Freitag, 09. Dezember 2022

Zum Tod von Gorbatschow
Viel Häme von russischen Medien

Der Tod von Michail Gorbatschow, dem letzten sowjetischen Staatschef, sorgt weltweit für Reaktionen. Während westliche Medien das Lebenswerk des 91-Jährigen würdigen, fällt das Urteil in seiner russischen Heimat vernichtend aus. Über die Hintergründe berichtet die ehemalige Dlf-Moskau-Korrespondentin Sabine Adler.

Text: Anh Tran | Sabine Adler im Gespräch mit Sebastian Wellendorf | 31.08.2022

Der ehemalige Präsident der Sowjetunion Michail Gorbatschow posiert am Rande einer Pressekonferenz, in Anzug, Hemd und Krawatte. Er schaut direkt in die Kamera.
Nach dem Tod von Michail Gorbatschow erinnern Medien sehr unterschiedlich an sein Vermächtnis. (dpa | Jörg Carstensen)
Mit "Gorbi, Gorbi!"-Rufen begrüßten die Ost-Berliner im Oktober 1989 den damaligen Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow. Von seiner Reformpolitik erhofften sich die Bürger der DDR und anderer Staaten des Ostblocks mehr Freiheit und Demokratie. Der Fall der Mauer einige Monate später ist untrennbar mit dem Namen Michail Gorbatschow verbunden. 1990 erhält er für sein Engagement den Friedensnobelpreis.

Held für die einen, Sündenbock für die anderen

Während viele Medien in Deutschland und den USA Gorbatschows Politik der Perestroika und Glasnost - also Umgestaltung und Offenheit - würdigen, gehen russische Medien scharf mit ihm ins Gericht. Dort gilt Gorbatschow weiterhin als Sündenbock. Die Osteuropa-Historikerin Corinna Kuhr-Korolev schreibt in einem Artikel für das Online-Medium "Dekoder" von einer "Gorbimanie" einerseits und einer "Gorbiphobie" andererseits.
Manie, weil Michail Gorbatschow zu Beginn seiner Amtszeit als "Erlöserfigur" wahrgenommen wurde und im Westen bis heute für sein Lebenswerk geehrt wird. Eine Phobie habe sich vor allem in seiner Heimat Russland entwickelt, wo er für den Untergang der Sowjetunion verantwortlich gemacht wird.

Reaktionen aus Russland

Über den Kremlsprecher hat der russische Präsident Wladimir Putin den Angehörigen sein tiefes Beileid ausgedrückt. In einem Statement auf Telegram wird Putin außerdem zitiert mit den Worten: "Michail Gorbatschow war ein Politiker und Staatsmann, der den Lauf der Weltgeschichte maßgeblich beeinflusst hat. Er hat zutiefst verstanden, dass Reformen notwendig sind, und er hat versucht, seine eigenen Lösungen für dringende Probleme anzubieten." Neutraler könne ein Statement kaum ausfallen, so die Einschätzung der ehemaligen Dlf-Russland-Korrespondentin Sabine Adler.
Weitaus gehässiger würden sich dagegen russische Kommentarspalten lesen, erklärt Adler. Sie schreiben schlecht über die ehemalige First Lady Raissa, bezeichnen Gorbatschow mit seinem markanten Muttermal als "Gezeichneten" und "Wurzel allen Übels". Die staatliche Nachrichtenagentur "RIA Novosti" nennt den Verstorbenen in einer Meldung gar das "Objekt eines intensiven Hasses eines großen Teils seiner Mitbürger" , weil er die Sowjetunion zerstört habe und "für den Albtraum der 1990er Jahre" verantwortlich gemacht werde.
Zum Teil würden russische Medien aber auch an die große Hoffnung erinnern, die mit der Person Gorbatschow verbunden wurde. So erinnert die Nowaja Gaseta online an ihren Mit-Eigentümer Gorbatschow: "Er hat dem Land und der Welt ein unglaubliches Geschenk gemacht - er hat uns dreißig Jahre Frieden beschert. Ohne die Gefahr eines globalen und nuklearen Krieges", kommt aber gleichzeitig zu dem Schluss: "Das Geschenk ist vorbei. Das Geschenk ist weg. Und es wird keine Geschenke mehr geben." Die Nowaja Gaseta musste in Russland ihr Erscheinen einstellen und publiziert mittlerweile aus dem Exil.“