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Masten für die Energiewende

Damit die Energie zum Kunden kommt, bedarf es eines Hochspannungsnetzes. Die GA-Gruppe mit Sitz in Heidelberg produziert vom einzelnen Masten bis zum schlüsselfertigen Hochspannungsnetz alles.

Von Mirko Smiljanic |
    Eine Baugrube an der deutschen Nordseeküste. 30 * 30 Meter ist sie groß, vier Meter tief. In der Mitte hebt sich gut sichtbar ein Betonfundament heraus.

    "Wir haben jetzt die Bodenplatte betoniert, dann sind die Köpfe betoniert worden."

    Timo Hoffeller, Bauleiter bei der GA Hochspannungsleitungsbau:

    "Und auf diese Bodenplatte kommt ja noch eine bestimmte Bodenlast, das Erdreich gibt dem Masten noch eine bestimmte Standfestigkeit. Und später sehen sie oben, wenn der Mast steht und unten verfüllt ist mit Erde, sehen sie nur noch die Rundköpfe von dem Beton rausgucken."

    Knapp 40 Meter wird der Mast in die Höhe ragen, zwölf Kabel hängen an den Querstreben, für 110.000 Volt – kurz 110 kV – ist er ausgelegt. 250 bis 600 Meter Abstand liegen je nach Landschaftsprofil zwischen den Masten. Rund sechs Wochen dauert es, bis ein Hochspannungsmast steht, wobei das Abbinden des Betons der Bodenplatte schon drei Wochen in Anspruch nimmt. Um den Masten aufzustellen – Timo Hoffeller spricht vom "Stocken des Mastens" –, brauchen die Teams allerdings nur einen Tag. Das Gestänge liegt in Einzelteile von etwa fünf bis zehn Metern Länge vormontiert neben der Baugrube: verzinkter Stahl, jede Strebe mehrfach verschraubt.

    "Die Montage ist einfacher, schrauben geht schneller als schweißen."

    Zur Spitze hin mit Steigbolzen versehen, über die Seilmonteure in schwindelerregende Höhen klettern. Und so stellt das Team um Bauleiter Timo Hoffeller routiniert Mast um Mast auf grüne Wiesen und neben Autobahnen, wobei sie sich genau genommen immer im Kreis bewegen.

    "Kontinuierlich gehen wir von vorne nach hinten durch, das heißt, erst die Baugrube schachten, den neuen Masten stellen. Und dann kommt hinterher der Seilzug und macht die neuen Seile drauf, so ein Rundlauf kann man sagen, immer ein Rundlauf."

    Der gesteuert wird aus drei Baucontainern, die fünf Autominuten entfernt auf einem Lagerplatz stehen und kontinuierlich gekühlt werden müssen. An heißen Sommertagen steigt die Temperatur in den Stahlschachteln schon mal auf über 50 Grad Celsius.

    An einem der drei Schreibtische sitzt Dr. Steffen Otto, Technischer Geschäftsführer der GA-Gruppe, deren fünf Gesellschaften sich mit technischen Netzwerken beschäftigen.

    "Mit Transportnetzen, wo wir heute sind, mit Verteilnetzen für den Elektrobereich oder andere Medien, mit Kommunikationsnetze, wo wir uns heute schon auf das Thema Smart Grid schon vorbereiten. Und auch Energiestromversorgungsanlagen für die Anwendung, das heißt Industrie, Rechenzentren und Ähnliches."

    Die GA-Gruppe beschäftigt europaweit mehr als 3.000 Mitarbeiter, erwirtschaftet einen Nettoumsatz von 500 Millionen Euro, wobei der Bau von Hochspannungstrassen immer wichtiger wird. Die Tochtergesellschaft GA Energieanlagen Nord etwa baut die Onshore-Trassen gleich mehrerer Windparks: für BorWin I und II; für HelWin I und Riffgat; sowie für DolWin I und II. Das Auftragspotenzial ist allerdings noch weitaus höher. Die Deutsche Energie-Agentur hat einen Bedarf von 3.500 Kilometer Höchstspannungsleitungen ermittelt, was einem Plus von 15 Prozent zum bestehenden Netz entspräche. Immerhin ist die Anbindung der Offore-Windparks an die Festlandnetze mit dem "Infrastruktur Ausbau Förderungsgesetz" auf den Weg gebracht worden.

    "Die nächsten Probleme, die heute anstehen, ist der Ausbau des Netzes onshore. Auch hier wurde politikseitig reagiert mit einem "Energieleitungsausbaugesetz", wo die entscheidenden Projekte einzeln aufgeführt sind, im letzten Jahr durch das "Netzausbaubeschleunigungsgesetz", das vorsieht, dass wir eine Bundesfachplanung durch die Bundesnetzagentur für den Onshore-Ausbau der Netze bekommen werden."

    Womit der Ausbau eines bundesweiten Energienetzes nicht mehr durch föderale Kleinstaaterei gestört würde. Die Probleme verunsicherter Bürger werden dadurch zwar nicht gelindert, immerhin gibt es aber einige Möglichkeiten, den Neubau von Höchstspannungstrassen in Grenzen zu halten. Etwa, wenn vorhandene 110-kV-Trassen unter die Erde verschwinden.

    "Falls das dann der Akzeptanz in der Öffentlichkeit dienlich ist, womöglich 110-kV-Ebenen zu verkabeln, können wir hier unterstützen und können hier dann helfen, Räume für die 400 kV zu schaffen."

    Das Netz komplett unterirdisch zu verlegen, verbietet sich aus ökonomischen Gründen. Immerhin wird diese Variante bei der Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung – kurz HGÜ – zumindest auf kurzen Strecken umgesetzt. Der Vorteil: Die Übertragungsverluste sind geringer als bei Drehstrom. Der Nachteil: Die notwendigen Stromrichterstationen sind sehr teuer. Dreh- und Angelpunkt bleibt auf lange Sicht aber die Akzeptanz energietechnischer Anlagen.

    "Vielleicht kommen wir perspektivisch zu neuen Modellen, Stichwort "Bürgerleitung". Ich kann es nicht abschätzen, ob wir dieses Modell dann wirklich haben werden. Aber Diskussionen darüber sind sinnvoll und vielleicht auch zielführend."

    Dann würde der 110-kV-Mast, den Arbeiter jetzt zusammenschrauben, nicht mehr ausschließlich dem Netzbetreiber gehören, sondern auch dem Stromkunden – ein paar Streben zumindest.