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StartseiteCorsoInternetquatsch als Volkskunst21.09.2020

Memekultur im NetzInternetquatsch als Volkskunst

Memes im Internet können witziger Kommentar, Satire oder politisches Statement sein. Comedy und Satire nutzen dieses Stilmittel schon lange. "Manchmal drücken sie mehr aus als Sprache" sagte Autor und Meme-Fan Dirk von Gehlen im Dlf.

Dirk von Gehlen im Corsogespräch mit Sigrid Fischer

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Portrait Dirk von Gehlen Halbtotale (copyright: Hauke Bendt)
Journalist, Autor, Meme-Fan Dirk von Gehlen (copyright: Hauke Bendt)
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In Comedy und Satire ist es ein klassisches Stilmittel: etwas aus dem Kontext nehmen, verfremden, überzeichnen und damit auch kommentieren – ob das ein Werbeclip ist, peinliches Politikerverhalten oder eine bestimmte Geste wie die Merkelraute. So etwas wird immer schon gerne aufgegriffen und weitergedreht – als Karikatur, als Titelseite von Satiremagazinen oder als Filmclip für's "Neo Magazin Royale". In der digitalen Welt sind es Memes, dort finden solche Ausdrucksformen massenhafte Verbreitung und werden auch zum Kommunikationsmittel untereinander.

"Pepe the Frog" rechtsnational gekapert

Journalist und Autor Dirk von Gehlen ist ein großer Fan von Memes und setzt sich mit diesem Ausdrucksmittel der Netzkultur in einem Essay auseinander, das in der Reihe "Digitale Bildkulturen" im Wagenbachverlag erscheint. Darin spricht er vom Meme als "Volkskunst", und unterscheidet zwischen den Kategorien "Internetquatsch" und "politisch gekaperten" Memes. Man müsse auf alles schauen, sagt er, obwohl er auch einiges problematisch finde - Formen der Polarisation und Aggression zum Beispiel. Wenn etwa die harmlose Comicfigur "Pepe the Frog" rechtsnational gekapert werde. "Daran kann man sehen, dass dieses Spielfeld nicht nur eins der fröhlichen Kritik, sondern auch ein politisches geworden ist, das man kritisch beäugen muss", so von Gehlen. 

Ich verstehe was, was Du nicht verstehst

Ein Merkmal des Memes ist Distinktion, schreibt von Gehlen in seinem Essay, das heißt sie entstehen in Gruppen, die meist popkulturelle Referenzen setzen, die nicht jeder versteht, und somit andere ausschließen. Das sei der Antrieb für Memes, nach dem Motto: "Ich verstehe etwas, was andere nicht verstehen", etwa einen Witz. In Internetdatenbanken könne man die Referenz allerdings erklärt bekommen und sei dann nicht mehr ausgeschlossen.

Es gehe bei Memes darum, Identität oder Gruppenzugehörigkeit auszudrücken. Man sehe das am Generationenkonflikt, der z.B. letztes Jahr den Hashtag "#OkBoomer" hervorgebracht habe. "Das ist ein Aufbegehren der jüngeren Generation gegen die Baby-Boomer-Generation, wo jeder Ratschlag der Älteren mit einem 'Ok Boomer' kommentiert wird", so von Gehlen. Aber anders als vor 40 Jahren könne man heute den Begriff im Netz finden und sich als Boomer dann wiederum dazu verhalten. "Da fängt es an spannend zu werden", findet von Gehlen. Barack Obama habe zum Beispiel aktuell die Meme-Form genutzt, um junge Leute zum Wählen aufzurufen.

Kommunikation habe auch in analogen Zeiten schon so funktioniert, auf Schulhöfen hätten Gruppen immer schon in Codes kommuniziert. Jetzt aber könne man mit einem kleinen Schulhofwitz weltweite Bekanntheit erlangen. Außerdem gebe es, so von Gehlen, "auf einer kulturkritischen Ebene eine Entwicklung, dass immer mehr in kleinen Häppchen kommuniziert wird". So würden sich Politiker "catchphrases" zurechtlegen, die sie in Talkshow platzieren, damit sie aufgegriffen und weiter kommuniziert werden. "Das ist das Neue, was man memetische Kultur nennt". 

Besser als Sprache?

Die Gefahr, dass die kurze und knappe Form die sprachliche Argumentation ersetzt, sieht Dirk von Gehlen zwar, sie eröffne aber auch neue Ausdrucksformen. Kleine Sequenzen aus Kinofilmen könnten manchmal etwas besser ausdrücken als Sprache. Nur als Gefahr solle man das also nicht werten, wenngleich man die deutliche Vereinfachtung und Polarisierung beobachten müsse - und lernen müsse, damit umzugehen. 

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