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Breitensport in der Krise?
"Die Deutschen sind dem Vereinssport nicht mehr so stark zugetan"

Der Mitgliederschwund im Breitensport ist nach der Corona-Pandemie vorerst gestoppt. Ein Lichtblick, den man positiven bewerten muss, sagt der Zukunftswissenschaftler Ulrich Reinhardt. Von einer Trendwende will er aber noch nicht sprechen.

Ulrich Reinhardt im Gespräch mit Christian von Stülpnagel | 15.10.2022
Amateurfußballer auf einem Aschenplatz
Das Niveau der Mitgliederzahlen bleibt nach Angaben des DOSB unter dem der Vor-Corona-Jahre (imago sportfotodienst)
Der Breitensport hat während der Corona-Pandemie Federn gelassen. Shutdowns, geschlossene Hallen, Trainingsausfälle, Mitgliederverluste - immer weniger engagierten sich im Verein. Nach dem Verlust von fast 800.000 Vereinsmitgliedern im Jahr 2020 verzeichnete der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) im zweiten Corona-Jahr einen Zuwachs von 0,17 Prozent (46.672 Personen). Zahlen, die einerseits hoffen lassen, aber auch weiter Sorgen bereiten.
"Wenn man es natürlich längerfristig anschaut, zehn, 20, 30 Jahre zurück, dann ist es immer rückläufig gewesen. Man hat ja früher mal gesagt, mindestens jeder dritte Deutsche ist in einem Verein aktiv. In den 60er- und 70er-Jahren hieß es sogar mehr als jeder zweite. Man merkt, insgesamt sind die Deutschen nicht mehr dem Vereinssport so stark zugetan.", sagt Ulrich Reinhardt, Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg.

Vereine sind deutlich günstiger

Der Wissenschaftler sieht dafür vielfältige Gründe. So ist die Zahl der Freizeitaktivitäten in den letzten Jahren gestiegen. Wer heute aktiv sein will, muss sich nicht unbedingt in einem Verein engagieren. Und: Seit Corona ist Sport auch zu Hause möglich.
Dennoch sind die Mitgliederzahlen wieder gestiegen. Reinhardt erklärt sich den Boom damit, dass die Bundesbürger ein Stück weit die Entbehrungen der Corona-Pandemie hinter sich gelassen haben und wieder die Gemeinschaft suchen und mit anderen zusammen sein wollen.
"Dafür sind Vereine natürlich prädestiniert. Vereine sind in der Regel ja auch immer deutlich günstiger als beispielsweise Fitnessstudios. Sie sind natürlich aber wieder teurer, als wenn ich jetzt nur joggen gehen oder zu Hause vom Fernseher Übungen mache", sagt Reinhardt. Der Kostenfaktor könnte angesicht der Energiekrise aber für einen Boom sorgen. Denn der Verein ist "insgesamt eben eine kostengünstigere Freizeitaktivität".

Renaissance des Vereinssport erwartet

Die Corona-Nachwirkungen werde der Vereinssport aber noch weiter spüren. "Langfristig glaube ich aber schon auch an einer Art Renaissance des Vereinssports, weil natürlich dieser Punkt der Gemeinschaft, der Geselligkeit, der Kommunikation etwas ist, was viele Bürger sich in ihrer Freizeit mehr und mehr wünschen."