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StartseiteMarkt und MedienSuche nach der disruptiven Idee für den Journalismus24.10.2015

Medientage MünchenSuche nach der disruptiven Idee für den Journalismus

Es fällt den Führungsetagen in den Medienhäusern schwer, sich zu modernisieren. Die Medientage München formulierten dafür einen Vorschlag: "Digitale Disruption" - alte Produkte durch neue ersetzen. Doch die große Revolution bleibt bisher aus.­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­

Von Vera Linß

Der Moderator und Entertainer Thomas Gottschalk und die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) sprechen am 21.10.2015 im Internationalem Congress Center in München (Bayern) während der Eröffnung der Münchner Medientage. Unter dem Motto "Digitale Disruption - Medienzukunft erfolgreich gestalten" finden vom 21.-23.10.2015 in München die Medientage statt. (Sven Hoppe / dpa)
Der Moderator Thomas Gottschalk und die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) sprechen am 21.10.2015 im Internationalem Congress Center in München (Bayern) während der Eröffnung der Münchner Medientage. (Sven Hoppe / dpa)
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Die Zahlen klingen dramatisch. 21 Milliarden Dollar werden Inhalteanbieter weltweit in diesem Jahr verlieren durch sogenannte Adblocker, Apps, die Werbung im Internet unterdrücken. Für Miriam Meckel, Chefredakteurin der "Wirtschaftswoche", ist dies ein Symptom für die Kreativlosigkeit der Medienbranche. Statt die Nutzer mit besserer Werbung, packenden Inhalten und bequemeren Zugängen bei sich halten, klage man besonders in Deutschland, dass alte Modelle nicht mehr funktionierten:

"Wir neigen ein bisschen dazu, wenn was gut läuft, es bis zum Ende auszuquetschen und dann aber möglicherweise auch vor der Wand zu stehen und zu sagen: Huch, was denn jetzt? Ich glaube, was Netflix zum Beispiel vorgemacht hat mit seinem wirklich disruptiven Ansatz, da 2007 das eigene Geschäftsmodell zu verändern und vom Versand der DVD auf das Streaming zu setzen. Das ist eine echte Disruption. Und da würde ich mir wünschen, dass da manche mutiger werden im deutschen Markt."

Bislang allerdings beschränke sich der Mut vor allem darauf, fremde Ideen zu adaptieren, kritisiert Meckel:

"Ich würde schon sagen, dass wir im Moment immer noch sehr stark in die USA kucken, was Modellcharakter von neuen Angeboten angeht und dass wir dort ganz gut sind, die jetzt nachzuvollziehen zum Teil. Aber dass wir noch nicht so richtig geschafft es haben, mal ein Format zu platzieren, wo man sagen kann, dass ist jetzt aus Deutschland ein Trendsetter für die Medienwirtschaft insgesamt."

Kein Trendsetter in Sicht

Ein Trendsetter war auch in München nicht in Sicht. Stattdessen ging es etwa darum, wie die deutschen Verleger sich besser behaupten können in einem Markt, der von US-Playern dominiert wird. Überraschend: das Umdenken von Mathias Müller von Blumencron. Noch im Juni hatte der Chefredakteur von faz.net Facebook als eine Gefahr für die Medien bezeichnet. Inzwischen kann er sich vorstellen – wie andere Verlage auch – mit Facebook direkt zu kooperieren, im Rahmen des Formats Instant Articles. Von Blumencron:

"Wir tanzen hier mit dem Teufel, wie wir das an anderen Ecken und Enden auch tun. Und wir müssen dann nur einen richtigen Weg finden, der für uns die Vorteile bringt, die wir für uns für wichtig erachten. Nämlich auf der einen Seite neue Leser auf unsere Angebote ziehen, und auf der anderen Seite mit Hilfe von Werbung mehr Geld zu verdienen."

Ganz fest setzt man dabei auf das Brainstorming mit Google. Über 150 Verlage und Medienunternehmen haben sich der im April gestarteten Digital News Initiative angeschlossen. Anfang Oktober gab es ein erstes Ergebnis der Kooperation: Eine Anwendung, mit der sich mobile Webseiten schneller öffnen lassen. In München öffnete Google jetzt den 150 Millionen schweren Fonds für innovative Journalismusideen, ebenfalls Teil der News-Initiative. Madhav Chinnappa von Google zu den Erwartungen:

"Wir sind sehr offen gegenüber Innovationen. Wir versuchen nicht, irgendetwas vorzuschreiben. Wir hoffen, dass die Leute ihre eigenen Vorstellungen einbringen und sich mit einem Projekt bewerben, das sie als innovativ erachten. Auf solche Bewerbungen freuen wir uns."

Ansätze von Google für die digitale Initiative

Journalistisch will sich Google nicht einbringen. Man verstehe sich als Technologielieferant, so Google-Mann Chinnappa. Anders das börsennotierte XING: Um das soziale Netzwerk attraktiver zu machen, werden von nun an eigene Inhalte produziert. Jennifer Lachmann, Chefredakteurin des neuen News-Formats:

"Jetzt haben wir eine Redaktion etabliert. Und wir werden uns Themen aus dem wirtschaftsjournalistischen Bereich suchen und lassen das aus verschiedenen Sichtweisen diskutieren. Das kann eine klassische Pro-Contra-Debatte sein, es kann eine eigene Sichtweise sein. Wir haben das Thema diskutiert: Brauchen wir in zehn Jahren überhaupt noch Banken? Und haben jemanden gefunden, der in einer Gegend lebt, wo es gar keine Filialen mehr gibt und der einfach mal erzählt: Filialsterben, das passiert, aber was heißt das für den Einzelnen."

Journalismus als Zugpferd, um andere Services besser zu verkaufen – die von Miriam Meckel geforderte disruptive Kreativität ist das noch nicht. Aber immerhin eine Mini-Innovation made in Germany.

Video von dem Radiogipfel auf den Medientagen in München:

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