Dienstag, 20.08.2019
 
Seit 03:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteKultur heuteMehr als jeder dritte Deutsche ist offenbar antijüdisch eingestellt28.04.2004

Mehr als jeder dritte Deutsche ist offenbar antijüdisch eingestellt

Gespräch mit dem Historiker Götz Aly

Mehr als jeder dritte Deutsche ist offenbar antijüdisch eingestellt. Das hat eine Umfrage der Anti-Defamation League ergeben, die in Berlin vor Beginn der Antisemitismus-Konferenz der OSZE vorgelegt wurde. Damit steht Deutschland in Europa an erster Stelle vor Belgien und Frankreich.

Teilnehmer einer Neonazi-Demonstration (AP)
Teilnehmer einer Neonazi-Demonstration (AP)

Doris Schäfer-Noske: Bundespräsident Rau hat die zweitägige OSZE-Konferenz heute eröffnet mit einem Aufruf zu Wachsamkeit und Zivilcourage im Kampf gegen Judenfeindlichkeit. Es genüge nicht, antisemitische Äußerungen als solche zu brandmarken. Man müsse den Vorurteilen inhaltlich entgegentreten. Dann hat Rau an den Völkermord in Ruanda vor zehn Jahren erinnert mit dem Hinweis, leider sei die Shoah nicht der letzte Völkermord gewesen. Ich habe mit dem Historiker und Publizisten Götz Aly gesprochen und ihn zunächst gefragt, inwieweit denn Rau da einen neuen Vergleichbarkeitsstreit vom Zaun gebrochen hat.

Götz Aly: Nein, ganz bestimmt nicht. Es ist ja offensichtlich, dass der Mord an den europäischen Juden durch die Deutschen, aber unter Beteiligung vieler anderer Europäer, sich in eine Reihe von Völkermorden einfügt, die es in der Geschichte gegeben hat und eben auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch gegeben hat. Das Besondere an dem Völkermord an den Juden ist, darüber kann man sich lange unterhalten, das ist dadurch nicht umstritten.

Doris Schäfer-Noske: Eine Studie der EU zum Antisemitismus in Europa hat Anfang des Jahres ja einen heftigen Streit ausgelöst. Dabei ging es im Prinzip um die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Israelpolitik und Antisemitismus gibt. Wo kann man da aus Ihrer Sicht eine Grenze ziehen?

Götz Aly: Ja, das ist ein ganz schwieriges Thema. Es ist völlig verrückt, die Juden die hier wohnen, die woanders wohnen, auch die in Israel wohnen, mit der Politik ihrer Regierung gewissermaßen zu identifizieren und dafür verantwortlich zu machen. Mich macht ja, wenn ich im Ausland bin, auch keiner für die Regierung Schröder oder für eine Bemerkung von Frau Merkel oder sonst wie was, verantwortlich. Insofern würde ich sagen, dass in diesem Gleichsetzerischen, also von der Politik, sagen wir mal der Regierung Sharons, dass sich dafür jeder sich zur jüdischen Religion bekennende Mensch irgendwie zu verhalten habe; das ist ja völlig albern. Das passiert leider in Deutschland, wo solche Bekenntnisfragen sehr häufig sind, eigentlich ununterbrochen. Das ist auch einfach ein Mangel an innerer Liberalität und Differenzierungsmöglichkeit in der deutschen Gesellschaft, der sich aus dem letzten Jahrhundert in die Gegenwart geschleppt hat.

Doris Schäfer-Noske: Bei antijüdischen Gewalttaten werden in letzter Zeit häufig Rechtsextreme in Deutschland, und vor allem in Frankreich, auch Muslime als Täter genannt. In türkischen Zeitungen in Deutschland hat der Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismus zudem antijüdische Hetze festgestellt. Für wie wichtig, halten Sie diese Tätergruppen zum Beispiel in Deutschland?

Götz Aly: Es ist ja nicht auszuschließen, dass gewissermaßen die Konflikte aus dem Nahen Osten dann auf europäischem Boden als rassistische Konflikte ausgetragen werden; Araber gegen Juden, egal wo und wie sie auftreten auf der Welt. Dann müssen wir natürlich dagegen vorgehen. Diese Leute müssen zur Rechenschaft gezogen werden, und das muss auch mit allem Nachdruck verfolgt werden.

Doris Schäfer-Noske: Inwieweit sehen Sie da eine Gefahr in Deutschland, dass die Deutschen sagen, es waren ja eben die Rechtsextremen, dass der Antisemitismus in Deutschland im Grunde heruntergespielt und auf eine bestimmte Tätergruppe eingeschränkt werden könnte?

Götz Aly: Antisemitismus hat natürlich etwas damit zu tun, dass die Leute sozusagen mit engen Weltbildern Generalschuldige suchen. Das Problem am Rechtsextremismus ist, glaube ich, gar nicht so sehr der organisierte Rechtsextremismus. Der ist ja einigermaßen gut unter Kontrolle in Deutschland. Das Problem ist in Frankreich, aber auch in Italien und anderen Ländern, wie Ungarn, sehr viel deutlicher. Wenn die Menschen in den sozialschwachen Milieus, die normalerweise sozialdemokratisch und sozialistisch wählen würden, von der Wirtschaftkrise bedroht werden oder von neuen Modernisierungsschritten, ist der Übergang zum Rechtsextremismus relativ flüssig und einfach.

Doris Schäfer-Noske: Inwieweit befürchten Sie denn eine Zunahme des Antisemitismus in der EU mit der Osterweiterung jetzt?

Götz Aly: Ich halte die EU-Erweiterung für Glück, und das Glück besteht darin, dass eine höhere Differenzierung, aber auch höhere Chancen und Risiken innerhalb der EU stattfinden. Das ist das Schöne. Die negative, andere Seite ist eben, dass für viele dieser Prozess Unsicherheit, Verlassen des Gewohnten bedeutet. Das kann zu entsprechenden politischen Abwehrreaktionen führen, wie Ausländerfeindlichkeit, aber auch den Antisemitismus ansteigen lassen.

Doris Schäfer-Noske: Inwieweit könnte da auch, die mangelnde Aufarbeitung der Geschichte der ganzen osteuropäischen Länder eine Rolle spielen?

Götz Aly: Das ist schon wichtig. Die osteuropäischen Länder, also die, die jetzt neu zur EU beitreten - aber es sind natürlich auch westeuropäische Länder - haben sich ja wenig klar gemacht bisher, wie sehr sie mit in dem Holocaust involviert waren; auch die Bevölkerungsmehrheiten. Man muss sich einfach vorstellen, dass zum Beispiel Eichmann aus Ungarn mehr als vierhunderttausend Juden hat abtransportieren lassen, aber er war da nur mit fünfzig Mitarbeitern, und das hat alles bis zur Grenze die ungarische Gendarmerie gemacht. Das Eigentum der Juden wurde innerhalb von Ungarn verteilt. Das wurde bis heute eigentlich nicht von der ungarischen Gesellschaft wahrgenommen. Wenn das so lange verdrängt wird, dann führt das natürlich zu unkontrollierbaren Aggressionen und Reaktionen, aber es gibt in all diesen Ländern ernstzunehmende Historiker, die das machen und die das bearbeiten. Wir als Deutsche können da nicht direkt Nachhilfe geben. Das steht uns nach unserer eigenen Geschichte auch nicht zu.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk