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Matthias Dell
Der Hass war schon immer da

Verrohte Sprache und hasserfüllte Aussagen sind auch nach dem Mord an Walter Lübcke noch immer sehr präsent. Das sei zu verurteilen, aber nichts Neues, meint unser Kolumnist Matthias Dell. Besonders für einen ganz bestimmten Sender sei es sinnvoll, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen.

Von Matthias Dell | 10.07.2019
In einem Kommentar auf Facebook ist das Wort Asylantenpack zu lesen.
Nicht nur im Netz ist Hass ein großes Problem (Imago / Photothek / Thomas Trutschel)
Vor kurzem sorgte ein Beitrag des ARD-Magazins "Kontraste" für Aufsehen. Reporterinnen waren nach dem Mord am CDU-Politiker Walter Lübcke, der mutmaßlich von einem Rechtsextremen begangen wurde, zum Pegida-Aufmarsch nach Dresden gefahren. Und hatten Stimmen eingeholt, die angesichts ihrer Unfähigkeit zur Empathie sprachlos machten. "Im Vergleich zur linksextremen Gefahr ist ein Mord, was weiß ich, alle zwei drei Jahre aus irgendwelchen Hassgründen relativ normal", sagte ein Mann. "Ich sehe den Herrn Lübcke als Volksverräter", ein anderer. "Dann ist da eigentlich bald eine menschliche Reaktion." Reporterin: Der Mord ist eine menschliche Reaktion?". Mann: "Ja. Wie es in den Wald hineingerufen wird, so schallt es wieder heraus."
Und doch stellt sich auch hier die Frage: Wann hat das eigentlich angefangen? Dass Menschen so reden, dass Menschen die Ermordung eines anderen rechtfertigen, entschuldigen oder gar gutheißen?
Blick in die Vergangenheit
Es empfiehlt sich, wie schon häufiger an dieser Stelle vorgeschlagen, ein Gang ins Archiv. Zwischen dem 21. und 25. November 1984 wird in den Dritten Programmen der ARD an drei Abenden Eberhard Fechners insgesamt viereinhalbstündiger Dokumentarfilm "Der Prozess" ausgestrahlt.
Der Film ist, wie es im Untertitel heißt, eine "Darstellung des Majdanek-Verfahrens in Düsseldorf". Vor dem dortigen Landgericht wurde zwischen 1975 und 1981 die Anklage gegen Teile der Wachmannschaft im einstigen Konzentrationslager verhandelt. Gegen Männer und Frauen.
Eberhard Fechner begleitete den Prozess über Jahre, sprach mit allen Beteiligten, mit Zeuginnen und Verteidigern, mit Angeklagten und Beobachtern, mit Experten und den jungen Staatsanwälten. Daraus montierte der Filmemacher in der für ihn typischen Methode kommentarlos ein kollektives Gespräch, das sich an der Chronologie des Verfahrens orientierte.
Spätere Sendezeit als erhofft
1984 war der Film nach jahrelanger Arbeit fertig zur Ausstrahlung. Fechner, der populäre und zur besten Sendezeit vorgeführte Dokumentarfilme wie den über die "Comedian Harmonists" gemacht hatte, protestierte heftig dagegen, dass der Film nicht um 20.15 Uhr im Ersten Programm lief, sondern teils erst ab 21.45 Uhr in verschiedenen Dritten gezeigt wurde. In Erwartung eines gewissen Redebedarfs schalteten die Sender während und nach der Ausstrahlung immerhin Telefonleitungen frei.
Die meisten Reaktionen waren positiv. Kritisiert wurde - wie von Fechner selbst - vor allem die späte Ausstrahlung in den Dritten Programmen. Mancher hatte Probleme mit der Schnitttechnik des Films.
Kritiker gingen kaum auf Film ein
Für den WDR bilanzierte die zuständige Redakteurin unter den Reaktionen auf den ersten Teil von Fechners "Prozess" allerdings auch andere Töne. "Die Anrufer, die sich gegen die Sendung aussprachen, gingen im Prinzip nicht konkret auf den Film ein, sondern schimpften allgemein über die Thematik, die sie angeblich nicht mehr sehen wollen."
Hoffnungsvoll angesichts des Chor der Schimpfenden stimmt der folgenden Satz. "Zwei ließen mit sich reden, zeigten sich für Argumenten einsichtig und entschuldigten sich schließlich für ihre vorschnelle Verurteilung des Films."
Der überwiegende Rest der Schimpfer äußerte sich allerdings wie folgt: "Warum heute noch so etwas?", "Nestbeschmutzung", "Das kommt in allen Diktaturen vor", "Alles Lüge, ich weiß es genau", "Der WDR wird von jüdischen Kreisen gesteuert", "Wer sind die Auftraggeber und Hintermänner des WDR?", "Die Richter von Düsseldorf sind Volksverräter, sie müssen einst daran glauben, wie die Richter von vor 1945", "Man hat uns (im WDR) vergessen zu vergasen, wie überhaupt die gesamte Regierung."
"Das verrohte Vokabular war immer da"
Man sieht: Das verrohte Vokabular von Pegida und Co. ist nicht vom Himmel gefallen. Es war immer da. Nachdenklich stimmt auch der letzte Satz, mit dem die Redakteurin die Anrufenden charakterisiert. "Auffallend dabei waren Männer um die 40, die den Faschismus nicht erlebt haben, sich zum Anwalt des nationalsozialistischen Gedankenguts machen und die und ihre Väter verteidigen."
Und da ich an dieser Stelle auch schon mal ungefragt Programmplanungstipps gegeben habe: Was, liebe ARD, spräche eigentlich dagegen, Eberhard Fechners Film "Der Prozess" zum 35-jährigen Jubiläum im November dieses Jahres an drei Abenden um jeweils 20.15 Uhr auszustrahlen?