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StartseiteCampus & KarriereTrauermarsch für eine Reform02.07.2015

MedizinstudiumTrauermarsch für eine Reform

Das Medizinstudium soll reformiert werden. Dafür hat sich bereits der Wissenschaftsrat ausgesprochen. Auch die Studierenden sind für eine Reform. Jetzt aber befürchten sie, dass das Vorhaben scheitern könnte und haben deshalb ein deutliches Zeichen gesetzt.

Von Nicole Albers

Uni Münster (Deutschlandradio / Anja Wölker)
Studierende der Uni Münster fordern eine stärkere Vernetzung der Lerninhalte im Medizinstudium. (Deutschlandradio / Anja Wölker)
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Rund 300 Medizinstudierende der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ziehen in einem Trauermarsch vor das Dekanat des Fachbereichs, um ihren Ärger deutlich zu machen. Ärger darüber, dass Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen werden und Reformvorhaben einfach geschluckt werden.

"Hauptkritikpunkt ist, dass es dieses Hinterzimmertreffen gab, in dem Leute eingeladen wurden, relativ willkürlich, die jetzt diese Entscheidung getroffen haben, ohne die Kommission einzubeziehen, ohne uns einzubeziehen",

erzählt Markus Kentgen. Er engagiert sich in der Fachschaft Medizin in Münster und saß die letzten eineinhalb Jahre außerdem in der Curriculumskommission. Insgesamt bestand die aus 30 Personen, Assistenzärzte und Studierende, die darüber beraten sollten, wie ein reformiertes Studium aussehen kann.

"Aus studentischer Sicht möchten wir das Curriculum komplett reformieren, das heißt, wir möchten Praxisnähe stärken, die praktische Ausbildung mehr in den Vordergrund rücken, praktische Fähigkeiten vermitteln, wir möchten ein bisschen weg von der klassischen Wissensvermittlung, sprich von Vorlesungen."

Stärkere Vernetzung der Inhalte

Außerdem wünschen sich die Jungmediziner eine engere Vernetzung der Inhalte, denn das sei ein großes Manko der Lehre, meint Kentgen. Beispiel Neurologie:
"Man hat die Neuroanatomie im dritten Semester und Neurologie, wo man die entsprechenden Erkrankungen dazu lernt, ist im achten Semester, da sind fünf Semester zwischen, das ist einfach ne sehr lange Zeit und wir möchten diesen Zeitraum verkürzen."

Hört sich ganz plausibel an, doch die Studierenden wollten das in Form einer sogenannten Modellstudiengangsklausel umsetzen. Diese ermöglicht es, in einigen Punkten von der festgelegten Regelausbildung abzuweichen.

Neun Universitäten deutschlandweit machen das bereits, darunter Aachen, Berlin und Hannover – und das offensichtlich mit Erfolg. In der Kommission in Münster allerdings gab es dagegen erhebliche Gegenwehr, vor allem von ärztlichen Vertretern der vorklinischen Fächer, wie etwa der Anatomie. Zumindest hätten die Studierenden zu lange darüber diskutiert, meint Dekan Wilhelm Schmitz.

Fehlende Mitsprache

"Das Vorgehen ist so, wir haben eine Curriculumskommission, die jetzt seit 1,5 Jahren tagt und die bisher nichts Nachlesbares zu Papier gebracht hat und deshalb hat das Dekanat sich darum gekümmert.
Seit Ende letzten Jahres bis Februar hatte ich um einen Vorschlag gebeten, der aber bisher nicht geliefert wurde und deshalb habe ich ein Beratergremium berufen."

Und die besteht nur aus Klinikchefs. Genau das brachte die Studierenden auf die Palme. Die fehlende Mitsprache. Völlig übertrieben, meint Schmitz:

"Es ist nicht, um die Studierenden auszuschließen, ich hätte das auch ohne Ankündigung machen können, stattdessen hab ich es sehr transparent gemacht, und den Studis gesagt, sie sind selbstverständlich nachher wieder dabei."

Die Arbeit der Kommission soll also weitergehen. Denn dem Dekanat liegt nach eigenen Aussagen viel an einer Reform, und die Ideen dazu hören sich mitunter auch gar nicht so anders an als die Vorschläge seitens der Studierenden.

"Das heißt stärkere Wissenschaftlichkeit im Studium, stärkere vertikale Vernetzung und Forschungsarbeiten zwischendurch, kurze Projekte im klinischen Bereich, um die Kompetenz zu stärken und nicht das reine Faktenwissen."
Und nicht zu vergessen:

"Dies ist nur durchführbar, wenn das Studium auch entrümpelt wird."

Verbindlichkeiten schaffen

Fragt sich, wozu denn nun der Protest oder vielmehr der Trauermarsch eigentlich diente, wenn doch seitens des Dekanats offensichtlich große Bereitschaft zur weiteren Zusammenarbeit gegeben ist.
"Wir möchten noch mal ein deutliches Zeichen setzen, dass wir für Reformen sind - für tief greifende Reformen sind, und auch so ein bisschen Verbindlichkeit schaffen."

 

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