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StartseiteMusikjournalBach unterm Mikroskop22.04.2019

Martin Petzoldt kommentiert PassionenBach unterm Mikroskop

Der Theologe und Bach-Forscher Martin Petzoldt starb bevor er sein monumentales Buchprojekt komplett veröffentlichen konnte: die ausführliche Kommentierung der geistlichen Vokalwerke Johann Sebastian Bachs. In seinem Nachlass haben sich jedoch Manuskripte für die beiden ausstehenden Teile gefunden. Im kürzlich erschienenen dritten Band geht es schwerpunktmäßig um Bachs Passionen.

Von Christoph Vratz

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Eine Skulptur von Johan Sebastian Bach steht in der Leipziger Nikolaikirche. (imago images / Stefan Noebel-Heise)
Bachs Johannes-Passion wurde in der Leipziger Nikolaikirche uraufgeführt. (imago images / Stefan Noebel-Heise)
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Nein, ein Buch für die Westentasche ist dies nicht: fast DIN A 4-Format-groß, über zwei Kilo schwer und mehr als 900 Seiten dick. Doch in Relation gesetzt: Auch die Passionen von Johann Sebastian Bach sind alles andere als Leichtgewichte.

Für den Karfreitag des Jahres 1724 komponierte Bach die erste Fassung der Johannes-Passion. Die Aufführung fand nicht, wie geplant, in der Leipziger Thomaskirche statt, sondern ein paar hundert Meter weiter in der Nikolaikirche. Ein Jahr später folgte die überarbeitete zweite Fassung.

Bereits im ersten Rezitativ singt der Evangelist, dass Jesus mit seinen Jüngern über den Fluss Kidron geht, um in einen Garten zu gelangen.

Fast könnte man über die Bedeutung dieses Satzes hinweghören, würde Bach nicht bereits im Eingangschor diese Passage musikalisch vorwegnehmen. Denn, so Martin Petzoldt in seinem Buch:

"Es ist […] wohl kaum zu viel behauptet, dass die Musik Bachs alles das konnotiert, was man damals theologisch vom Kidron […] wissen und was auch Bach bekannt gewesen sein konnte: Durch die Dauerbewegung der tiefen Sechzehntelfiguren und den Orgelpunkt einerseits illustriert Bachs Komposition die pechschwarzen, mit Unrat angeführten Fluten des Kidron, die als Sinnbild des Zusammenfließens der Sünde aus den Bergen der Welt und aus dem Jerusalem der Menschen eine unauflösliche Belastung anzeigen. Durch die dissonanten Haltetöne der Holzbläser schildert er andererseits Gethsemane als Garten der Unlust, der an das Paradies, den Garten Eden, erinnert, in welchem die Sünde ihren Anfang nahm. […] Aus diesem Gemisch von Schwärze, Sünden und Belastung heraus beginnt der Chor."

Unerschöpflicher Detailreichtum

Zugegeben, Sätze wie diese lesen sich nicht im Eiltempo; und ihr Sinn erschließt sich am ehesten, wenn man neben dem Buch auch die passende Musik zur Hand hat. Aber genau das zeichnet dieses von Martin Petzold angelegte sowie von Norbert Bolín und seinen Mitarbeitern vervollständigte Buch aus: ein geradezu unerschöpflicher Reichtum an Beobachtungen, Detailverweisen und übergeordneten Zusammenhängen, die Bachs theologische Kenntnisse mit seinen musikalischen Auslegungen verknüpfen. Dabei horcht Petzoldt tief in das Verständnis der damaligen Zeit hinein. So lässt der Autor Bachs Kantaten als ein akribisch gebautes Puzzle erscheinen, dessen ganze Faszination sich erst einstellt, wenn man es mit dem Mikroskop betrachtet. So etwa, wenn Bach in die Verhörszene durch Pilatus zwei ariose Abschnitte einfügt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sich aber bei übergeordneter Betrachtung als kunstvoll aufeinander bezogenes Gegenpaar erweisen:

"Ging es  im ersten Abschnitt um die in sich gekehrte Haltung des Betrachtens und Erwägens [...] im Anblick des gegeißelten Jesus, die keine äußere Bewegung braucht, so geht es jetzt genau um das Gegenteil, nämlich um "Eilen", "Gehen" und "Fliehen". War es im ersten Fall eine einzelne glaubende Seele […], die sich Rechenschaft abzulegen versuchte über das unglaubliche Geschehnis der Geißelung […], so ist es jetzt das Gegenüber von einer Stimme (Bass) und dem Chor."

Auf die Imperative des Solisten: "Eilt", "Geht", "Flieht" antwortet der Chor jeweils mit einer Gegenfrage: "Wohin?"

"Die Bassstimme provoziert, wie einst Jesus selbst bei seinen Jüngern, die Rückfrage des Wohin."

Eine mögliche Deutung dieses Abschnittes liegt darin, dass die Stimme der Bassarie den zu einer höheren Einsicht gelangten Judas symbolisieren könnte, der das Volk dazu aufruft, zum Kreuzeshügel zu eilen. In diesem Falle würden die Imperative "Eilt" und "Geht" nicht zu einer Flucht in die Isolation animieren, geht weg, sondern zur Zeugenschaft aufrufen: Geht hin und schaut, was mit Jesus passieren wird. Ist er etwa doch ein König?

Bachs Passionen im Fokus

Wie schon in den beiden ersten Bänden seines Bach-Kommentars arbeitet sich Martin Petzold auch hier Abschnitt für Abschnitt, Zeile für Zeile durch die Passionen nach Johannes und Matthäus sowie durch die musikalisch nicht überlieferte, wohl aber mehrfach rekonstruierte Markus-Passion.

"Erst im Jahr 2009 wurde in einer Bibliothek zu Sankt Petersburg ein originales Textheft der Markus-Passion einer Leipziger Aufführung des Jahres 1744 gefunden. Sie fand unter Bachs Leitung am Karfreitag, den 27. März 1744, in der Thomaskirche statt."

Wie schon in seinen beiden anderen Passionen gliedert Bach auch bei Markus das Geschehen in fünf Abteilungen, hier jedoch schickt er noch einen weiteren Abschnitt voraus, der mit einem Choral beschlossen wird.

Neben den drei Passionen behandelt Petzolds Band auch eine Reihe von Festkantaten, etwa zum Johannistag und sowie die Trauungs- und Trauerkantaten. Auch hier folgt jeweils eine erste Übersicht, u.a. zur Besetzung der einzelnen Sätze, dann ein Abschnitt zur theologischen Auslegung. Daran schließt sich der vollständige Kantatentext an nebst Verweis auf die jeweiligen Bibel-Stellen, und schließlich folgt die ausführliche Erläuterung und Deutung der Musik. Mit großer Entschiedenheit und Kenntnis hat der Autor nicht nur die bisherige Bach-Literatur eingearbeitet, sondern formuliert darüber hinaus Thesen, deren Beweiskraft insgesamt als stichhaltig einzustufen ist oder zumindest so forsch ausgearbeitet sind, dass sie fundierten Widerspruch herausfordern.

Ein in der Fülle an Beobachtungen beeindruckender Band, der bei aller Detailschärfe nie das Allgemeine außer Acht lässt, wie die Botschaft am Schluss der Matthäus-Passion verrät:

"Im Schlusstakt endet dieser gewaltige Chorsatz mit einer Dissonanz, die sich wie ein Seufzer auflöst, als ob der gesamte Schmerz und das Weinen nun zum Ende gekommen ist. […] Bachs Matthäus-Passion bringt […] die grundsätzliche Situation jedes Menschen vor Gott zur Darstellung […] Die Klage, die den Lobpreis nicht mehr kennt, und Tränen sind die einzigen Äußerungen glaubender Menschen, sich vor Gott angesichts einer selbst nicht lösbaren schweren Situation zu artikulieren; die Klage geschieht mit Worten in Form des Gebets, der Anklage oder auch des Bekenntnisses, die Tränen brauchen selbst diese Sprachformen nicht mehr."

Martin Petzoldt: Bach-Kommentar, Band III
Fest- und Kausalkantaten, Passionen; Schriftenreihe der Int. Bachakademie Stuttgart; herausgegeben von Norbert Bolin; Bärenreiter-Verlag; 912 Seiten; 79,- Euro.

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