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Mehr Geld für Antibiotika

Ein Hauptproblem der Antibiotika-Forschung sei, dass es für die pharmazeutische Industrie nicht mehr finanziell interessant ist, neue Antibiotika zu entwickeln, sagt Ansgar Lohse, Direktor der I. Medizinischen Klinik am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf.

Ansgar Lohse im Gespräch mit Arndt Reuning | 28.01.2013

Arndt Reuning: Die Tendenz ist eindeutig. Immer mehr Bakterien werden unempfindliche, also resistent, gegen die gängigen Antibiotika. Gleichzeitig werden immer weniger dieser Wirkstoffe entwickelt und auf den Markt gebracht. Die Akademie der Wissenschaften in Hamburg und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina veröffentlichen heute eine gemeinsame Stellungnahme zur Antibiotika-Forschung. Probleme und Perspektiven. Mit einem der Autoren habe ich vor der Sendung telefoniert, mit Professor Dr. Ansgar Lohse vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Ich wollte wissen, wo genau liegen denn die Probleme der Antibiotika-Forschung?

Ansgar Lohse: Das Hauptproblem ist wahrscheinlich, dass es für die pharmazeutische Industrie nicht mehr finanziell interessant ist, neue Antibiotika zu entwickeln und die Entwicklungskosten so hoch sind für neue Medikamente, dass man das auf dem Markt kaum noch wieder reinbringen kann. Und dadurch wandern die Wissenschaftler, die sich mit diesen Themen beschäftigt haben, aus diesem Thema auch zunehmend ab.

Reuning: Die Medikamente werden nur über wenige Tage verabreicht im Gegensatz zum Beispiel zu einem Herz-Kreislauf-Mittel. Liegt das daran, dass es sich für Pharmaindustrie finanziell nicht mehr rentiert?

Lohse: Der Grund ist tatsächlich, dass die Medikamente nur für wenige Tage gegeben werden und es schwierig ist, dann Preise durchzusetzen, die es dann wirklich rentabel machen. Es kommt sicherlich auch dazu, dass es in der Allgemeinheit nicht unbedingt akzeptiert ist, dass es sich lohnt, für diese Indikationen so hohe Preise zu zahlen, obwohl Antibiotika nachweislich lebensrettend sind. Aber ein wichtiger Grund ist auch, dass wir bewusst als Ärzte neue Antibiotika nur zurückhaltend und als Reservemedikamente einsetzen, so dass es dann nicht so häufig verschrieben wird – gerade in der Zeit des Patentschutzes noch – als dass es sich für die Firma sehr lohnen würde.

Reuning: Sehen Sie denn eine Möglichkeit aus diesem zumindest finanziellen Dilemma herauszufinden?

Lohse: Wir haben in der Stellungnahme eine Reihe von Vorschlägen gemacht und glauben, dass man die auch austesten und auch wieder wissenschaftlich evaluieren muss, auf ihre Effektivität. Zum Beispiel könnte man Public Private Partnership machen, man könnte Regelungen finden, dass ein Mindestanteil der Medikamente von der öffentlichen Hand gekauft werden, man könnte aber die Entwicklungskosten auch reduzieren und man könnte die Zulassungshürden für neue Antibiotika senken. Bisher wird normalerweise von einem Medikament verlangt, dass es deutlich besser ist, als bisher bestehende Medikamente. Bei den Antibiotika geht es darum, dass man einfach auch nur Alternativen hat. Gleichwertige oder selbst etwas, was ein bisschen schlechter wirkt, kann für den einzelnen Patienten im Falle einer Resistenz lebensrettend sein. Oder auch im Falle einer Allergie gegen ein Antibiotikum, wo wir dann ein Reservemedikament brauchen.

Reuning: Das finanzielle ist die eine Seite. Auf der anderen Seite könnte es ja auch sein, dass die meisten Antibiotika-Wirkstoffe aus der Natur schon entdeckt sind. Sehen Sie da überhaupt eine Perspektive, neue Wirkstoffe zu finden?

Lohse: Wir glauben, dass es noch sehr viele Wirkstoffe in der Natur gibt. Antibiotika sind ja eigentlich fast alles Natursubstanzen, weil Bakterien sich gegenseitig oder überhaupt in der Biologie Bakterien sich gegenseitig bekämpfen können, über antibiotische Substanzen. Da gibt es bestimmt noch viel zu entdecken, aber dazu muss auch die Grundlagenforschung, gerade die Grundlagenmikrobiologie, also die Gewinnung von Erregern und Antibiotika-produzierenden Pflanzen, die muss entwickelt werden. Wir glauben, gerade die Grundlagenforschung auf diesem Bereich ist wichtig, wie auch die Grundlagenforschung über die Mechanismen der Resistenzentwicklung. Weil wir glauben, dass auch ganz neue Ansätze wirksam sein könnten. Dass man versucht, zu verhindern, dass sich überhaupt eine Resistenz entwickelt. Dass man in diese Mechanismen eingreift.

Reuning: Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Forderung aus dem heute veröffentlichten Papier?

Lohse: Die wichtigste Forderung ist eine Forschungslandschaft zu fördern, die sowohl in den Grundlagen als auch in die Translation, in die Anwendung, es attraktiv macht, Antibiotikaresistenzen und deren Bekämpfung zu erforschen.

Reuning: Professor Dr. Ansgar Lohse war das vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.