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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Matthias Geis / Bernd Ulrich: Der Unvollendete. Das Leben des Joschka Fischer.24.06.2002

Matthias Geis / Bernd Ulrich: Der Unvollendete. Das Leben des Joschka Fischer.

Alexander Fest Verlag Berlin 2002, 256 Seiten, Euro 24,90

<strong> In dieser Sendung wird nicht die Rede sein von jenem Roman, der am Donnerstag in die Buchhandlungen kommen soll und schon im Vorfeld für aufgeregte Diskussionen sorgte. Da ein eher mittelmäßiger Roman durch heftiges Schwingen der Antisemitismus-Keule aber noch nicht zu politischer Literatur wird, erlauben wir uns, auf seine Rezension zu verzichten, zumal die Kollegen des "Büchermarktes" das schon in aller Ausführlichkeit besorgt haben. Als erste Neuerscheinung und als definitiv "politische" Literatur möchten wir Ihnen heute eine neue Biographie über Joschka Fischer vorstellen - nicht die erste auf dem Buchmarkt, aber eine besonders lesenswerte, meint unsere Rezensentin Christine Heuer. </strong>

Christine Heuer:

War das wirklich nötig? Noch eine Fischer-Biographie - noch dazu mitten im Wahlkampf? Was gibt es über Joschka Fischer zu erzählen, das wir noch nicht wüssten? Beginnend bei der kleinbürgerlichen, schwäbisch-engen Herkunft des Metzgersohnes, der erst zum Autodidakten wurde, dann zum Anarchisten, später zum grünen Realpolitiker und schließlich zum deutschen Außenminister: Alles hundertmal gehört, noch öfter gedeutet - aber: Noch nie so einfühlsam, noch nie so aufmerksam und klug und noch nie so unterhaltsam wie von Bernd Ulrich und Matthias Geis. Nötig, mindestens hoch willkommen ist ihre Biographie, weil sie zum Kern des politischen - und menschlichen - Phänomens Joschka Fischer vorstößt, weil sie einen Schlüssel zu seinem Verständnis liefert, vielleicht auch, weil sie neue Lust macht auf Fischer, auf Politik überhaupt. Geis und Ulrich, heißt es im Klappentext des im Alexander Fest Verlag erschienen Buches, gehe es nicht darum, Joschka Fischer zu verklären oder zu widerlegen, sondern darum, sein Leben zu erzählen, es und ihn zu verstehen. Die Autoren fällen kein Urteil, schon gar nicht in letzter Instanz, sondern sie schildern, wie Joschka Fischer wurde, was er ist, wie der Mann innerlich funktioniert und womit wir bei ihm allenfalls rechnen können. - Dafür muss man den Menschen, um den es geht, gut kennen. Matthias Geis und Bernd Ulrich, beide politische Redakteure in Berlin und beide mit den Grünen bestens vertraut, wissen seit vielen Jahren, mit wem sie es in Joschka Fischer zu tun haben. Der Gefahr, durch die Nähe zum Gegenstand von Empathie in unkritische Distanz zu verfallen, sind die Autoren trotzdem oder gerade deshalb nicht erlegen. Ihre Biographie ist auch darum eine lustvolle Lektüre, weil sie Fischer - seine Selbstherrlichkeit, seine Rechthaberei, seine mitunter schwer erträglichen Attitüden - ironisieren - ohne dabei seine Leistungen und Erfolge aus dem Auge zu verlieren. Das Ergebnis ihrer Analyse haben die beiden Biographen "Der Unvollendete" genannt. Damit liegt der Kern der rätselhaften Erscheinung schon auf dem Umschlag der (übrigens mit vielen Fotos bestückten) Biographie offen zu tage: Joschka Fischer ist ein nie Fertigwerdender, einer, der aus jedem Erfolg, jedem Scheitern zu immer neuen Herausforderungen aufbricht. Auch ein Getriebener, einer, der keine Ruhe finden kann und will. Politisch gesprochen ist er ein "Machtkraftwerk", menschlich gesprochen ein Egozentriker, dessen Lebenshunger so manches und mancher zum Opfer fällt. Das ist die von Ulrich und Geis gezogene Quintessenz von Joschka Fischers Charakter. Woher aber nimmt der Mann seine anscheinend unerschöpfliche Energie? Was treibt ihn an? - Es sind zwei Quellen, sagt Bernd Ulrich:

Das eine ist die Leidenschaft, eine egoistische Leidenschaft, er will unter Hochspannung leben und er will Macht haben, und das zweite was ihn treibt, ist Interesse an Geschichte, an Geschichte wie sie gewesen ist, und das Interesse, Geschichte zu machen.

So etwas kann leicht schief gehen. Leidenschaft, jedenfalls dann, wenn sie kein Ziel hat, kann einen Menschen zerstören. Gut für ihn, dass Joschka Fischer stets ein Ziel vor Augen hat. Das ist, analysieren seine Biographen: Sich selbst und seine Macht auszubauen. Körperlich anschaubar wurde das seit Mitte der 80er Jahre, als Fischer (lange vor seiner Rück- und Umwandlung in einen durchtrainierten Asketen) sich vom markanten Jung-Grünen im Bundestag allmählich zum feisten Franz Josef Strauß-Double hoch fraß. Fischer Grundstimmung indes - die Leidenschaft, und zwar immer zuerst die politische - berühren seine äußerlichen Metamorphosen, auch seine geistigen Sinneswandel kaum. Das Rüstzeug, diese Leidenschaft zu leben, besteht aus Charisma und Selbstbehauptungswillen. Ersteres hat er - und andere haben es früh an ihm entdeckt. Wie die Fotografen, die selbst den noch unbekannten und völlig unbedeutenden Joschka Fischer stets im Fokus ihrer Linse hatten: Auch sein bedingungsloser Wille sich zu behaupten, stellen seine Biographen fest, sei Joschka Fischer - fast - in die Wiege gelegt worden:

Joschka Fischer ist im Gegenwind aufgewachsen, seine Familie kam aus Ungarn und es waren also dementsprechend Immigranten. Der Vater war Metzger und Kopfschlächter, also in der Hierarchie relativ weit untenstehend. Auch auf dem Gymnasium gehörte er zu den ganz wenigen Arbeiterkindern. Auch die Schicksalsschläge, die er hinnehmen musste, also, dass innerhalb von einer Woche sein Vater und seine Schwester gestorben sind, ist sicherlich etwas, was einen tief berührt. All diese Dinge kommen zusammen und haben in ihm den Entschluss stark und überstark werden lassen, dass er sich durchkämpfen will. Er ist von Natur aus ein Kämpfer.

Dass er ein Kämpfer ist, hat Joschka Fischer immer wieder an Abgründe getrieben. Und immer wieder ist er dem Absturz in letzter Minute entkommen. Am deutlichsten, als sich der Frankfurter Ober-Sponti 1976 vom militanten Straßenkampf abwandte - ein plötzlicher Entschluss im Erschrecken darüber, dass die eigene Bewegung ins Terroristische abzugleiten drohte. Nach 30 Jahren haben ihn die unschönen Seiten seiner ’68er Zeit noch einmal als Gefahr eingeholt: Es tauchten Fotos auf von Joschka, dem "Bullen-Schläger". Der Außenminister Fischer blieb im Amt - nicht zuletzt, urteilen Geis und Ulrich, weil die ihn stürzen wollende Opposition schwere strategische Fehler gemacht habe. Leidenschaft, Politik, Machtwille: Das sind die Grundmotive, die Bernd Ulrich und Matthias Geis in Joschka Fischers Leben ausmachen. Komponiert sind sie fast immer im scheinbar Widersprüchlichen. Fischers Vita, wie sie in "Der Unvollendete" erzählt wird, steckt voller Paradoxien. Der junge Aussteiger sucht und findet eine wirkliche Heimat erst unter vielen anderen Aussteigern im Frankfurter Sponti-Milieu. Bei den Grünen steigt der Realo ein als "Missionar gegen den Missionarismus" und schafft den "Aufstieg in einer aufstiegsfeindlichen Partei". Der Außenminister aus den Reihen der pazifistischen Grünen führt die ersten Kriege seit 1945 unter deutscher Beteiligung mit: den Kosovo-Krieg und den in Afghanistan. Als Politiker, urteilen Geis und Ulrich, sei Fischer ein "ehrlicher Opportunist": Er tue nichts, wovon er nicht überzeugt ist, aber er sei von nichts wirklich überzeugt, was seine Macht gefährden könnte. Die Reihe in die Autoren-Sprache übertragener Widersprüchlichkeiten Joschka Fischers ist lang. - Wundert es da noch, dass der "Unvollendete" sich in Krisenzeiten "nicht davor fürchtet etwas zu verlieren, sondern sich an die existentielle Situation verliert"? In diesem letzten Zitat steckt neben der Paradoxie auch der zweite rote Faden, dem Geis und Ulrich in ihrer Biographie folgen: Dass Joschka Fischer im Zweifelsfall wie Phönix aus der Asche steigt. Noch dem tiefsten Absturz folgt ein mindestens auf den zweiten Blick grandioser Neuanfang. So nach seinem rotationsbedingt erzwungenen Abschied aus der ersten grünen Bundestagsfraktion - da wird Fischer in Hessen mit weißen Turnschuhen als erster grüner Minister vereidigt. - Und scheitert. Doch nach Bonn zurückgekehrt, gewinnt er in zähem Ringen den innerparteilichen Kampf der Realos gegen die Fundis und legt so die Basis für eine grüne Regierungsbeteiligung im Bund und seinen eigenen Einzug ins Außenamt. Misserfolg als Erfolgsrezept: Das ist wieder so eine typische Paradoxie im Leben des Joschka Fischer. Wahrscheinlich die typischste. Sie ist der Kern einer Dialektik, die so stringent nicht einmal in Romanen durchgehalten wird, so sie etwas taugen. Und wirklich ist hier neben den Autoren ein Dritter am Werk, der zu eigenen Gunsten Deutungshoheit beanspruchen möchte - Joschka Fischer selbst:

Fischer hat ein großes Talent, seine eigene Biographie zu interpretieren. Und er interpretiert sie sich mit großem Geschick und nicht sehr plump um, so dass sie passt und quasi als eine ständige Höherentwicklung verstanden werden kann, Insofern ist vielleicht das Leben, wie er es geführt hat, nicht voller Absichten, aber das Leben, wie er es erzählt, ist voller Absichten.

Zum Glück erliegen Matthias Geis und Bernd Ulrich nicht der Gefahr, Fischers Erzählungen zu weit zu folgen. Im Gegensatz zu ihrem biographischen Gegenstand blenden sie nicht aus, was unterwegs in Fischers Leben verloren ging, oder was schlecht bleibt und deshalb nicht in das durchaus auch objektiv erkennbare Muster einer ständigen Höherentwicklung passt. Verloren hat Joschka Fischer, der, wie seine Biographen berichten, mit zunehmender Macht das Verhalten eines Mafia-Paten, eines unheimlichen Patriarchen angenommen hat, zum Beispiel politische Freunde. Schlecht, zumindest äußerst riskant bleibt nach Ansicht der Autoren, dass Fischer die Grünen gleichsam ent-grünt hat, um sie und sich selbst in die Regierung zu führen.

Es gab ja zwei Spannungsmomente im Verhältnis von Fischer und den Grünen. Das eine Spannungsverhältnis ist von Anfang an gewesen, dass er immer realistischer sein wollte, immer mehr Realo als die Partei. Das andere Spannungsverhältnis war , dass er im Prinzip von Anfang an immer "oben" war, also prominent und die Partei sehr basisorientiert. In gewisser Weise haben sich beide Spannungsverhältnisse aufgelöst, weil die Grünen jetzt genauso realpolitisch sind wie Joschka Fischer und sie haben ihn als Führer akzeptiert. Und jetzt ist es voll und ganz seine Partei geworden. Die Grünen sind joschkaesk, und das bedeutet, er kann sich nicht mehr rausreden darauf, dass die Partei ihm nicht gefolgt sei, sondern wenn was schief geht, dann weil sie ihm gefolgt ist.

Schlecht, zumindest riskant finden Ulrich und Geis auch, dass Fischer als Außenminister keine Grünen mehr kenne, sondern nur noch deutsche Interessen. Damit unterspiele er seine Möglichkeiten. Dass Fischer in unruhigen Zeiten auf die außenpolitische Kontinuität Deutschlands setzt, sei das eine. Dass er am Ende nichts Eigenes im Amt vorzuweisen haben könnte, sei das andere und eine Gefahr. Die Gefahr einer verpassten politischen Chance. - Es wäre die erste im Leben des Joschka Fischer.

Christine Heuer über Matthias Geis und Bernd Ulrich: Der Unvollendete. Das Leben des Joschka Fischer. Erschienen im Alexander Fest Verlag Berlin, 256 Seiten zum Preis von 24 Euro und 90 Cent.

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