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Freitag, 26.02.2021
 
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MenschenrechteEuropas Geschichtsblindheit

Sind die Menschenrechte eine genuin "westliche" Erfindung? Nein, sagt der Soziologe Hans Joas und warnt den Westen vor zuviel Überheblichkeit. Seine Untersuchung rückt fast nebenbei ein Geschichtsbild zurecht, in dem es sich Europa allzu gemütlich gemacht hat.

Von Stephanie Rohde

Der Sozialphilosoph Hans Joas steht an einem Pult und hält eine Rede. (imago / VIADATA)
Der Sozialphilosoph Hans Joas (imago / VIADATA)
Weiterführende Information

Menschenrechte - Kein Monopol des Westens
(Deutschlandfunk, Interview, 06.04.2015)

Gott und die Welt - Die Macht der Religionen
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 26.12.2012)

"Eine besonders aggressive Form des Selbstmords"
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 17.12.2012)

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(Deutschlandradio Kultur, Thema, 05.09.2012)

Die Zukunft des Christentums
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 09.08.2012)

Nein, sie sind es nicht. So knapp kann man die geistesgeschichtliche Untersuchung von Hans Joas über die Frage, ob Menschenrechte westlich sind, zusammenfassen. Auf rund einhundert Seiten entfaltet der Soziologe die These, dass wir die Menschenrechte weder alleine dem Christentum noch der Aufklärung verdanken, auch wenn "der Westen" das häufig suggeriere.

"Den (nicht-westlichen) Ländern werden vom Westen nicht nur Verstöße gegen die Menschenrechte vorgeworfen, sondern ihnen wird auch eine prinzipielle und kulturell bedingte Verständnislosigkeit gegenüber dem, was 'wir' (im Westen) mit den Menschenrechten verstehen, attestiert"

Das aber sei geschichtsblind. Denn die Menschenrechte sind Joas zufolge das Ergebnis einer Wertschätzung des Individuums – die sich in mehreren Kulturräumen unabhängig voneinander herausgebildet habe. Als Beweis für seine These, dass die Menschenrechte nicht per se westlich sind, beleuchtet Joas Sklaverei und Folter, insbesondere zeigt er, wie diese Herrschaftspraxis über lange Zeit religiös und philosophisch gerechtfertigt wurde. Mit diesem Thema hat sich Joas schon einmal auseinandergesetzt, in seinem 2011 erschienenen Buch mit dem Titel "Sakralität der Person – Eine neue Genealogie der Menschenrechte". Sein neues Buch liest sich wie eine Ergänzung, oder eine Erläuterung. Denn der Autor räumt ein, dass seine Genealogie der Menschenrechte von Kritikern zu positiv interpretiert wurde – als wäre die Geschichte des Westens glücklich verlaufen, weil Folter und Sklaverei abgeschafft wurden. Hans Joas:

"Das war nun nicht genau das, was ich hatte sagen wollen, und deshalb habe ich in zwei Hinsichten nachgefasst. Was die Folter betrifft, muss man sehen, dass die Europäer zwar unbestritten die Folter als legitimen Bestandteil des Systems der Strafjustiz im 18. Jahrhundert abgeschafft haben, und damit meine ich nicht, dass es nicht schreckliche Rückfälle vor allem in den totalitären Systemen der europäischen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts gegeben hätte. Aber in der eigentlichen europäischen Rechtsentwicklung ist sie abgeschafft worden. Nur: Die Europäer haben nie die Folter in den europäischen Kolonien abgeschafft. Und das finde ich schon einen spektakulären Sachverhalt."

Kluft zwischen Religion und Rechtssystemen

Wären die Europäer tatsächlich davon überzeugt gewesen, dass die Menschenrechte für alle Menschen gelten, dann hätten sie die Folter auch in den Kolonien abschaffen müssen, argumentiert Joas. Doch europäische Staaten ließen in ihren Kolonien weiter foltern – und zwar bis Mitte des 20. Jahrhunderts, wie er am Beispiel von Algerien unter französischer Kolonialherrschaft zeigt. Die Stärke seines Buches liegt darin, dass es fast nebenbei ein europäisches Geschichtsbild zurechtrückt, in dem es sich "der Westen" allzu gemütlich gemacht habe – der Soziologe zwingt zur kritischen Selbstreflexion. Das gelingt ihm etwa mit dem Hinweis darauf, dass ausgerechnet in der Zeit der Aufklärung der Sklavenhandel blühte – also in einer Zeit, als es vor allem um die Rechte des Individuums ging. Oft in der Geschichte tue sich eine Kluft auf zwischen religiösen oder moralischen Geboten einerseits und den Rechtssystemen der Staaten andererseits:

Zitat: "Keine der hochgeschätzten kulturellen Quellen der angeblichen europäischen Werte bot die Grundlage für einen konsequenten Widerstand gegen Sklaverei oder Versklavung. Platon und Aristoteles als die repräsentativen Denker der griechischen Antike nahmen Sklaverei entweder als gegeben hin, oder lieferten sogar eine ausdrückliche Rechtfertigung für sie."

Um Missverständnisse bei dieser durchaus voraussetzungsvollen geistesgeschichtlichen Lektüre zu vermeiden, betont Joas:

"Mein Punkt ist nicht, dass es nie ernsthafte Kritik an der Sklaverei gegeben habe, sondern dass die Kritik und der Widerstand so schwach und inkonsequent waren."

Joas entkräftet so die Vorstellung, dass die Menschenrechte sich allein aus dem Gedankengut des Christentums oder der antireligiösen Aufklärung speisen. Vielmehr seien die Menschenrechte im 18. Jahrhundert durch eine kulturelle Transformation entstanden, die mit einer moralischen Erfahrung zusammenhängt: nämlich der Vorstellung von der Heiligkeit des Menschen. Joas übernimmt den vom französischen Soziologen Émile Durkheim eingeführten Begriff der "Sakralisierung der Person". Damit ist eine kulturelle Verschiebung gemeint: Jedes einzelne Wesen, jeder Mensch, gilt von nun an in seiner Individualität als heilig, als etwas Besonderes. Ein Gedanke, der sich auch im Rechtssystem der Staaten niederschlägt. Joas springender Punkt dabei ist: Diese Sakralisierung sei schon lange vor Christus nicht nur in der antiken Philosophie und in der Bibel geprägt worden, sondern auch in anderen Kulturräumen wie dem Buddhismus in Indien oder dem Konfuzianismus in China. Joas:

"Es gibt hier keine christliche, keine jüdisch-christliche, keine europäische, keine westliche Teleologie, und obwohl das achtzehnte Jahrhundert einen wichtigen Fortschritt brachte, ist es ebenso wenig möglich, diesen einfach auf das Denken der Aufklärung zurückzuführen."

Beispiel: Erklärung der Menschenrechte von 1948

Um die These zu untermauern, dass die Menschenrechte nicht ausschließlich westlich geprägt sind, verweist Joas auf die Erklärung der Menschenrechte von 1948, bei der Nicht-Europäer wie der Libanese Charles Malik und der Chinese Peng-chun Chang verhinderten, dass sich einzelne religiöse Traditionen als Begründung für die Menschenrechte durchsetzten. Vor diesem Hintergrund warnt Joas vor westlicher Überheblichkeit. Und an diesem Punkt wirkt die historisch-soziologische Analyse hochaktuell. Joas stellt fest:

"Dass es mir sehr unwohl ist, wie sehr die Rede von europäischen Werten und die Rede von westlichen Werten selber dabei ist, zum Instrument von Propaganda und zum Instrument der Abgrenzung von anderen zu werden – also im konkreten Fall, denke ich an Russland. Ich habe sicher schon den Gedanken, dass man mit einem historisch korrekteren Bild der europäischen und der westlichen Geschichte etwas vorsichtiger agieren würde, dass man die Werte hochhält, aber sie nicht so behandelt als wären sie eigener fester Besitz."

Joas hat eine erhellende Lektüre vorgelegt, auch wenn die zentralen Thesen bereits bei Denkern wie Emile Durkheim, Ernst Troeltsch und Georg Jellinek auftauchen und Joas seine eigene Argumentation aus dem Buch "Sakralität der Person" größtenteils wiederholt. Vor dem Hintergrund der erneut aufflammenden Konflikte zwischen dem sogenannten Westen und anderen Teilen der Welt liefert Joas einen wichtigen, wenn auch sehr komplex formulierten Gedankenanstoß, selbstkritischer über angeblich westliche Werte nachzudenken.

Hans Joas: Sind die Menschenrechte westlich?
Kösel-Verlag, 96 Seiten, 10 Euro
ISBN 978-3-466-37126-6

 

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