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StartseiteKalenderblatt"Man ist nur einmal in der Welt"21.01.2015

Matthias Claudius"Man ist nur einmal in der Welt"

Matthias Claudius war als Redakteur des "Wandsbecker Bothen" einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands, bevor er mit seinem Gedicht "Abendlied" auch einer der berühmtesten deutschen Schriftsteller nicht nur seiner Zeit wurde. Er starb heute vor 200 Jahren.

Von Christian Linder

Eine 1900 entstandene Profil-Silhouette des Dichters und Schriftstellers Matthias Claudius (Imago)
Eine Profil-Silhouette des Dichters und Schriftstellers Matthias Claudius. (Imago)

"Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar;
der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar."

Matthias Claudius war 40 Jahre alt, als er 1779 sein berühmtestes Gedicht schrieb, das "Abendlied". Geboren im schleswig-holsteinischen Dorf Reinfeld, hatte der Pastorensohn das Bild der Landschaft seiner Kindheit mit kleinen Hügeln und Wäldern und Seen immer tief in seinem Herzen bewahrt, auch als er, nach Absolvierung der Lateinschule in Plön, in Jena Rechts- und Verwaltungswissenschaft studierte. Er "verbummelte" das Studium allerdings, folgte lieber seinen Schreibwünschen und wurde später Journalist, zunächst in Hamburg, dann im nahen Wandsbeck, wo der "Wandsbecker Bothe" erschien und Claudius diese vier Mal wöchentlich erscheinende Lokalzeitung zu einem der anspruchsvollsten intellektuellen Blätter Deutschlands machte. Im Stil der Zeit lautete das Programm:

"Ich bin ein Bothe und nichts mehr,
Was man mir gibt das bring ich her,
Gelehrte und polit’sche Mähr …
Von Zank, Erfindungen und Lehr,
Vom klein Verdienst und großer Ehr,
Von groß Verdienst und kleiner Ehr,
Und tausend solche Sachen mehr …"

Zu den "tausend Sachen" gehörte zum Beispiel die Meldung:

"Gestern hat … die Nachtigall zum erstenmal wieder geschlagen."

Daneben stand gleichrangig eine Rezension mit einer Verbeugung vor Goethes "Werther":

"Weiß nicht, obs’n Geschicht oder ’n Gedicht ist. Aber ganz natürlich geht’s her, und weiß einem die Tränen recht aus’m Kopf herauszuholen."

Briefmarke der Deutschen Bundespost zur Erinnerung an den Schriftsteller und Dichter Matthias Claudius, (Imago/Schöning)Briefmarke der Deutschen Bundespost zur Erinnerung an den Schriftsteller und Dichter Matthias Claudius, (Imago/Schöning)Die eigentümliche und überraschende Zusammenbringung im "Wandsbecker Bothen" von politischen Nachrichten aus ganz Europa mit Naturkunde-Beobachtungen, theologischen Betrachtungen, Gedichten und poetischen Essays begründete Claudius mit dem Hinweis, Worte seien zwar nur Worte, aber "wo sie gar leicht und behände dahin fahren, da sei auf Deiner Hut, denn die Pferde, die den Wagen mit Gütern hinter sich haben, gehen langsameren Schrittes."

Ein äußerlich beschaulich-ruhiges Leben in Wandsbeck, und dann immer wieder die Aufbrüche im Kopf.

"Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was verzählen;
Drum nahm ich meinen Stock und Hut
und tät das Reisen wählen."

Das von Beethoven vertonte Gedicht "Urians Reise um die Welt" istneben den Versen des "Abendlieds" einer der nicht minder berühmten Texte von Matthias Claudius. Einerseits die Pracht des Schlichten, die Thomas Mann von Claudius’ "wunderlich schönen Gedichten"sprechen ließ, andererseits war die Vorstellung vom Tod immer als dunkle Unterstimme in seinen Texten vernehmbar. So besaß er bei all seiner Fähigkeit zur Gestaltung innerer Seelen- und Landschaftsbilder zugleich einen genauen Blick für die realen Weltläufte, und der Bayerische Erbfolgekrieg, den Friedrich der Große im Juli 1778 gegen die Habsburger anzettelte, fand in Wandsbeck einen klaren Kommentar:

"’s ist Krieg! S’ ist Krieg! O Gottes Engel wehre …"

Erst als der Krieg zu Ende war, konnte Claudius sein "Abendlied" schreiben:

"So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder! Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns Gott, mit Strafen
und lasst uns ruhig schlafen!
Und unseren kranken Nachbarn auch."

Als das "Abendlied" erschien, hatte die Zeitung "Wandsbecker Bothe" längst zu existieren aufgehört - trotz ihres überregionalen Renommees fand sie nur vierhundert Abonnenten und wurde deshalb eingestellt. Matthias Claudius, nun freier Autor, ordnete seine Manuskripte - viele unter dem Pseudonym "Asmus" geschrieben - und veröffentlichte seine gesammelten Werke unter dem Titel "Asmus omnia sua secum portans". Die letzten Lebensjahre waren überschattet von schwerer Krankheit. Vor seinem Tod am 21. Januar 1815 in Hamburg verabschiedete Matthias Claudius sich in einem Brief "an meine Leser":

"[Somit will ich Feierabend machen … [und zu guter Letzt noch einmal Hand geben]] … Man ist nur einmal in der Welt und ist nicht darin, ihr nach dem Sinn zu reden und Häckerlinge zu schneiden. Es schafft nicht, dass der Mensch mit niedergeschlagenen Augen sitze und sich räuspere und seufze; er soll die Augen frei aufschlagen und frisch und fröhlich um sich sehen … Gehabt Euch wohl."

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