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StartseiteEssay und Diskurs"Ich weiß nicht, was soll es bedeuten"09.12.2018

Melancholie als unvermittelbares Leid"Ich weiß nicht, was soll es bedeuten"

Melancholie ist in der dunklen Jahreszeit ein weit verbreitetes Thema. Wir machen es auch zum Thema, aber anders: Johannes Ullmaiers essayistischer Vortrag zur Melancholie versucht es mit dem Weltgehirn Wikipedia aufzunehmen.

Von Johannes Ullmaier

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Munch, Edvard 1863–1944. “Melancholie”, 1894/95. Öl auf Leinwand, 70 × 95,8 cm. Rasmus Meyers Samlinger, RMS.M. 245 Bergen, Kunstmuseum. | (dpa / akg-images)
"Melancholie" von Edvard Munch (dpa / akg-images)
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Johannes Ullmaier, Literaturwissenschaftler und Poptheoretiker, versucht, die Melancholie zu begreifen. Zwar haben kluge Köpfe sich seit zweieinhalbtausend Jahren redlich bemüht, Melancholie zu definieren und zu beschreiben. Doch wurden dabei in der Summe so verschiedene Phänomene und Kriterien ins Spiel gebracht, dass jeder Versuch einer begriffsgeschichtlichen Synthese entweder pfuschen oder scheitern muss. Natürlich gilt das auch für andere langlebige, vielerörterte Kategorien (etwa "Humor", "Gott" oder "Zeit"). Aber, so stellt Ullmaier fest, "selten ist das Feld so unumzäunt und so zerrupft wie hier". Eine essayistisch-vortragende Untersuchung zum Begriff, Wesen und der anthropologischen Bedeutung der Melancholie.

Der Literaturwissenschaftler Johannes Ullmaier ist Akademischer Rat am Deutschen Institut der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.


2030 ist endlich alles klar: Der Alphazon-Konzern hat vor fünf Jahren per Big Data ausgeforscht, was "Melancholie" ist und was "Depression". Trillionen Terabyte können nicht irren. Ergebnis:

  • "Melancholie ist eine minoritäre Zielgruppenorientierung - neben den majoritären wie Spannung, Sex, Gewalt und Häme. Als Content bündelt sich das Melancholische um: bittersüß und traurigfroh, tendenziell langsam, mellow und wattiert, meistens Moll, dunkle Farbtöne, versonnene Diskurse, in der Tag Cloud viele Negativbegriffe."
  • "Depression dagegen ist eine Fehlfunktion im menschlichen Organismus, die bei den Betroffenen intensive Unlust hervorruft, inzwischen aber heilbar ist."

Seit diese Erkenntnis global implementiert ist, läuft alles wie von selbst: Sobald ich "Melancholie - gefällt mir" denke, spielt Alphazon in meinem Kopf: Erik Satie, 1. Gymnopédie. Und weil mir das naturgemäß gefällt, folgt dahinter etwas Ähnliches, genauso Melancholisches. Was mir folglich auch gefällt. Und so immer weiter. Infiniter traurigfroher Spaß.

Und falls ich davon depressiv zu werden drohe, funkt mein Körper-Chip frühzeitig Warnsignale an den Online-Health-Provider, der das Problem im Vorhinein behebt. So muss ich aus der bittersüßen Schleife bis zum süßen Tod nie mehr heraus.

Danke, Alphazon.

Bis dahin aber dauert es noch etwas.

Selten ist das Feld so unumzäunt und so zerrupft

Weshalb 2018 - also jetzt - noch alles völlig unklar ist. Zwar haben kluge Köpfe sich seit zweieinhalbtausend Jahren redlich bemüht, "Melancholie" zu definieren und zu beschreiben. Doch wurden dabei in der Summe so verschiedene Phänomene und Kriterien ins Spiel gebracht, dass jeder Versuch einer begriffsgeschichtlichen Synthese entweder schummeln oder scheitern muss. Sicher gilt das auch für andere langlebige, vielerörterte Kategorien (etwa "Humor", "Gott" oder "Zeit"). Aber selten ist das Feld so unumzäunt und so zerrupft wie hier. Denn wenn man einfach alles zusammenträgt, was bislang einschlägig behauptet und geboten wurde,

  • vom Corpus Hippocraticum über Constantinus Africanus bis zu Karl Abraham und Hubertus Tellenbach,
  • von Walther von der Vogelweide über William Shakespeare und Edward Young bis Georg Büchner oder David Foster Wallace,
  • von Thomas von Aquin über Marsilio Ficino und Robert Burton bis zu Arthur Schopenhauer und Ulrich Horstmann,
  • von Albrecht Dürer über Edvard Munch bis Lars von Trier
  • und von Blind Lemon Jefferson über Woody Allen und Ian Curtis bis zu Bernd das Brot oder Mark Fisher,

addiert man also all das auf, bleibt im Universum nicht viel übrig, was nicht melancholisch wäre. Sucht man dagegen ein Kriterium oder Beispiel, wo sich alle einig wären, bleibt nur die leere Menge.

Eine Frau betrachtet am Donnerstag (16.02.2006) in der Neuen Nationalgalerie in Berlin das Bild "Melancholia" von Albrecht Dürer. Das Kunstwerk ist Teil der Ausstellung "Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst" die von Freitag (17.02.2006) bis zum 07.05.2006 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin fast 400 Gemälde und Skulpturen aus zwei Jahrtausenden zeigt. (dpa / Steffen Kugler)"Melencolia I" - der berühmte Kupferstich von Albrecht Dürer (dpa / Steffen Kugler)

Denn je nachdem, wen man gerade konsultiert, ist Melancholie

  • entweder bloß ein älteres Wort für Geistes- und Gemütskrankheiten generell,
  • oder bloß ein älteres Wort für bipolare Störung,
  • oder für Depression, genauer: chronische endogene Depression,
  • oder bloß ein Synonym für Traurigkeit,
  • oder doch etwas ganz Anderes, Eigenes.
  • Und je nach Koryphäe kann sie prinzipiell nur Individuen befallen (im Zweifelsfall auch Götter oder Tiere), andererseits aber auch ganze Familien, Milieus, Epochen, Völker oder Popstile - ist also offenbar hochgradig ansteckend.
  • Doch auch im Gegenteil: Denn laut anderen Koryphäen befällt sie einen gar nicht, sondern man hat sie oder hat sie nicht. Wenigstens die Disposition dazu.
  • Und zwar entweder deshalb, weil man - wie die Alten wussten - unter den vier "Humores", also Körpersäften - als da sind: Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Phlegma - von einem, nämlich der schwarzen Galle, zu viel in sich hat. Oder weil diese schwarze Galle - laut manchen ohnehin bloß eine Perversion der gelben - zu sehr vorherrscht. Oder zu kalt oder zu trocken ist.
  • Oder weil man in Abrahams Wurstkessel statt des cholerischen, sanguinischen oder phlegmatischen Temperaments eben das melancholische verpasst bekommen hat. Oder per Sternzeichen zugelost. Oder als Charaktertyp selbst ausgebildet.
  • Oder weil man unterm Einfluss des Saturn steht - wenngleich sehr schwer zu sagen ist, worin dieser besteht.
  • Melancholie ist einerseits eine anthropologische Konstante, tritt also überall und immer auf - andererseits jedoch auch etwas ganz Besonderes, das so nur in bestimmten Regionen vorkommt - etwa auf dem Balkan, bei den Finnen, und so weiter - oder nur in bestimmten Epochen - wie im Barock, in der Aufklärung, Romantik, und so weiter - oder nur in bestimmten Gesellschaftsklassen - Tendenz: Bürgertum aufwärts, von Büchners Danton bis zu Prinz Leonce oder Prinz Hamlet.
  • Zudem befällt sie eigentlich nur Männer, während Frauen, wie viele (der männlichen) Koryphäen wussten, mehr zur Hysterie neigen - zumindest, solange man von den vielen Melancholikerinnen absieht, die freilich erst seit circa 50 Jahren mitreden.
  • Überhaupt können, sprich: dürfen eigentlich nur Insider über Melancholie reden, weshalb so viele ihrer Theoretiker sich freimütig, teils geradezu erlebnisaristokratisch zu ihr bekennen oder zumindest als Betroffene outen - obwohl ein unbefangener Blick von außen eigentlich doch besser ist, wie die Theoriegeschichte ebenfalls beweist. Sodass es wohl das Beste wäre, selbst Melancholiker und Nicht-Melancholiker, Patient und Arzt zu sein. Am besten wohl im Wechsel.

Denn vor allem von der eigenen Erfahrung scheint es letztlich abzuhängen, wie man die Melancholie begreift und auch beurteilt:

  • Den einen gilt sie als Erkrankung oder Störung, die man therapieren oder lindern muss beziehungsweise kann - oder gerade nicht;
    den anderen als bloße Hypochondrie oder (wenn auch zählebige) Mode;
  • wieder anderen als Sehergabe und Genieausweis;
  • den meisten freilich - zumal fast allen Nicht-Experten - schlicht als temporäre Stimmung, die man irgendwie ertragen oder andächtig genießen muss - und eventuell bis zu einem gewissen Grad vermeiden oder fördern kann.
     

Entsprechend ausufernd die Symptomatik: "melancholisches" Lächeln, "melancholische" Gefühle, Gedanken und Erinnerungen, "melancholische" Blicke, Seufzer oder Posen (vom Dandy bis zum Emo), bis hin zu "melancholischen" Noten, Akkorden und Gedichten; ferner: Versonnenheit und sachter Selbstgenuss in sanftem Schmerz, doch auch Idiosynkrasien, Reizbarkeit und Übellaunigkeit sowie Gravierenderes wie Niedergeschlagenheit, schmerzliche Verstimmung, Leistungshemmung, Menschenscheu, Abkapselung von der Außenwelt, Lebensüberdruss, Angstzustände, vermindertes Selbstwertgefühl, Selbstvorwürfe, Selbstbeschimpfung, Suizidgefahr, Versteinerung - ja sogar geistige Verwirrtheit, Delirium, Epilepsie und Kretinismus, aber auch: Manie, (göttlicher) Wahnsinn und produktiver Furor.

Mönchskrankheit, Acedia, Saudade

Derart weit gefasst kann Melancholie so gut wie überall vorkommen, wenn auch oft geschickt maskiert und unter vielen Namen: als Mönchskrankheit, Acedia, Liebeskrankheit, Spleen, Saudade, Cafard, Duende, 'russische Seele', Weltschmerz, Blues oder Null Bock; ob als Diagnose, Diskurs, Katechismus oder Habitus, im Alltag, im Urlaub, im Wald, im All, auf dem Abort und auf dem Display.

So scheint Melancholie in allem Sowohl-Als-Weder-Noch: physisch und psychisch, ungewollt und mutwillig, mutlos und heroisch, naturtrüb und kulturtrüb, echt und Fake, Grund und Folge, Fluch und Gnade.

Den Extrempositionen zur Melancholie kommt das durchaus gelegen: Orthodoxen Melancholikern beweist es, dass alles melancholisch ist - und sie also per se im Recht sind. Die Legastheniker der Schwermut sehen darin dagegen den Beweis, dass alles Melancholische doch bloß Getue und Gerede ist, wahrscheinlich nur eine wichtigtuerische Form von Drückebergerei oder das Luxussegment gepflegter Langeweile.

Aber während der Orthodoxe letztlich nie begreifen kann, warum nicht immer alle melancholisch sind, kann der Schwermutleugner nie verstehen, warum so viele Melancholiker selbst angesichts von größten Beeinträchtigungen nicht einfach mit dem Blödsinn aufhören und sich mal zusammenreißen.

Für alle übrigen jedoch, die zwischen diesen Polen pendeln, ist es nicht so einfach. Dabei müssten gerade sie an einem Melancholiebegriff interessiert sein, der nicht alles oder nichts will, sondern Facetten und Verschiebungen beschreibbar macht - nicht zuletzt den einzigartigen historischen Staffellauf des Melancholiediskurses durch so verschiedene Disziplinen wie Medizin, Theologie, Philosophie, Ästhetik, Kunst, Psychologie, Soziologie und Popkultur.

Realiter scheint dabei derzeit alles auf den eingangs schon zuende-fantasierten Kompromiss hinauszulaufen, der da lautet:

"Vor spätestens 100 Jahren haben die Begriffe 'Melancholie' und 'Depression' sich endgültig verzweigt und bestehen seither nebeneinander.

Melancholie ist demnach eine Kulturtradition, ein Stil, eine Geschmacksvorliebe oder Haltung, ein kunst- und mentalitätsgeschichtliches Tagungsthema – mithin: 'softcore'.

Depression ist eine Krankheit

Depression ist dagegen eine Krankheit, die sich, je nach Typ und Schwere, heilen lässt oder nicht - mithin: 'hardcore'."

So hätte das eine mit dem anderen nicht mehr viel zu tun.

Doch dieser Kompromiss ist meines Erachtens faul. Denn er bringt die Kultur um ihren Ernst - und die Krankheit um ihre Kultur.

Und so käme es auf den Versuch an, Melancholie auch weiterhin auf eine Art zu denken, die ihre bipolare Spannweite und damit Spannung - vom Mollkitsch bis zum Selbstmord - nicht verleugnet.

Mein Vorschlag wäre, sie in Abhebung von allen benachbarten oder überlappenden Eindeutigkeiten gerade durch ihre strukturelle Uneindeutigkeit zu definieren - als Chamäleon und Libero des Trübsinns, mit variabler Symptomatik und in variabler Position, doch mit konsistentem Kern.

Aber worin soll der bestehen?

Ich werde es in den verbleibenden Minuten kaum herausfinden, aber sehen, wie weit ich komme. Dazu möchte ich den Begriff quasi mit der kategorialen Wünschelrute abschreiten.

Ausgangspunkt ist heute selbstredend das crowd-gesourcte Weltgehirn, die Wikipedia. Laut Wikipedia vom 20.11.2018 ist Melancholie "eine durch Schwermut beziehungsweise Schwermütigkeit, Schmerz, Traurigkeit oder Nachdenklichkeit geprägte Gemütsstimmung, die in der Regel auf keinen bestimmten Auslöser oder Anlass zurückgeht."

Das ist schon ziemlich fein. Und doppelt vielsagend: Denn in der Reihung der Gemütsstimmungen - bis hin zur Beinah-Redundanz von "Schwermut" und "Schwermütigkeit" - zeigt sich die Vielgestalt der Symptomatik an. Und mit der auf den ersten Blick so unentschiedenen, ja feigen Einschränkung, dass die dunkle Gemütsstimmung nur "in der Regel" auf keinen bestimmten Auslöser oder Anlass zurückgehe, zollt es der strukturellen Uneindeutigkeit Tribut.

Aber braucht man wirklich fünf Begriffe für die Stimmung? Und gerade diese?

Und lässt sich diese Uneindeutigkeit nicht näher explizieren?

Zunächst zur Stimmungslage: Als am wenigsten spezifische (und ontogenetisch früheste) unter den negativen inneren Empfindungen böte sich eigentlich zuerst die Unlust an. Und obwohl sie viel zu allgemein ist, um die obige Reihe zu ersetzen, fehlt sie dort doch schmerzlich, nämlich in Gestalt ihres Gegenteils, der Lust, die so viele und so prominente - nämlich alle 'süßen' - Facetten der Melancholie kennzeichnet. Melancholie muss deshalb stets zumindest die Option zu einer Dialektik von Unlust und Lust behalten. Denn sonst fällt sie mit dem Trübsinn platt in eins - oder, zur anderen Seite hin, mit reinem, nur pseudo-trübsinnigem Spaß (wie bei allem, was "so herrlich melancholisch" sein soll).

Die Unlustseite

Wenn ich nun auf der Unlustseite weiter eingrenze, komme ich sehr schnell zum 'Schmerz', wie ihn die Wikipedia auch aufführt. Und natürlich kann Melancholie sehr schmerzhaft sein. Folter und ein Beinbruch aber auch. Anders als vom Weltgehirn suggeriert, ist Schmerz also - wenn überhaupt - eben nicht ausschließlich eine "Gemütsstimmung". Und für die Definition deshalb bloß sekundär.

Weit passender erschiene mir dagegen 'Leid'. Denn als stets psychophysische, das Seelische mit einbeziehende Negativempfindung umfasst und spezifiziert es elegant alle vom Weltgehirn aufgereihten "Gemütsstimmungen". Nur die "Nachdenklichkeit" bleibt auf der Strecke - doch auch ganz zurecht: Denn ein nachdenklicher Mensch ist nicht notwendig melancholisch, sondern einfach nachdenklich. Erst wo das Kontemplative sich zur leid(lust)vollen Grübelei verselbständigt, entert es den melancholischen Sektor.

Ein weiterer Vorteil des Leidbegriffs ist, dass er - etwa in Ausdrücken wie "Dauerleiden" oder "Leidenszeit" - auf eine Kategorie verweist, die für die Definition und die Typologie der Melancholie entscheidend ist, nämlich die Zeit. Dass diese mit ihr eng verbunden ist, weiß die Tradition im mythologischen Bezug zu Saturn alias Kronos alias Chronos, den gern assoziativ vermischten Gottheiten der Melancholie wie auch der Zeit. Ebenso wie in gängigen Zuordnungen der Melancholie zu bestimmten Tageszeiten (Nachmittag), bestimmten Jahreszeiten (Herbst) oder bestimmten Lebensperioden (dem Erwachsenenalter). Auch Sigmund Freud argumentiert schon fruchtbar mit der Zeit, wenn er die 'krankhafte' Melancholie von der 'gesunden' Trauer dadurch abgrenzt, dass erstere kein rechtes (Zeit-)Maß kenne, also niemals ende.

Und wirklich reicht schon eine ganz einfache Zeiteinteilung, um grundlegende Melancholievarianten zu markieren:

  • Melancholische Trauer richtet sich dann tendenziell auf ein Vergangenes (und damit: Vergängliches) - als Wehmut;
  • melancholisches Mitleid (gern auch: Selbstmitleid) primär auf Aktuelles, als stille oder laute Wehklage;
  • und melancholische Sorge schließlich primär auf die Zukunft - am liebsten als Schwarzseherei.
     

Auch im Weiteren werde ich die Zeit nun nicht mehr los. Etwa wenn es darum geht, ob die Melancholie als potenziell lustvolle Leidensform mehr zum Ereignishaften oder mehr zum Zuständlichen neigt.

Die Wikipedia gibt hier mit "Gemütsstimmung" schon implizit die Antwort. Denn eine ereignishafte Lust am Leid wäre: der Masochismus; ereignishaftes Leid jenseits der Lustoption dagegen: Tragik.

Melancholie hat mithin einen starken Hang zum Zuständlichen. Selbst wo sie manchmal "über mich hereinbricht" oder "in mir aufwallt", wird ein einzelnes Ereignis allenfalls der Anlass sein ("Da fährt mein Zug..."), der Grund dagegen immer eine länger inkubierte Zustandsdiagnose mit dem globalen Fluchtpunkt: "Alles eitel."

Damit aber bin ich bei der zweiten Frage angelangt, nämlich wie sich die Wikipedia‑Auskunft, die Melancholie habe "in der Regel" "keinen bestimmten Auslöser oder Anlass", näher begreifen lässt. Stimmt sie überhaupt?

Wenn ich mich als Melancholiker dazu befrage, ist das nämlich allenfalls die halbe Wahrheit. Natürlich erlebe ich teils trübe Stimmungen, deren Auslöser oder gar Grund mir währenddessen unklar ist: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin..." Und manchmal weiß ich nicht einmal, dass ich überhaupt melancholisch bin - wie der junge Galeriebesucher in Franz Kafkas Parabel "Auf der Galerie", der am Ende "weint [...], ohne es zu wissen".

"Gott ist tot"

Oft aber weiß ich es durchaus. Oder meine es doch zu wissen. "Gott ist tot." "Meine guten Tage sind vorbei." "Die Bösen und die Blöden triumphieren." "Die Biomasse tobt." "Und alles geht ewig so weiter." Wie soll ich da nicht melancholisch sein? Ich habe so viel Grund dazu, dass die Frage nach den Auslösern und Anlässen dagegen nebensächlich wird. Sicher kann es etwas maximal Gravierendes sein, bis hin zum Tod des einzigen Kindes - dann bleibt meine Melancholie für andere und vielleicht auch für mich sehr stark und lang von Tragik und von Trauer überdeckt (bis man sie irgendwann zum Trauma deklariert). Genauso gut aber kann der Anlass nichtig sein, etwa, dass im Radio unversehens der "Ententanz" erklingt - und dann rätseln alle Spaßkanonen, was ich plötzlich habe. Wenn ich nicht vor lauter Gram selbst mithopse.

Hier scheint mir der Kern der unauflöslichen - und deshalb begrifflich bitte nicht zu klitternden - Uneindeutigkeit der Melancholie zu liegen: Denn statt "Leiden ohne Anlass" oder gar "Leiden ohne Grund" - sprich: "rein physiologisch" - müsste es in Abgrenzung zur allgemeinen Traurigkeit, die ja oft triftige Gründe hat, genauer heißen: "Leiden ohne vermittelbaren Grund" beziehungsweise "ohne nachvollziehbaren Anlass".

Wenn mein 'Leiden' nämlich nur in dem Sinn "grundlos" ist, dass meine Leidensgründe nachweislich auf Einbildung beruhen, nennt man das zurecht Hypochondrie. Und wenn ich mein Leiden gar wider besseres Fühlen und Wissen vortäusche: Simulantentum.

Nun stehe ich als Melancholiker für Außenstehende zwar immer und schon immer in Verdacht, ein Hypochonder oder Simulant zu sein. Doch ich leide wirklich! Nur ist mein Leidensgrund nicht klar - und die reale Lage weitaus mysteriöser: Denn nicht selten bin ich selbst es ja, dessen Seele ihrem zugehörigen Verstand den Grund und Anlass ihres Leidens nicht oder nur chiffrenhaft vermitteln kann beziehungsweise will - manchmal vielleicht gerade, um die Leidenslust nicht zu gefährden.

Erst in dem Maß, wie etwas davon nach außen dringt, ist es dann mein soziales Umfeld, das für meine Leidenssymptome (inklusive meiner eventuellen Erklärungen) nach den je herrschenden Standards keine oder doch keine hinreichenden Ursachen erkennen kann - und zwar weder für deren Ausmaß noch für deren Erscheinungszeitpunkt oder unbegrenzte Dauer.

Leidensgrund unvermittelbar

Dabei liegt das Unergründliche des Melancholikers nicht immer im Verhältnis 'Individuum versus Gruppe'. Auch Kollektive können bekanntlich melancholisch werden oder sein - und sich darin gut 'verstehen'. Und so bleibt der Unterschied zwischen dem eher individuellen "I can’t explain the Blues - I know it, when I have it" und dem eher kollektiven "Saudade? Das wirst du nie verstehen, wenn du nicht Portugiese bist" nur ein gradueller. Essenziell ist dagegen überall die aktuelle Unvermittelbarkeit des Leidensgrundes: ob an jeweils Außenstehende, ob an die Außenwelt im Ganzen oder an mich selbst.

Im Kern sind melancholische Befunde und melancholisches Befinden mithin unergründlich - und daher letztlich weder zu beweisen noch zu widerlegen. Mit Liebe, Zuspruch oder Argumenten so wenig wie mit Sanktionen oder Therapien. Und so kann weder der Kapitalismus noch der Kommunismus, weder Gott noch Teufel, ja nicht einmal Alphazon die Melancholie je ganz bezwingen. Umgekehrt freilich noch weniger.

Als Zwischenfazit möchte ich so - gegen das Weltgehirn - folgende Bestimmung wagen:

"Melancholie ist potenziell lustvolles Leid in Zustandsform, dessen Ursache beziehungsweise Anlass den - einzeln oder kollektiv - Betroffenen beziehungsweise deren jeweiliger Umwelt währenddessen unergründlich ist."

Über Grad und Äußerungsformen dieses Leids ist damit nichts gesagt. Was dessen Variantenreichtum allerdings durchaus entspricht. Vom angenehmen Schauer bis zum Amoklauf ist alles drin. Ebenso das ganze notorische Stimmungsspektrum: Trübsal, Wehmut, Sehnsucht, Nostalgie, Verhärmung, schlechte Laune, Ennui, Müßiggang, Apathie, Pessimismus, Ängstlichkeit, Zynismus, Larmoyanz, Knatschig- und Beleidigtsein, Fatalismus, Wurschtigkeit, Egomanie, Übersensibilität, auch "gepresste Happiness" (heute oft rezeptpflichtig) - und manchmal, leider selten: Euphorie, Flow, Schaffensrausch.

Auf dieser Basis kann ich nun auch grammatisch besser unterscheiden zwischen:

  • der Melancholie als innerer Erlebnisform,
  • dem Melancholiker als deren Träger oder Medium, und:
  • dem Melancholischen als Gegenstand beziehungsweise Grund und/oder Auslöser des melancholischen Erlebens. 

Dass hier nur Substantive und substantivierte Adjektive vorkommen, unterstreicht erneut das Zuständliche. Nicht zufällig hat Ludwig Tiecks 'verbaler' Vorstoß - "ich melanchole / du melancholst" etcetera - sich nicht durchgesetzt.

Zwischen Weltende und Ententanz

Nun ist zum dritten Aspekt, dem Melancholischen, bislang nicht mehr gesagt, als dass er letztlich austauschbar, beliebig sei. Und in der empirischen Erscheinung, die zwischen Weltende und "Ententanz" nichts ausschließt, ist das wohl auch unbestreitbar. Aber ist das wirklich schon das letzte Wort? Gibt es, wenn schon die Außenseite unergründlich bleibt, nicht doch etwas, was das Melancholische zumindest in der inneren Wahrnehmung verbindet?

Auch hierzu hätte ich zum Abschluss einen Vorschlag:

"Das Melancholische ist angeschaute und subjektiv harmvolle Vergeblichkeit in Zustandsform."

Das hebt es zum einen vom intellektuellen Negativismus, Skeptizismus oder Nihilismus ab, der ohne Anschauung beziehungsweise sinnliche Erfahrung auskommt; zum anderen aber von der zumindest fürs betrachtende Subjekt harmlosen, zudem ereignislastigen Komik; schließlich und vor allem aber von endgültiger Verzweiflung.

Doch worin liegt der Unterschied? Man mag - mit oder gegen Buddha - darüber streiten, ob nicht jedes Wollen per se Leid und jedes Leid per se vergeblich sei. Kaum zu bestreiten ist jedoch, dass umgekehrt jedes Erleben von Vergeblichkeit der Möglichkeit des Wollens bedarf, ja mit dem Wollen steht, steigt oder fällt.

Allerdings nicht im alltagspsychologisch gängigen Sinn von "Wollen" als Empfindungsdruck des (Zeit-)Abstands zu einer subjektiv erstrebten Wirklichkeit. Vielmehr in einer spezifisch melancholischen Version des Wollens - nämlich tendenziell 'entselbstet' und 'entzeitlicht'.

Denn wo ich die 'Vergeblichkeit' meines Wollens ausschließlich mir selbst anlaste, stellt sich statt Melancholie eher Ungenügen oder Selbsthass ein. ("Ich bin einfach nicht gut genug!")

Wo ich sie dagegen - nicht weniger selbstfixiert - ganz dem jeweiligen Gegenstand oder hinderlichen Umständen zuschiebe, herrscht statt Melancholie eher Ressentiment ("Die Trauben, an die ich nicht herankomme, sind eh sauer!") - mit fließendem Übergang zur Paranoia ("Die Illuminaten arbeiten gegen mich!").

Und wo mein vergeblich Gewolltes offensichtlich unerfüllbar ist, gleitet die Melancholie in Richtung Wahn ("Warum kann ich nicht auf dem Kopf gehen?")

Demgegenüber ist das melancholische Wollen in Anbetracht des Vergeblichen - nicht unbedingt schwächer, aber auf charakteristische Weise eingeklammert, in einer heiklen, von außen oft als Defätismus wahrgenommenen Klammer aus Ästhetizismus und Existenzialismus.

Denn dem Melancholiker ist das Vergebliche das Unabänderliche, dessen Unabänderlichkeit doch nie zu ratifizieren ist. Deshalb spielt es für das melancholische Wollen - sehr anders als im sogenannten 'echten Leben', wo das Wollen stets vom 'Jetzt' ins 'Später' will - gar keine Rolle, ob das Vergebliche in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder in der Zukunft liegt. Vielmehr gilt hier: Je vergeblicher das Wollen, desto gewollter die Vergeblichkeit.

Solange etwas aber noch vergeblich wirkt, ist es auch nie ganz besiegelt. Gerade als fatale Zustandsform der Welt, als die es aktuell vor mir erscheint - ob als totenübersätes Schlachtfeld, verschmähte Liebe oder aussichtsloses Start-Up, ob als ignoriertes Kunstwerk, Herbstlaub oder Diddl-Maus - behält es doch die Spannung von Erwartung und Enttäuschung. Immer bleibt der Abstand zum erhofften Besseren oder Ideal noch simultan präsent:

  • 'Alles hätte anders laufen können, MÜSSEN!'
  • 'Alles könnte, MÜSSTE anders sein!'
  • 'Alles könnte, MÜSSTE anders werden!'

Wo diese Differenzdynamik sich verliert, schwindet mit dem Mysterium des Leidensgrundes auch die Chance zur Leidenslust. Die schwarze Galle stockt zu toter Finsternis, Melancholie erstarrt in Ausweglosigkeit.

Zeittypologie des Melancholischen

So eingegrenzt wäre die Melancholie - als (Larven-)Stadium (noch) undurchschauten Leids - nun weiter zeitlich zu erkunden. Interessant wären vor allem die charakteristischen Zustandswechsel von (tendenziell langen) Leidinkubationsphasen und (tendenziell kurzen) Euphorien, wie sie bei der Produktion melancholischer, also Vergeblichkeit gestaltender beziehungsweise exemplifizierender Kunst auftreten.

Parallel dazu jedoch auch eine Zeittypologie des Melancholischen als 'anschaulich Verschenktem':

  • der spezifischen Vergeblichkeit bestimmter Tageszeiten - nicht nur des Nachmittags;
  • der Vergeblichkeit der Lebensalter - besonders auch der Pubertät, der Kindheit und des Alters;
  • der Vergeblichkeit der einzelnen Zeitalter und geschichtlichen Entwürfe - sowie, last but not least:
  • der Vergeblichkeit des Lebens und des Sterbens überhaupt.

Doch mit der Zeit wächst die Vergeblichkeit. Auch mit der Sendezeit. Heben wir uns noch ein bisschen auf für später.

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