ihm in einem Raum zu sein. Wenn er reinkam, fühlte ich mich sofort unwohl“, erzählt Samuelle im Gespräch mit dem Deutschlandfunk.  
    Auf einer Baustelle habe er von hinten ihren BH angefasst. „Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass wir bei einer Baustelle in einer Kirche ganz allein in einer Ecke standen, er seine Hand auf meine Schulter legte und sie dann meinen Rücken hinuntergleiten ließ“. Die Erlebnisse, von denen Samuelle berichtet, sollen sich zwischen 2008 und 2014 zugetragen haben.
    Doch die Vorwürfe gegen Rupnik reichen noch viel weiter zurück. Gloria Branciani lernt Rupnik 1985 in Rom kennen. Damals ist sie eine junge Studentin auf der Suche nach spiritueller Führung. Genau die habe sie in Rupnik gefunden, erzählt sie. Er ist damals ein aufstrebender Theologe, frisch ordinierter Priester und ein charismatischer Prediger, der zahlreiche junge Menschen um sich schart. Gloria tritt der Loyola-Gemeinschaft bei, dem katholischen Orden, den Rupnik Ende der 1980er-Jahre in Slowenien gründet.
    Zunächst habe Rupnik sie gebeten, für seine Gemälde Modell zu stehen, erzählt Branciani. Doch dann soll er sie aufgefordert haben, ihr Schlüsselbein zu entblößen, später habe er ihr auch an den Rock gefasst. Danach sei Rupnik zudringlicher geworden; Widerspruch habe er nicht akzeptiert, so Branciani. Auf ihre Ablehnung habe er ungehalten reagiert. Schließlich sei es zu gewaltvollen Übergriffen gekommen. Branciani wirft Rupnik vor, sie gewaltsam masturbiert und gegen ihren Willen zu Oralsex gezwungen zu haben.

    Rupnik soll Übergriffe theologisch begründet haben

    Rupnik habe seine Übergriffe immer theologisch begründet. So habe er von Branciani gefordert, mit ihm und einer weiteren Schwester zu dritt Sex zu haben, er soll gesagt haben: „Diese Schwester steht dann für die dritte Figur in der Dreifaltigkeit: den Heiligen Geist, der unsere Beziehung verbindet.“ 
    Eine andere ehemalige Ordensschwester wirft Rupnik vor, ihr den Zeigefinger gebrochen zu haben. Außerdem habe er sie einmal während der Beichte eingesperrt. 
    Dazu kommen Vorwürfe von spirituellem Missbrauch. Die Ordensschwestern berichten, dass Rupnik ihren Glauben ausgenutzt habe, um sie zu manipulieren, gefügig zu machen oder sexuellen Missbrauch anzubahnen. Den Vorwurf des spirituellen Missbrauchs richten die Ordensschwestern auch gegen die ehemalige Oberin und Mitgründerin der Loyola-Gemeinschaft, Ivanka Hosta.
    Ein altes, einstöckiges Gebäude, das einem Bauernhaus ähnelt, steht an einer Straßenecke im slowenischen Ort Mengeš
    Erster Sitz der von Marko Ivan Rupnik gegründeten Loyola-Gemeinschaft in Mengeš (Slowenien) (Deutschlandradio / Christopher Weingart)
    Ihnen sei ein modernes Leben versprochen worden, erklärt Fabrizia Raguso, die Mitglied des Ordens war. In der Gemeinschaft würden Bildung, Karriere, Glauben und Zusammenleben miteinander verbunden. Stattdessen habe Hosta die Gemeinschaft zunehmend wie eine Sekte geführt. Es habe ein Kontrollsystem gegeben, unliebsame Schwestern seien bloßgestellt worden, Kontakte zu Familie und Außenwelt sowie Freundschaften unter den Schwestern seien verpönt gewesen, so Raguso. Sie wirft Hosta zudem vor, Rupniks mutmaßliche Übergriffe gegen die anderen Schwestern nicht angezeigt zu haben.
    Alle in diesem Text genannten Vorwürfe haben wir Rupnik detailliert vorgelegt, damit er seine Sicht der Dinge darlegen kann. Er hat allerdings auf keine der Anfragen geantwortet. Auch Hosta hat auf die Deutschlandfunk-Anfrage nicht reagiert.

    Welche Konsequenzen gab es bislang für Marko Rupnik? 

    Branciani berichtet, dass sie die mutmaßlichen sexuellen Übergriffe bereits 1993 gemeldet habe, zunächst bei der Ordensoberin Hosta, danach auch bei Rupniks geistlichem Begleiter, dem tschechischen Theologen und späteren Kardinal Tomáš Špidlík. 1994 habe sie auch den ehemaligen Erzbischof von Ljubljana, Alojzij Šuštar, von den mutmaßlichen Übergriffen in Kenntnis gesetzt. Eine Untersuchung habe aber keiner von ihnen eingeleitet.
    Marko Rupnik steht vor Entwürfen seiner Mosaiken mit Heiligenfiguren im byzantinischen Stil
    Fertigte Mosaike im byzantinischen Stil, unter anderem für Lourdes: Marko Rupnik 2007 (picture alliance / abaca / Vandeville Eric / ABACA)
    Stattdessen wird Rupnik 1993 aus der Loyola-Gemeinschaft entfernt und nach Rom versetzt. Seiner Karriere tut das keinen Abbruch. Rupnik erfindet sich im Vatikan neu, tritt nun als Theologe und Künstler auf, konzentriert sich auf Mosaike im byzantinischen Stil und gründet das katholische Kunstzentrum Centro Aletti. Sein Mentor Špidlík gilt als Vertrauter von Papst Johannes Paul II. Dadurch legt Rupnik einen rasanten Aufstieg hin, wird zum Hofkünstler des Papstes, gestaltet Mitte der 1990er-Jahre sogar die Privatkapelle des Papstes mit seiner Kunst neu.

    Rupnik wird 2023 aus Jesuitenorden ausgeschlossen

    Erst 2022 gehen Branciani und später auch andere Ordensschwestern mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit. Daraufhin wird bekannt, dass hinter den Kulissen bereits einiges geschehen war: Schon 2019 hatte ein italienischer Weihbischof im Auftrag des Vatikans zu den Missbrauchsvorwürfen gegen Rupnik ermittelt. Er kam zum Schluss, dass die Vorwürfe „glaubwürdig und solide“ seien.  
    Ebenfalls 2019 verbot der Jesuitenorden Rupnik, Beichten abzunehmen, Exerzitien zu leiten, geistliche Begleitung zu geben oder öffentlich aufzutreten. Weil Rupnik sich an diese und auch weitere Maßnahmen nicht hält, schließen ihn die Jesuiten 2023 aus dem Orden aus – die slowenische Diözese Koper nimmt ihn daraufhin allerdings wieder als Priester auf. 
    Nachdem der Vatikan die Vorwürfe zunächst als verjährt eingestuft hat, steht die Kirche nach zahlreichen Medienberichten unter Druck. 2023 erklärt Papst Franziskus die Verjährung der Fälle nach dem Kirchenrecht für aufgehoben. Damit ist auch der Weg für einen kirchenrechtlichen Prozess frei. Dieser findet aktuell statt, der letzte Stand dazu ist, dass der Vatikan im Oktober 2025 Richter für den Prozess benannt hat. 

    Welche Rolle spielte Papst Franziskus in dem Fall? 

    Franziskus und Rupnik waren gute Bekannte. Es gibt ein Foto aus dem Jahr 2016, das einen lächelnden Franziskus und einen lachenden Rupnik vor einem von Rupniks Mosaiken zeigt. Beide gehörten zudem dem Jesuitenorden an. Bis heute ist unklar, wie viel Franziskus hinter den Kulissen mit dem Fall zu tun hatte. Vor allem die Hintergründe von Rupniks Exkommunikation werfen dabei Fragen auf.  
    Nach den ersten Medienberichten räumen Kirchenvertreter ein, dass Rupnik 2020 kurzzeitig exkommuniziert wurde. Diese Exkommunikation sei aber wenig später wieder aufgehoben worden. Der Grund für die Exkommunikation - immerhin eine der höchsten Strafen, die das Kirchenrecht kennt - seien aber nicht die Missbrauchsvorwürfe gegen den Priester gewesen. Rupnik habe sich vielmehr einer kirchlichen Straftat schuldig gemacht: der „Absolution eines Mitschuldigen“.
    Der damalige Papst Franziskus im Jahr 2019 im Profil
    Papst Franziskus (1936-2025) scheint sich mit dem Fall Marko Rupnik beschäftigt zu haben (imago / ULMER Pressebildagentur )
    Rupnik habe einer Frau, mit der er Sex hatte, die Beichte abgenommen und ihr dabei auch die Sünde des Ehebruchs vergeben. Ehebruch deswegen, weil Rupnik als Priester im Zölibat lebt und die beiden nicht verheiratet waren. Doch die Exkommunikation wurde schon wenig später wieder aufgehoben. 
    Bis heute ist unklar, ob das auf Veranlassung von Papst Franziskus persönlich geschah oder ob er zumindest über die Aufhebung informiert war. Der Vatikan hat unsere Anfrage dazu nicht beantwortet.
    Zumindest scheint sich Franziskus aber mit dem Fall beschäftigt zu haben. Das legt eine Geschichte nahe, die der slowenische Priester Janez Cerar im Interview mit dem Deutschlandfunk erzählt. Cerar engagiert sich heute in Slowenien für die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen. Er und Papst Franziskus sind alte Bekannte aus Argentinien.
    Kurz vor der Exkommunikation Rupniks habe Franziskus Cerar gebeten, nach Rom zu kommen. Bei einem persönlichen Treffen habe Franziskus ihn gefragt, was er über den Fall Rupnik wisse, berichtet Cerar. Später sagte Franziskus in einem Interview zu dem Fall: „Eine Person, ein Künstler auf diesem Level – das war eine große Überraschung und ein großer Schmerz, diese Dinge tun weh“. Der Papst distanzierte sich allerdings nie vollständig von Rupnik: Kurz vor seinem Tod hatte der Papst noch einen Druck eines Rupnik-Mosaiks in seiner Privatwohnung hängen. 

    Was ist der aktuelle Stand im Fall Rupnik?

    Über den Prozess im Vatikan dringt nur sehr wenig nach außen. Selbst die Betroffenen erhalten keinerlei Informationen über den Fortgang des Verfahrens, den Prozesstermin oder die Anklage, wegen der Rupnik sich verantworten muss. „Es ist so praktisch, die Opfer im Dunkeln zu lassen“, erklärt Schwester Samuelle, „sonst machen sie Lärm, die Medien berichten. Aber ist das tatsächlich Gerechtigkeit? Diese Stille ist für mich Teil des Problems.“
    Das Kirchengericht, vor dem Rupnik angeklagt ist, hat nur begrenzte Möglichkeiten, was eine Strafe angeht. Schlimmstenfalls könnte Rupnik sein Priesteramt und seine Bezüge verlieren. Eine Gefängnisstrafe droht ihm nicht, weil die Vorwürfe in der weltlichen Justiz bereits verjährt sind. 
    Schwester Samuelle, eine lächelnde Frau mit Brille und Kurzhaarfrisur, hält einen Entwurf zu einem Mosaik mit einigen schwarzen Mosaiksteinen in den Händen. Ihr Profil ist in einem Spiegel an der Wand zu erkennen.
    Schwester Samuelle mit dem Entwurf ihres Mosaikprojekts "Renaissance" (Deutschlandradio / Luisa Meyer)
    Gleichzeitig gibt es eine Debatte über den Umgang mit Rupniks Kunstwerken. Einzelne Mosaike, zum Beispiel an der Fassade der Wallfahrtskirche in Lourdes, wurden inzwischen verdeckt. Die meisten befinden sich aber noch an Ort und Stelle.
    Schwester Samuelle hat einen Vorschlag, wie mit den Mosaiken umgegangen werden könnte: Sie arbeitet heute selbstständig als Mosaikkünstlerin und versucht, eine Art Gegenkunst zu Rupniks Mosaiken zu entwickeln. Derzeit erstellt sie ein 50 Quadratmeter großes Mosaik aus 200 einzelnen Teilen. Diese sollen neben Rupniks Werken angebracht werden. Einzelne Anfragen von Kirchen habe sie bereits erhalten.

    Wie verbreitet ist der Missbrauch an Ordensfrauen? 

    Bislang gibt es kaum quantitative Studien darüber, wie weit verbreitet Missbrauch an Ordensfrauen ist. Dabei ist das Problem lange bekannt. Die irische Ordensschwester Maura O’Donohue deckte schon 1994 in einem Bericht Missbrauchsfälle an Ordensfrauen in 23 Ländern auf. Der Bericht ging zunächst an den Vatikan, der ihn unter Verschluss hielt. 2001 wurde der Text geleaked. 
    In einer US-Studie mit 1.000 Ordensschwestern aus dem Jahr 1998 geben 30 Prozent der Teilnehmerinnen an, in ihrem religiösen Leben bereits Missbrauch erlebt zu haben. 
    Mehr Forschung gibt es zu den Mustern und Dynamiken von Missbrauch an Ordensfrauen: Die Theologin Barbara Haslbeck hat 2025 in einer qualitativen Studie Interviews mit 15 Ordensfrauen in Deutschland ausgewertet. Sie spricht in der Studie von einer „Dramaturgie des Missbrauchs“.
    Dieses Muster beobachtet auch die Theologin und Missbrauchsforscherin Ute Leimgruber von der Universität Regensburg: „Männliche Täter beginnen oft mit einer sehr langen Grooming-Phase, in der Vertrauen aufgebaut wird, in der die Beziehung sehr positiv gestaltet wird. So machen sie sich mit den Opfern vertraut und lernen, wo sie ansetzen können.“
    Im selben Zug finde eine Isolation von der Außenwelt statt. Davon berichten auch viele der Schwestern, die Rupnik Missbrauch vorwerfen. Durch eine enge Bindung und das Kappen von Beziehungen nach außen seien die Frauen ausgeliefert gewesen, erklärt Leimgruber. „Man hat immer das Gefühl, mir selbst würde das nicht passieren. Aber man muss verstehen, dass die Situation des Missbrauchs manipulativ eingefädelt worden ist. Das dauert lange, lange Zeit, und irgendwann finden die Opfer sich in einer Position wieder, bei der sie selbst nicht wissen, wie sie dahin gekommen sind.“ 
    Hinweise an das Podcast-Team gern per Mail an: heilsverbrechen@deutschlandradio.de