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StartseiteBüchermarktEin Gegner der Tugend26.11.2014

Marquis de SadeEin Gegner der Tugend

Der Marquis de Sade hat grausamen sexuellen Praktiken seinen Namen verliehen, aber auch ein umfangreiches literarisches Werk hinterlassen. Was hat er uns heute noch zu sagen? Zu seinem 200. Todestag erscheint eine Reihe von Büchern über den verrufenen Autor.

Von Hans-Martin Schönherr-Mann

Ein Gipsabdruck des Totenschädels des Marquis de Sade ist neben älteren Ausgaben der Werke "Justine" (1801), "Juliette" (1797) und "L'union des arts ou les ruses de l'amour" (1810) zu sehen. (AFP / Joel Saget)
Der Marquis de Sade starb am 2. Dezember 1814 in der Anstalt von Charenton. Er hinterließ ein umfangreiches literarisches Werk. (AFP / Joel Saget)
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Nicht nur hat der verrufene Marquis de Sade in seinem philosophischen Roman "Aline et Valcour", der 1795 erscheint, eine politische Utopie geschrieben, sie hat sich in gewissem Maße bis heute sogar realisiert. Volker Reinhardt bemerkt dazu:

"Ich würde sagen, er hat keine Lieblingsverfassung. Er hat kein festes Staatsmodell. Worum er intellektuell ringt, ist eine Gesellschaft, da redet er und schreibt er auch in eigener Sache, die ein Maximum an praktischer Toleranz entwickelt, die also Menschen nicht verengte Lebensformen vorschreibt, sondern in der Lage ist, eben auch ein großes Spektrum von Abweichung zu dulden. Das hat er in dieser Südsee-Utopie niedergelegt. Diese Südsee-Utopie ist rein politisch betrachtet eine aufgeklärte Diktatur. Dort hat ein weitgereister Menschenfreund das Sagen, der eine Lebensordnung entwirft, in der man Mensch sein kann, auch wenn man andere Gelüste hat.

Doch de Sades Ruhm gründet darauf, sexuell motivierte grausame Handlungen begangen zu haben und diese auch noch extensiv literarisch zu beschreiben. In seinem in dieser Hinsicht berüchtigsten Werk "Die 120 Tage von Sodom", das der Verlag Matthes & Seitz Berlin neu verlegt, erklärt denn auch einer der vier adligen Lustmörder seinen Opfern:

"Es wird fraglos wenige Exzesse geben, zu denen wir uns nicht hinreißen lassen werden. Keine von euch möge daher widerstreben, gebt euch hin, ohne mit der Wimper zu zucken, und lasst alles mit Geduld, Unterwürfigkeit und Mut über euch ergehen. Wenn unglücklicherweise eine von euch an der Heftigkeit unserer Leidenschaften zugrunde geht, so trage sie ihren Tod mit Fassung. Wir sind nicht in dieser Welt, um immer zu existieren - und– was kann einer Frau Glücklicheres passieren, als jung zu sterben."

Elf Jahre Haft in den Kerkern des Absolutismus

De Sade schreibt den unvollendeten Text während seiner elf Jahre währenden Haft in den Kerkern des Absolutismus unter Ludwig XVI. Doch so einfach lassen sich die geschilderten Grausamkeiten nicht als sexuelle Ersatzhandlung ihres Autors qualifizieren. Denn Volker Reinhardt bemerkt:

"Also der Häftling de Sade schreibt hier seine Fantasien nieder. Es ist eine Art Rache an seinen Peinigern. Also wir sollten uns hüten, dieses mörderische Quartett mit de Sade gleichzusetzen. Das sind bösartige Karikaturen, einflussreicher Menschentypen des Ancien Régime. Das sind aber genau die Autoritäten, von denen sich de Sade verfolgt sieht. Und sie unterscheiden sich von ihm in einem ganz entscheidenden Merkmal. Sie sind feige."

Volker Reinhardt versucht in seiner spannend geschriebenen Biografie de Sade aus seinem Leben und seiner Gesellschaft heraus zu verstehen. De Sade entstammt dem französischen Hochadel, der im Absolutismus an politischem Einfluss verliert. So hat der junge de Sade außer eine Weile beim Militär, bei dem er sich durchaus mutig benimmt, eigentlich nichts zu tun. Natürlich muss er seinen adligen Dünkel demonstrieren und gibt dabei jede Menge Geld seines Vaters aus.

Eine der Lieblingsbeschäftigungen nicht nur von jungen Adligen waren sexuelle Amouren in der damals blühenden Prostitution oder mit diversen Mätressen. Wer in Paris etwas werden wollte, musste durch die Betten einflussreicher adliger Damen. Monogamie, gar eheliche Treue, wie sie im 18. Jahrhundert von der Aufklärung propagiert wurden, zählten nicht zu den adligen Tugenden. Man heiratete gemeinhin aus dynastischen Gründen. De Sade wurde von seinem Vater mit einer reichen Frau quasi zwangsverheiratet. Kein Wunder also, dass Promiskuität im Adel weit verbreitet war. Obendrein waren mit Prostituierten damals streng verbotene sexuelle Praktiken geradesehr populär, beispielsweise Sodomie, also neudeutsch Analverkehr oder das, was man seither Sadomasochismus nennt. Volker Reinhardt:

"'Die 120 Tage von Sodom' sind zu einem großen Teil eine 'chronique scandaleuse' der Ausschweifungen von Paris. Es hat ja auch Versuche gegeben, alle kolportierten Exzesse historisch nachzuweisen, also nachzuweisen dass sie tatsächlich irgendwann im Paris des 18. Jahrhunderts so begangen worden sind."

"Die 120 Tage von Sodom" kritisieren also eine Gesellschaft, die viel Schlimmeres betreibt als der Marquis selbst, die ihn dafür aber ein Leben lang ins Gefängnis stecken will. Mord und Verstümmelungen waren seine Sache nämlich nicht, sehr wohl aber jene sadistischen und homosexuellen Praktiken mit Domestiken oder Prostituierten, die ihm seit 1763 Verfolgung, Anklagen, kurzeitige Inhaftierungen und ein Todesurteil einbringen, bis er nach seiner letzten Flucht 1778 für elf Jahre eingekerkert wird. Seine Schwiegermutter lässt zwar das Todesurteil aufheben, betreibt aber seine dauerhafte Inhaftierung ohne Prozess.

Feindschaft gegenüber dem Christentum

Was aber unterscheidet ihn dann von seinen adligen Zeitgenossen, die zu einer ähnlichen Libertinage neigen? Seine Feindschaft gegenüber dem Christentum, beschuldigten ihn seine Opfer diverser Blasphemien während der Orgien. Reinhardt:

"Er gehört einer sehr, sehr schmalen Oberschicht an, die sich fast alles erlauben konnte, bis er auf die gefährliche Idee kam, seine sexuellen Ausschweifungen mit blasphemischen Bekundungen gegen die Kirche zu verbinden und damit hat er die rote Linie überschritten. Das ging nicht. Dafür konnte man zum Tode verurteilt werden, wie auch er zu Tode verurteilt wurde."

Sein Hass auf den christlichen Glauben könnte auch ein Grund dafür sein, dass er beinahe Opfer der Französischen Revolution geworden wäre. Zunächst wird er 1790 aus dem Gefängnis entlassen. Er schließt sich den Jakobinern an, spielt eine durchaus wichtige Rolle als Sekretär in seinem Pariser Viertel.

"Er hat eine profunde Abneigung gegen das Christentum, das er als eine Form des widerlegten Aberglaubens abschaffen möchte. Und es hat 1793 eine relativ kurze Phase gegeben in der auch der zunehmend allmächtige Chef des Wohlfahrtsausschusses Robespierre diesen Plan hegte, ihn allerdings dann auch wieder aufgab, womit de Sade in Schwierigkeiten geriet."

De Sade avanciert zum Revolutionsrichter, hält diverse revolutionäre Reden. Doch im Dezember 1793 wird er verhaftet. Aus welchen Gründen, das ist nicht gesichert. 1791 hatte er anonym seinen Roman "Justine oder Die Unglücksfällt der Tugend" veröffentlicht, sein insgesamt erfolgreichstes Buch, in dem es nicht nur ähnlich zugeht wie in den "120 Tagen von Sodom", in dem vor allem die Tugend kritisiert wird, das Programm der Aufklärer wie der Jakobiner, allemal Robespierres, der sich gerade anschickt, die Tugend mit dem Terror durchzusetzen.

"Gefährlicher wird für ihn seine Menschenfreundlichkeit. Denn er rettet ja als Gegner der Todesstrafe vielen Personen das Leben unter anderem seiner Schwiegermutter, die ihm elfeinhalb Jahre Haft eingebracht hat. Wir stoßen immer wieder auf solche scheinbar unauflösbaren Widersprüche. Ein Autor, der die grauenhaftesten Untaten beschrieben hat, die Menschen einander antun können, der aber im eigenen Leben versucht, die Tötungsmaschinerie eines entfesselten Staates zu stoppen."

1794 wird er zusammen mit 27 anderen Angeklagten zum Tode verurteilt. Am 27. Juli fahren mehrere Karren mit den Gefangenen zur Guillotine. Ein Wagen kommt verspätet an und in ihm fehlt de Sade. Obwohl der Sturz Robespierre gerade bekannt wird, vollstrecken die Schergen der Revolution die Todesurteile. Volker Reinhard:

"Als die Revolution hereinbricht, wägt er ab. Was ist jetzt eigentlich schlimmer, die Jakobiner mit ihrer tugendhaften Guillotine oder das Ancien Régime und da kommt er zu dem Ergebnis, dann lieber doch die Willkür des Ancien Régime."

Für de Sade regieren in der Natur Grausamkeit und Gewalt

Vor allem ist de Sade ein Gegner der Tugend. Denn während die Aufklärung, allen voran Rousseau, der Natur moralisch heilsame Kräfte attestiert, regieren für de Sade in der Natur Grausamkeit und Gewalt. So heißt es in den "120 Tagen von Sodom":

"Das Verbrechen ist ein Modus der Natur, eine Methode, den Menschen anzutreiben. Warum soll ich mich nicht genauso durch das Verbrechen bewegen lassen wie durch die Tugend? Die Natur braucht das eine wie das andere."

Wenn die Aufklärung wie die Jakobiner gerade die Sexualität der Knute der Tugend unterwerfen wollen, dann verkennen sie für de Sade die Natur des Menschen wie die Natur überhaupt. De Sade ist trotz gewisser menschenfreundlicher Züge kein Vertreter einer Erotik, die durch Liebe domestiziert wird. Jedenfalls verlangt er gewisse Spielräume für die Sexualität. Der dem Surrealismus nahestehende Georges Bataille – Matthes & Seitz Berlin bringt unter dem Titel "Sade und die Moral" vier Aufsätze von Bataille heraus – schätzt an de Sade gerade diese Perspektive, wenn er schreibt:

"Im Wesentlichen ist das Gebiet der Erotik das Gebiet der Gewalt und der Vergewaltigung. Was bedeutet körperliche Erotik anderes als eine Vergewaltigung des Seins der Partner, eine Vergewaltigung, die an den Tod grenzt, die an den Mord grenzt."

Vor allem Nihilisten im 19. Jahrhundert und später Surrealisten und Existentialisten haben sich positiv auf de Sade bezogen. In ihrem Aufsatz "Soll man de Sade verbrennen", der in Ursula Pia Jauchs Sammlung von Texten der Sade-Rezeption enthalten ist, schreibt Simone de Beauvoir 1955:

"De Sade fühlt sich als Frau und wendet sich gegen die Frauen, weil sie nicht das von ihm ersehnte Maskuline sind. Es ist unmöglich, genau festzustellen, wieweit die Frauen für de Sade mehr waren als ein Ersatz und ein Spielzeug; fest steht immerhin, dass seine Sexualität anal organisiert war."

Es läge nahe, dass de Sade zum Hassobjekt des Feminismus avancierte. Doch Volker Reinhard bemerkt:

"De Sade ist auch von feministischer Seite vereinnahmt worden. De Sade hat auf eine sehr eigenartige Weise die Gleichheit, die Gleichwertigkeit und auch die Gleichberechtigung der Geschlechter postuliert. Er hat sogar die emotional sexuellen Antriebskräfte der Frauen für stärker gehalten."

Anders sieht das Ursula Jauch, die sich mit de Sade sichtlich schwertut. Sie flüchtet sich in viele historische Abwege, um abschließend festzustellen:

"Schließlich die Krux mit dem Wesen der ständigen Wiederholung, wie sie eben allen vom (Schreib-)Trieb gesteuerten Szenarien inne wohnt: Auch die 22. Brutalkopulation, die 47. Vergewaltigung erfreut den Menschen nicht wirklich, insbesondere nicht den weiblichen. Man muss hier gar nicht zu überkandidelten Gendertheorien Zuflucht nehmen: Die viel gerühmte Autonomie des weiblichen Subjekts bräche nicht wirklich zusammen, wenn Justine und Juliette die Schlachtfelder der Sadeschen Züchtigungsszenarien verließen und dem Meister die Kündigung einreichten."

Trotzdem gibt der von Jauch herausgegebene Band einen guten Überblick über die de Sade-Rezeption und ihre verschiedenen Verästelungen, die auch Volker Reinhard in seiner Biographe zusammenfasst. Indes steht er de Sade gelassener gegenüber:

"Am weiterführendsten ist für mich als Historiker natürlich ein Versuch, de Sade aus seinen Lebensbedingungen, seinen Lebenserfahrungen heraus zu verstehen, also ihn zu historisieren und zugleich sein Ideenangebot an unsere Zeit auf seine Aktualität zu befragen."

Nach Albert Camus antizipiert de Sade die Konzentrationslager des 20. Jahrhunderts. Andererseits plädiert er auch politisch für eine Befreiung der Sexualität von den Fesseln traditioneller Tugendlehren. Just damit wird er positiv wie negativ Recht behalten, ob bei der Emanzipation von Homosexuellen oder wenn im Fernsehen keine Grausamkeit heute ausgelassen wird.

Literaturhinweis

Volker Reinhard: "De Sade oder Die Vermessung des Bösen – Eine Biographie", München 2014, C.H. Beck, gebunden, zahlreiche Abbildungen, 464 Seiten, 26,95 Euro
Ursula Pia Jauch (hg.): "Sade – Stationen einer Rezeption", stw, Berlin 2014, 469 Seiten, 20 Euro
Georges Bataille: "Sade und die Moral", Berlin 2014, Matthes u. Seitz, hg. v. Rita Bischof, Klappenbroschur, 110 Seiten, 12,80 Euro
Donatien Alphonse François de Sade: "Die 120 Tage von Sodom oder die Schule der Libertinage", Berlin 2014 Matthes u. Seitz, 350 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Herausgegeben von Stefan Zweifel und Michael Pfister, 22,90 Euro

 

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