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StartseiteCampus & KarriereVon der Sozialhilfe-Empfängerin zur Professorin25.07.2018

"Mein letztes Semester"Von der Sozialhilfe-Empfängerin zur Professorin

Reihe, Teil 3

Über 60 Semester war Christine Garbe an der Universität zu Köln. Erst als Studentin, später als Doktorandin, Dozentin und schließlich Professorin. Jetzt ist Schluss: Garbe geht in den Ruhestand. In unserer Serie berichtet Garbe über Abschiedsgefühle und Zukunftspläne - und ihren ungewöhnlichen Werdegang.

Von Friederike Müllender

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Professorin Christine Garbe an der Uni Köln (Deutschlandradio / Friederike Müllender)
Professorin Christine Garbe an der Uni Köln (Deutschlandradio / Friederike Müllender)
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"In der näheren Zukunft habe ich die Absicht, im Winter für drei, vier oder fünf Monate in Buenos Aires zu überwintern. Das ist ein Plan, den habe ich schon lange und werde meiner großen Tango-Leidenschaft nachgehen", sagt Christine Garbe.

Ruhestand klingt anders. Für Christine Garbe fühlt sich die Zeit, die jetzt kommt, viel eher an, wie nicht mehr enden wollende Semesterferien. Mehr als 100 Menschen aus über 15 Ländern sind an diesem Abend in den Festsaal der historischen Wolkenburg in Köln gekommen, um mit Christine Garbe zu feiern: Das Ende einer Ära, nach über 30 Jahren Arbeit an der Uni ist Schluss. Es ist ihr letztes Semester.

"Ich komme aus einer Nicht-Akademiker-Familie"

Dass sie es einmal zu einer erfolgreichen und international angesehenen Professorin bringen würde, hätte sie selbst nicht gedacht: "Es war mir nicht in die Wiege gelegt. Ich komme aus einer Nicht- Akademiker-Familie. Meine Mutter kommt vom Bauernhof, sie war immer Hausfrau und Mutter, hat auch keine Ausbildung, mein Vater ist Bankkaufmann. Meine Eltern sind Flüchtlinge und haben auch alles verloren, und meine Eltern haben mir uns immer gesagt, das einzige, was wir euch mitgeben können, ist eine gute Ausbildung, wenn ihr in der Schule gut seid, werden wir alles dafür tun euch einen hohen Abschluss zu ermöglichen."

Eigentlich will die junge Christine Garbe Lehrerin werden. Doch als sie Mitte der 80er-Jahre ihr Studium beendet, brauchte man gerade keine Lehrer mehr. In der Zeit reift der Gedanke, stattdessen an die Uni zu gehen. Doch der Weg dorthin ist hart.

"Eltern waren besorgt, dass ich in der Gosse lande"

Zehn Jahre lang hangelt sie sich von Nebenjob zu Nebenjob, schreibt ihre Promotion. "Ich habe phasenweise tatsächlich von Sozialhilfe gelebt, ich habe auch die ganze soziale Stufenleiter durch, da waren meine Eltern besorgt, dass ich in der Gosse lande und dann ist es zum Glück alles anders gekommen."

Germanistik-Professor Hartmut Eggert von der Uni Berlin war dabei von Anfang an ihrer Seite: "Ich wusste, dass sie gut ist, dass sie dafür fähig war, das war mir klar." Er ist es auch, der Christine Garbe ihre erste Stelle an der Uni verschafft. Von Berlin geht es weiter nach Lüneburg, und Jahrzehnte später nochmal für acht Jahre nach Köln. Jetzt ist tatsächlich Schluss.

"Das ist schon ein seltsames Gefühl und das beschäftigt mich auch, dass ich meine Heimat an der Universität verlieren werde. Ende Juli, wenn ich dann zum 1. August in den Ruhestand gehen werde und sich damit auch mein komplettes Lehrstuhlteam auflösen wird, das ist etwas, was den Abschied für mich schwer macht", sagt Garbe.

Sieben Mitarbeiter müssen sich zum kommenden Semester einen neuen Job suchen. Auch Katharina Stützer hat als studentische Hilfskraft für Professorin Garbe gearbeitet: "Sie war eine sehr wertschätzende Chefin und hat immer auf ihre Mitarbeiter geachtet und einen auch immer ein bisschen gefordert, auch gerade auf wissenschaftlichem Niveau, dass man immer etwas voran gekommen ist. Das hat mich sehr weiter gebracht."

Die letzte Vorlesung

Einige Tage vor der Abschiedsfeier: In der letzten Sommersemesterwoche hält Christine Garbe ihre Abschiedsvorlesung. Einen Blick zurück nach vorne nennt sie ihren letzten Vortrag als Professorin an der Uni. Heute soll nochmal alles passen: Das Licht, der Beamer, die Schuhe zum Kleid. Kurz vorher ist sie angespannt: "Es ist was ganz besonderes und ich bin gewöhnlicher Weise nicht aufgeregt, wenn ich einen Vortrag halte, ich tue das ja seit vielen Jahrzehnten, aber das empfinde ich schon als eine ganz besondere Gelegenheit. Das ist der erste Vortrag seit langer Zeit, den ich komplett durchformuliert habe."

Schon eine Viertelstunde vor Vorlesungsbeginn füllt sich der Hörsaal: "Grüße sie, der erste Student, ich freue mich." Der erste Student ist Lehramtsanwärter Markus Schmied: "Das war immer wieder inspirierend für mich, sie war immer mit Herzblut dabei. Für mich war das sehr authentisch, glaubhaft und bei der Sache, ich merkte, dass sie für etwas einsteht."

Und er bleibt nicht der einzige, gut 80 Studierende, Kollegen, Bekannte und Freunde sind zur Abschiedsvorlesung gekommen. Professor Jörg Jost, Geschäftsführer des Instituts für deutsche Sprache und Literatur II lässt es sich nicht nehmen, sich nochmal mit persönlichen Worten zu verabschieden: "Wir waren auch bei bestimmten Themen nicht immer einer Meinung, aber nicht einer Meinung zu sein, das war für dich auf keinen Fall ein Hindernis unmittelbar im Anschluss an die Sitzung zum Wodka-Abend einzuladen."

Das letzte Wort an diesem Tag hat Christine Garbe: "Ich bin damit am Ende meiner Ausführungen, aber wie sie sich denken können, beabsichtige ich nicht mich auch geistig in den Ruhestand zu begeben."

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