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StartseiteBüchermarktIm Spiegelkabinett der literarischen Fiktionen11.04.2019

Martin Schneitewind: "An den Mauern des Paradieses"Im Spiegelkabinett der literarischen Fiktionen

Ein Dammbau am Persischen Golf, ein Altorientalist auf der Suche nach einer verschwundenen Frau, eine Abwehrschlacht gegen Flüchtlinge: Der dystopische Roman "An den Mauern des Paradieses" des bislang unbekannten Autors Martin Schneitewind gibt Rätsel auf. Deren Entschlüsselung ist durchaus lohnenswert.

Von Angela Gutzeit

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((c) Andreas Wüschnirs)
Die Schriftsteller und "Schneitewind-Entdecker" Michael Köhlmeier und Raoul Schrott im Gespräch mit Angela Gutzeit bei der Leipziger Buchmesse 2019 ((c) Andreas Wüschnirs)
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Seltsam ist das schon: Da taucht aus dem Nichts der Roman eines völlig unbekannten, 2009 verstorbenen Autors auf, und zwei gestandene Schriftsteller feiern ihn als Sensation, obwohl die  Urheberschaft alles andere als eindeutig ist. Im Herbst 2015 während der Frankfurter Buchmesse kam eine Frau auf den österreichischen Schriftsteller Michael Köhlmeier zu - so erzählt er es zumindest selbst - und stellte sich als Lebensgefährtin Martin Schneitewinds vor. Ihr Anliegen: Er solle sich bitte ein Manuskript anschauen, das Schneitewind hinterlassen habe. Die Wahl sei dabei keineswegs zufällig auf ihn gefallen, so Köhlmeier:

"Nein, gar nicht! Es passiert einem als Autor zwar immer wieder, dass man Manuskripte zugeschickt bekommt. Aber in diesem Fall lag es auf der Hand, da ich Martin Schneitewind gut gekannt habe, wir beide miteinander studiert haben. Er war ein paar Jahre älter als ich. Wir waren in Marburg gewesen, und er hat bei uns damals in der Wohngemeinschaft gewohnt, und seine Lebensgefährtin war auch kurz in dieser Wohngemeinschaft. Allerdings, an sie konnte ich mich nicht erinnern, aber an Martin Schneitewind sehr gut. Und er hat seine Frau noch kurz vor seinem Tod gebeten, sich mit mir in Verbindung zu setzen, weil er es mitverfolgt hat, dass ich als Autor da bin und er dann seine Frau gebeten hat, mit mir zu sprechen, ob ich mich darum kümmern könnte, dass sein Manuskript einen Verlag findet."

Endzeitliche Stimmung

Köhlmeier fand heraus, so ist in seinem ausführlichen Nachwort zu lesen, dass Schneitewind in jungen Jahren als Sportjournalist beim Mailänder "Corriere della Sera" gearbeitet haben soll. Dort lernte er angeblich den italienischen Schriftsteller Dino Buzzati kennen. Aus der Freundschaft habe sich eine literarische Zusammenarbeit ergeben, offensichtlich die erste Fassung des Romans mit dem Titel "Sotto la Perete di Paradiso" – "Unter der Wand des Paradieses". Als Buzzati aber auf der alleinigen Autorschaft bestanden habe, sei Schneitewind in das Verlagshaus eingebrochen, um das Skript an sich zu nehmen. Dieses Manuskript sei unauffindbar. Schneitewind habe Jahrzehnte später eine völlig neue Fassung geschrieben. Was für eine wilde Geschichte!

Da der Text in Französisch verfasst war, bat Köhlmeier seinen österreichischen Kollegen Raoul Schrott um Übersetzung. Auch das nicht zufällig: In diesem Roman, der einen Bogen schlägt von den Mythen über die Erschaffung der Welt bis zu einer endzeitlich anmutenden Gegenwart, ist die Handlung im Vorderen Orient am Persischen Golf angesiedelt. Ein Altorientalist namens David Ostrich von der Universität Toronto möchte auf der Insel Dilmun, das heutige Bahrein, für eine Zeitung über den Fund von Tontafeln mit sumerischen und assyrischen Schriftzeichen berichten, die um die Geschichte des Paradieses kreisen. Raoul Schrott, nicht nur Schriftsteller und vielsprachiger Übersetzer, sondern auch Kenner des assyrischen Kulturraums und der Genesis des Alten Testaments, sei sofort von dem Plot sowie der kunstvollen Verschränkung der verschiedenen Erzählebenen fasziniert gewesen. Kein Wunder, möchte man sagen, dieser Erzählstoff ist dem mythenbewanderten Österreicher geradezu auf den Leib geschneidert.

Ein Dammbau am Persischen Golf

Zunächst erzählt dieser David Ostrich von seiner Ankunft in Damman, wo ein riesenhafter Dammbau in Arbeit ist. Dadurch soll der Persische Golf trockenlegt werden, um Neuland und Wasser zu gewinnen, aber auch, um durch Klimakatastrophen ausgelöste Migrationsströme abzuhalten. Dabei gerät der Wissenschaftler in die Fänge autoritärer Machtstrukturen, deren Kopf der Direktor des Dammbaus, ein gewisser Thaut sein soll, den Ostrich nie zu Gesicht bekommen wird. Dieser Thaut beauftragt ihn als Gegenleistung, nach seiner angeblichen Tochter Evita zu suchen, die seit einiger Zeit verschwunden ist. Dem Wissenschaftler mutet dieser Auftrag unverständlich und mysteriös an. Dem Leser allerdings kaum weniger. In einem zweiten Erzählstrang berichtet ein weiterer Ich-Erzähler, ein Soldat, über die Eskalation militärischer Gewalt gegen Flüchtlinge, an der er beteiligt ist.

Ein dystopisches Szenario, in dem die Welt neu aufgeteilt und die Handlungszeit so widersprüchlich ist, dass sie sich der Zuordnung entzieht. Ein Verwirrspiel, das im überzeitlichen Sinne auf die problematische Natur des Menschen zielt – von seiner Vertreibung aus dem Paradies bis zu einer unbestimmbaren Gegenwart. Raoul Schrott erklärt:

"Was nicht lokalisierbar ist und mir auch beim Übersetzen nicht ganz klar war: ab wann sich eine andere Zeit entwickelt, so eine Art von Paralleluniversum, wie es halt typisch ist für Literatur, nur dass uns hier ein Paralleluniversum vorgespiegelt wird, das nicht in der Gegenwart im Hier und Jetzt spielt, sondern das einen anderen Zeitverlauf genommen hat. Und ich glaub, durch diesen Kunstgriff wird all das, was sonst schwer identifizierbar ist, in einen Raum außerhalb projiziert, von dem man quasi eine Perspektive kriegt, auf denen sich die Dinge so ein bisschen archimedisch aushebeln lassen. Und dann ist all das, was man so für gegeben hält, also auch diese schleichenden autoritären Strukturen, diese permanente Bedrohung, die da ist, gleichsam überzeitlich - oder es sind wir letztlich, die Verbindungen zur Gegenwart herstellen."

Nicht zuletzt wird in diesem Roman über Literatur nachgedacht, über Wirklichkeit bzw. Wahrheit und Fiktion. Der Held David Ostrich, der sich als Verfasser der Geschichte entpuppt, verliert sich in einem düsteren Szenario aus Täuschungen, Blendungen und Widersprüchen.

Ein ausgedachter Autor?

Stichworte, die über das Buch hinausweisen. Nach Auskunft einer zuverlässigen Quelle, die hier nicht genannt werden will, hat ein Martin Schneitewind wohl nie existiert. Biografische Spuren lassen sich nach bisherigen Recherchen nicht nachweisen. Es liegt nahe, das Schriftsteller-Duo Schrott und Köhlmeier für die Urheber des Romans zu halten, die sich diesen Autor samt abenteuerlicher Biografie ausgedacht haben. Das Buch wurde von dtv zusätzlich mit einem sechsseitigen Begleitheft beworben, in dem der Literaturwissenschaftler Thomas Strässle die beiden Österreicher zu ihrem "sensationellen Fund" befragt.  Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Strässle vor einem Monat ein Buch veröffentlicht hat, das den Titel trägt: "Fake und Fiktion. Über die Erfindung von Wahrheit". Interessant ist auch, dass Raoul Schrott sowohl im Interview mit Strässle wie auch in einer Stellungnahme gegenüber dem "Büchermarkt" betont, der Autor sei unmaßgeblich und das Interesse an ihm sei – Zitat - "unangemessen" und "im Grunde bloß voyeuristisch und tratschsüchtig". Ansonsten beharrt Schrott auf Martin Schneitewind als Autor des Romans.

Ist das ein Komplott? Ein abgekartetes Spiel, das auf eine  Öffentlichkeit zielt, die nach Literatur-Events giert und die Präsenz sowie die Biografie eines Autors für wichtiger und wahrer erachtet als sein literarisches Produkt? Aber warum erzählen Köhlmeier und Schrott dann diese atemberaubende Räuberpistole über den angeblichen Autor namens Schneitewind?

Vielleicht sollen wir Leser und Kritiker ja stutzig werden – der eine früher, der andere später. Vielleicht geht es den Beteiligten ja tatsächlich um das schwierige Verhältnis von Fakten, Fiktionen und Fakes in der Literatur, wie aber auch zunehmend in unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit und übrigens ja auch im Journalismus. Insofern ist dieses Manöver nicht ohne intelligenten Hintersinn und Witz. In der Literatur haben Maskeraden, Decknamen und Täuschungen historisch gesehen eine lange Tradition und durchaus ihre Berechtigung. Trotzdem fühlen wir uns herausgefordert und – geben wir es zu – auch ein wenig betrogen, wenn wir diesen Täuschungen auf die Spur kommen. Aber vielleicht lohnt es sich ja doch, über die Gründe für dieses Versteckspiel nachzudenken.

Martin Schneitewind: "An den Mauern des Paradieses".
Mit Nachworten von Michael Köhlmeier und Raoul Schrott.
Aus dem Französischen übersetzt von Raoul Schrott.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München. 395 Seiten, 24,70 Euro.

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