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StartseiteKalenderblattMenschlicher Körper als Inspiration31.08.2006

Menschlicher Körper als Inspiration

Vor 20 Jahren starb der Bildhauer Henry Moore

Vor Gebäuden, auf Plätzen und in Parks stehen sie: Die Skulpturen von Henry Moore aus Stein und Bronze sind weltweit bekannt. Der Brite galt vor allem in den 50er und 60er Jahren als wichtigster Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Zum Vermächtnis des Künstlers, der vor 20 Jahren starb, gehört auch die Henry Moore Foundation.

Von Carmela Thiele

Henry Moore vor seiner Bronzeplastik "Vertebrae 1968". (AP)
Henry Moore vor seiner Bronzeplastik "Vertebrae 1968". (AP)
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Henry Moore Foundation

Seit 1979 steht Henry Moores Skulptur "Two Large Forms" vor dem Kanzleramt in Bonn. Die den Bungalow fast überragende, knochenförmige, zweiteilige Bronze wurde zum Wahrzeichen des damaligen Regierungssitzes der Bundesrepublik. Die deutsche Erfolgsgeschichte des britischen Bildhauers begann jedoch erheblich früher. 1950, noch bevor sein Werk auf der documenta in Kassel zu sehen war, richtete die Hamburger Kunsthalle dem Künstler eine erste Einzelausstellung aus. Zehn Jahre später folgte am selben Ort eine zweite Schau, die Henry Moore damals als die größte Präsentation seines Werks bezeichnete.

"Ich denke, es sind 50 bis 60 Skulpturen und etwa 60 Zeichnungen zu sehen. Die meisten der neueren Skulpturen haben Übergröße. So gesehen ist es nicht nur meine größte Ausstellung, was die Anzahl der Werke angeht, sondern auch, was die Größe einiger Arbeiten betrifft."

Henry Moore war damals 62 Jahre alt. Er hatte bereits alle Ehrungen im In- und Ausland empfangen, die einem Künstler überhaupt zuteil werden konnten. Der Sohn eines Bergwerkarbeiters kam 1898 in Yorkshire zur Welt. Im Alter von elf Jahren wusste der Junge, dass er Bildhauer werden wollte. Der konservativen Akademieausbildung in der Royal Academy setzte er zu Beginn der 20er Jahre eigene Strategien entgegen. Er studierte im British Museum die Plastik alter Kulturen:

"Dort, bei diesen strengen und oft grausamen Figuren fiel meine Entscheidung. Dort beschloss ich, dass es in meinem Werk keine Schönheit geben sollte, in dem Sinne, wie sie der Hellenismus und die Renaissance verstanden haben."

Eines der häufigsten Motive Henry Moores war die Liegende, eine auf einen Arm aufgestützte weibliche Figur. Der Prototyp aus dem Jahre 1929 ging auf die Darstellung des Regengottes Chac-Mool aus der Maya-Kultur zurück. Damals lebte Moore mit seiner Frau in London/Hampstead, unweit des Künstlerpaares Barbara Hepworth und Ben Nicholsen. Seine Kollegen hatten sich weit mehr der Abstraktion verschrieben als Moore, der sich weiter an der menschlichen Figur orientierte. Zu seinen Inspirationsquellen gehörte seit den 30er Jahren außerdem die Beobachtung von "Naturgebilden", wie Moore es in einem Statement zu seiner Arbeit ausdrückte:

"Am tiefsten interessiert mich die menschliche Figur, doch habe ich Gesetzlichkeiten von Form und Rhythmus beim Studium von Naturgebilden wie Kieselsteinen, Felsen, Knochen, Bäumen und Pflanzen entdeckt."

Henry Moore praktizierte dieses Naturstudium bis ins hohe Alter. Was ihn aber zu einem der begehrtesten Nachkriegskünstler machte, war seine Fähigkeit, der menschlichen Figur wieder Würde und Kraft zu verleihen. Im Gegensatz zu Erneuerern der Plastik, die wie Giacometti auch Zeugnis von der existenziellen Bedrohung des Menschen ablegten, überwog bei dem Briten Zuversicht, die Vorstellung von der unendlichen Regenerationsfähigkeit des Menschen. Sein Humanismus wurde oft in Zusammenhang gebracht mit den 1940 entstandenen "Shelter-Drawings", Zeichnungen von aneinander gereihten Schlafenden, die in den Londoner U-Bahn-Schächten Schutz vor der deutschen Bombardierung suchten.

"Entgegen meinen Erwartungen ging von den zerbombten Gebäuden eine merkwürdige Faszination auf mich aus, mehr noch fesselten mich die unglaublichen Szenen und das Leben in den U-Bahn-Schutzräumen."

Aus der zeitlichen Distanz wirkt es paradox, dass gerade die Deutschen, die den Krieg begonnen und Leid über die englische Bevölkerung gebracht haben, zu den größten Bewunderern des englischen Bildhauers werden sollten. Aber auch Moore fühlte sich wohl im Land der Klassik, las Goethe und ließ seine Bronzeskulpturen gerne in der renommierten Berliner Gießerei Noack anfertigen.

"So nun ist Mr. Moore eingetroffen, um die Details zu besprechen …. "

Auch der "Big Butterfly", der 1967 in einem Teich vor der Berliner Kongresshalle aufgestellt wurde, ist bei Noack entstanden. Die ohrenförmige Bronze nimmt in Gegenrichtung den Schwung des gekurvten Daches auf. Zum Schmetterling wird die Form aber erst, wenn der Betrachter die Spiegelung der Skulptur im Wasser bemerkt. Der moderne Klassiker unter den Nachkriegsbildhauern arbeitete bis ins hohe Alter und starb 1986, am 31. August 1986, im Alter von 88 Jahren. Sein Vermächtnis ist das immense Werk, aber auch seine 1972 gegründete Henry Moore Foundation, die heute zu den wichtigsten Förderern zeitgenössischer Kunst in England gehört. Eine aktuelle Henry-Moore-Retrospektive läuft im Caixa Forum, Barcelona bis zum 29.10.2006.

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