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StartseiteForschung aktuellBakterien-Fund im Gehirn wirft viele Fragen auf07.01.2019

MedizinBakterien-Fund im Gehirn wirft viele Fragen auf

Eine US-amerikanische Medizinerin hat intakte Bakterien im Gehirn eines verstorbenen Patienten entdeckt. Der Fund führt in der Fachwelt zu Diskussionen. Denn unklar ist, wie die Bakterien ins Gehirn gelangt sind - und welche Funktion sie dort haben.

Von Lucian Haas

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Darstellung eines Gehirns - eine Hirnpartie ist rot erleuchtet. (imago/Science Photo Library)
Es ist unklar, welche Funktion Bakterien im Gehirn haben. (imago/Science Photo Library)
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Wenn Rosalinda Roberts an die jüngste Tagung der "Society for Neuroscience" im kalifornischen San Diego zurückdenkt, ist sie immer noch ganz aufgeregt. Die Anatomin von der University of Alabama hatte dort ein viel beachtetes Poster präsentiert – mit vorläufigen Ergebnissen aus ihrem Labor. Sie zeigen elektronen-mikroskopische Aufnahmen von Gewebeschnitten des menschlichen Gehirns, entnommen von zuvor verstorbenen Patienten. Dabei sind an und in manchen Zellen kleine, abgekapselte Strukturen zu erkennen, die dort eigentlich nicht hin gehören: intakte Bakterien. Und das in einem Organ, das normalerweise als steril betrachtet wird. Rosalinda Roberts Funde von Bakterien im Gehirn haben in der Fachwelt Diskussionen entfacht.

Darm-Bakterien haben Einfluss auf Hirnfunktionen

"Dass da Bakterien da sind, und die sind ja sehr abgekapselt, und die Bilder, die zeigen auch Bakterien, das bezweifle ich nicht. Aber ich bezweifle ob intakte Bakterien im Säuger-Gehirn und Menschen-Gehirn tatsächlich eine funktionelle Bedeutung haben."

Thomas Bosch von der Uni Kiel ist überzeugt, dass Menschen sogenannte Meta-Organismen sind. Also eine funktionelle Einheit von menschlichen Zellen mit ebenfalls im Körper siedelnden Bakterien. Im Darm beispielsweise sind Bakterien allgegenwärtig und bilden dort das sogenannte Darm-Mikrobiom. Studien an Mäusen haben gezeigt, dass Darm-Bakterien sogar Einfluss haben können auf bestimmte Hirnfunktionen. Forscher sprechen von der Darm-Hirn-Achse. Wie sie funktioniert, ist unklar. Thomas Bosch geht davon aus, dass die Darm-Bakterien bestimmte Stoffe absondern, die bis ins Hirn gelangen. Was aber wäre, wenn das Gehirn ein eigenes Mikrobiom besäße? Bakterien, die direkt in und um die Hirnzellen siedeln...

"Das wäre ein Paradigmen-Wechsel. Das Mikrobiom im Darm wird eindeutig von den Bakterien dort gebildet. Nun wird viel über die Darm-Hirn-Achse gesprochen. Aber interessanterweise kann niemand genau sagen, wie die Stoffwechselprodukte der Bakterien es bis ins Hirn schaffen."

Bakterien-Fund muss noch bestätigt werden

Rosalinda Roberts hält es für denkbar, dass Bakterien direkt im Gehirn eine Rolle spielen könnten. Jene Mikroben, die sie in den Hirn-Gewebeschnitten entdeckte, gehören sogar zu Stämmen wie Bacteroidetes, Firmicutes und Proteobacteria. Diese kommen auch im Darm vor. Es wäre eine faszinierende Vorstellung, wenn die Darm-Hirn-Achse nicht auf einer Fernwirkung beruhte, sondern auf einer direkten Einflussnahme vor Ort.

Noch ist das Spekulation, zumal die Funde erst noch bestätigt werden müssen. Bisher kann Rosalinda Roberts nicht eindeutig ausschließen, dass die Bakterien durch eine Kontamination in die Proben gelangt sein könnten, auch wenn manche Anzeichen dagegen sprechen. Zum Beispiel fand sie die Bakterien nicht überall im Hirn. Sie saßen bevorzugt in bestimmten Bereichen, und dort in bestimmten Zelltypen.

"Das ist wirklich eindrucksvoll. Auf einem der Bilder sieht man zwei Nervenzellen direkt nebeneinander. Eine ist voll mit Bakterien, und an der anderen sind gar keine. Wenn es sich um eine bakterielle Verunreinigung handeln würde, dann würde ich diese überall erwarten."

Studie ist umstritten

Auch Thomas Bosch ist über solche Details etwas verwundert. Dennoch warnt er davor, allzu schnell weitreichende Schlüsse über deren Bedeutung zu ziehen.

"Das halte ich wirklich für gefährlich. Wenn ich mit so einer Message mit Ausrufezeichen – die Studie heißt: "The Human Brain Mikrobiom, there are Bacteria!",  Ausrufezeichen – hingehe, dann würde ich erwarten dass da eine tiefere Analyse vorliegt, die über die Histologie an diesen Gehirnschnitten hinausgeht. Die Autoren waren möglicherweise überrascht von dem, was sie da sehen. Und sie haben das, meine ich, ziemlich überinterpretiert."

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