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Startseite@mediasres"Glaubwürdigkeit ist was für Weicheier"17.04.2019

Matthias Dell"Glaubwürdigkeit ist was für Weicheier"

Der "Zeit"-Journalist Jochen Bittner plädiert für mehr Objektivität im Journalismus, obwohl er selbst schon ein Beispiel für mangelnde Distanz zur Politik war. Unser Kolumnist Matthias Dell fragt sich, was in dem Kollegen vorgeht.

Von Matthias Dell

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Der Teaser des Artikels "Fahnen runter" von Jochen Bittner in der "Zeit" (Deutschlandfunk / Annika Schneider)
Unter der Überschrift "Fahnen runter!" hat Jochen Bittner in der Wochenzeitung "Die Zeit" ein Plädoyer gegen "Haltungsjournalismus" verfasst. (Deutschlandfunk / Annika Schneider)
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Manchmal wüsste ich gern, wie es ist, Jochen Bittner zu sein. Wie man so einen Text veröffentlichen kann, wie es der beliebte "Zeit"-Journalist letzte Woche getan hat. Einen Text gegen den sogenannten Haltungsjournalismus.

Klingt erst mal gut, Journalisten sollen objektiv sein, kritisch, Distanz haben und so. Liest sich konkret aber schon im ersten Satz ziemlich bemüht: "Das zunehmende Bedürfnis vieler Journalisten, der Öffentlichkeit zu beweisen, wo sie politisch stehen, ist unübersehbar." Mal abgesehen davon, dass "zunehmend" der billigste Trick ist, um Neuigkeit zu behaupten, wo vielleicht gar nicht so viel Neuigkeit ist – stimmt diese Annahme? Gibt es heute nicht viel mehr Journalistinnen ohne Parteibuch als in dem unausgesprochen so objektiven Davor?

Undefinierte Bescheidwisserei

Noch diffuser wird es bei Bittners Erklärung für diesen "Verortungswunsch", den er "psychologisch verständlich" finden kann: "In polarisierten Zeiten, in denen die Einsortierung von Menschen schneller vonstattengeht als die Prüfung ihrer Argumente, will niemand in der falschen Schublade landen." Wenn ich das richtig verstehe, hält Bittner Haltung für ein Etikett, das man sich so schnell selbst ankleben muss, dass andere einem nicht das falsche anheften können. Dabei hätte ich bislang gedacht, der Sinn einer Haltung sei, dass man sie erkennt.

Ich erspare Ihnen jetzt, den sprachlich matten und argumentativ dünnen Text im Einzelnen durchzugehen. Weil rasch klar wird, dass Bittners Problem mit Haltungen im Journalismus nur jene betrifft, die nicht seine sind. Bittners eigene Haltung versteckt sich hinter einer Position undefinierter Bescheidwisserei, aus der der Text auf andere runterredet.

"Zeit"-Journalist selbst schon Beispiel für mangelnde Distanz

Denn eine Haltung ist auch in Bittners Texten und Tweets unübersehbar. Und mehr noch: Bittners Haltung war schon Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung, als der "Zeit"-Journalist vor Jahren in dem legendären Clip der ZDF-Satiresendung "Die Anstalt" namentlich genannt wurde – als Beispiel für mangelnde Distanz zwischen Journalismus und Politik.

Weil Bittner etwa über das Studienprojekt eines regierungsnahen Think Thanks in der "Zeit" geschrieben hatte – aber unter dem Text ursprünglich nicht offengelegt wurde, dass er dieses Projekt nicht nur als Beobachter verfolgt hatte, sondern dass er Teil einer Gruppe war, die ein Positionspapier erarbeitete. Und nun erklärt Bittner seiner Zunft: "Das Ringen um Objektivität ist der schlimmste Feind all jener, die versteckte Agenden betreiben, unter welchem Banner auch immer."

Aus der Rolle des Schiedsrichters gefallen

Das sind dann so Momente, in denen ich gern wüsste, wie man das macht. Wie man sich als Jochen Bittner an den Rechner setzt und Sätze tippt wie: "Berichterstatter sind Schiedsrichter der öffentlichen Debatte. Fallen sie aus der Rolle, indem sie dem Ball einer Mannschaft einen Schubs geben, leidet ihre Autorität." Und dann davon ausgeht, dass die einem irgendjemand glaubt.

Wie man da weiter schreiben kann, ohne zu merken: "Huch, hier rede ich doch gerade über mich. Durch die Geschichte von damals hat doch meine Autorität gelitten, weil ich aus der Rolle des Schiedsrichters gefallen bin. Wie kann ich dann jetzt solche wolkigen Sätze schreiben, ohne von mir zu erzählen? Wie kann ich anderen Haltungsprobleme diagnostizieren und so tun, als sei ich die Objektivität auf zwei Beinen?"

Zweifel machen keine Karriere

Ich wüsste tatsächlich gern, was in Kollegen vorgeht, die solche Texte zum Druck freigeben. Glauben die wirklich, was sie darin sagen? Sind die wirklich blind für die Absurdität solcher Artikel? Oder geht es bei diesen Texten ganz zynisch nur darum, Politik zu machen – also einfach in die andere Richtung zu ballern? Ob's stimmt oder nicht, irgendwas bleibt schon hängen? Glaubwürdigkeit ist was für Weicheier, Zweifel machen keine Karriere. Und diese Zeitungsseite kann schon mal nicht mehr mit der falschen Haltung vollgeschrieben werden.

Mit diesen Fragen verabschiede ich mich für heute. Hören Sie beim nächsten Mal: Wo ich mich als Mensch so einsortiere, und was Sie beim Kauf von Schubladen beachten müssen.

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