Samstag, 21. Mai 2022

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Messerattacken in Dagestan und Sibirien
Russland und der Terror

Im russischen Surgut und in Dagestan ist es zu Messerangriffen auf Passanten gekommen. Obwohl in beiden Fällen der sogenannte Islamische Staat die Taten für sich reklamierte, berichteten die landesweiten Medien kaum darüber. Dabei ist im russischen Fernsehen über jeden Anschlag in Europa innerhalb kürzester Zeit etwas zu erfahren.

Von Thielko Grieß | 30.08.2017

Zu sehen ist ein Polizeieinsatz nach dem Messerangriff in der russischen Stadt Surgut am 19.8.2017.
Nationale Medien berichten kaum über die Attentate in Surgut (Bild) und Dagestan - und auch die russische Regierung schweigt (picture alliance / Irina Shvets / Sputnik / dpa)
In einem Einkaufszentrum der sibirischen Stadt Surgut ist viel los, es ist Samstag. Artur Gadschiew, 19 Jahre alt, Muslim, schüttet Benzin auf den Boden und entzündet es. Bilder einer Überwachungskamera zeigen, wie Sicherheitsleute den Brand schnell löschen können. Der Brandstifter rennt aus dem Einkaufszentrum und greift mit einem Messer Passanten an. Sieben von ihnen werden verletzt, mindestens einer schwer. Das Lokalfernsehen zeigt später einen Mann, der offenbar verletzt im Bett liegt. Er erzählt, was er gesehen hat:
"Ich bin geradewegs auf diesen Mann zugelaufen; das Messer habe ich nicht gesehen. Zusammenstoß, Messerstich, dann seine Wörter 'Allahu Akbar'. Das war alles. Er ist weiter gelaufen. "
Bilder einer weiteren Überwachungskamera zeigen, wie der mutmaßliche Täter davon rennt, ein Polizist ihn verfolgt und dann erschießt. Die Nachricht macht schnell die Runde in Surgut. Bürger äußern im Lokalfernsehen ihre Vermutungen darüber, was geschehen ist:
"Da hat einfach ein kranker Mensch beschlossen, dass er Leuten ihr Leben rauben will und ist mit dem Messer losgelaufen. Natürlich ist das ein Terroranschlag. Sowas macht doch nicht einfach nur ein Verrückter!"
Kaum landesweite Berichterstattung
Surgut ist eine Stadt von knapp einer halben Million Einwohner. Sie liegt in Westsibirien am Fluss Ob. In der Gegend werden Öl und Gas gefördert, was Surgut verhältnismäßig wohlhabend gemacht hat. War es Terror oder nicht? Die Frage muss gestellt werden. Doch am Tag des Messerangriffs zeigen die großen landesweiten Fernsehkanäle nur wenige Sekunden Bildmaterial aus Surgut. In der Hauptnachrichtensendung im Sender Rossija 1 sind dies um 20 Uhr Moskauer Zeit, also Stunden nach der Tat, die wichtigsten Themen: Unwetter auf der Krim, eine Trauerfeier für eine verstorbene Schauspielerin - und dann geht es doch noch kurz um Terror, allerdings in Spanien.
Das Fernsehen schaltet nach Barcelona, berichtet über die Folgen des Terrorangriffs dort. Im russischen Fernsehen ist über jeden Anschlag in Europa innerhalb kürzester Zeit etwas zu erfahren. Aber über die Debatte in Sibirien schweigen die Kanäle - auch in den Tagen danach. Dabei häufen sich schon bald die Hinweise, dass die Spur zum Terror zumindest ernstgenommen werden muss. Auf der Seite von Furat Media, einem Propaganda-Kanal des "Islamischen Staates" erscheint ein Video, das den mutmaßlichen Attentäter vor seiner Tat zeigen soll. Er ist vermummt und neben ihm ist eine Axt zu sehen.
"Macht Euch mit Messern auf, Brüder. Man muss nicht unbedingt ein Maschinengewehr haben oder sowas. Ich schwöre bei Allah: Er trifft die Bestimmung. Wenn er es wünscht, reicht sogar ein Schraubenzieher. Geduld, Brüder! Wir treffen uns im Paradies."
Reaktionen in sozialen Netzwerken
Der IS behauptet, Gadschiew habe in seinem Auftrag gehandelt. Das Video ist im russischen Internet nicht zu sehen, weil die Seite von einer Behörde gesperrt worden ist. Doch längst hat das Thema soziale Netzwerke erreicht. Selbst RT, des Kremls Auslandssender, berichtet - und der Lokalsender Surgutinfo. Dort wagt der Politologe Konstantin Kalatschjow, der als offener Kritiker des Staatsapparats nicht bekannt ist, vorsichtige Distanz:
"Ich habe in sozialen Netzwerken Reaktionen der Russen auf die Ereignisse in Surgut verfolgt. Sie haben geschrieben, dass Schweigen nicht die beste Position ist. Es ist offensichtlich keine gute Idee zu behaupten, dass Terroranschläge nur in Europa passieren, bei uns dagegen alles ruhig und friedlich ist. Es wäre besser, den Menschen die Wahrheit zu sagen."
Der Angriff ereignete sich am 19. August. Anfang dieser Woche nun druckte die Moskauer Zeitung Nowaja Gaseta, bekannt für ihre Reportagen aus entlegenen Gegenden Russlands, ihre Recherchen auf zwei Seiten. Artur Gadschiew sei in einer zerrütteten Familie aufgewachsen, in der Schule durch Desinteresse und in der Berufsschule durch Schlägereien aufgefallen. Wie er sich radikalisiert hat, bleibt unklar. Geboren wurde Gadschiew in Dagestan, einer muslimisch geprägten russischen Republik im Nordkaukasus. Dort sind in dieser Woche nach einem Messerangriff auf Polizisten zwei mutmaßliche Täter erschossen worden. Wieder gibt es Bekundungen des IS, die Tat sei sein Werk. Die Ermittler behaupten dagegen, sie hätten jeden möglichen Terroristen unter Kontrolle. Nur eine Version kann letztlich stimmen. Welche, ist nicht zu sagen.