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StartseiteInterviewMeteorologe: Eigentlich ein ganz normaler Winter02.03.2009

Meteorologe: Eigentlich ein ganz normaler Winter

Der Meteorologe Sven Plöger hat vor Lawinen- und Überschwemmungsgefahr gewarnt. Durch die Wetterlagen hätten sich sowohl an den Süd- als auch an den Nordlagen der Alpen große Schneemengen angesammelt. Sollten die Temperaturen nun stetig steigen, würde das einen sehr starken Zufluss für die Flüsse und damit auch große Überschwemmungsgefahr bedeuten.

Sven Plöger im Gespräch mit Jochen Spengler

Ein Skifahrer genießt auf der Loferer Alm im Bundesland Salzburg den Tiefschnee. (AP Archiv)
Ein Skifahrer genießt auf der Loferer Alm im Bundesland Salzburg den Tiefschnee. (AP Archiv)

Jochen Spengler: 1,20 Meter in Berchtesgaden, 2,50 Meter in Obertauern, 2,70 Meter in Zermatt. Das sind die aktuellen Schneehöhen in den Alpen. Von Schneemangel also keine Rede, im Gegenteil. Wochenlang hat es so viel geschneit, dass die Sonne kaum zum Vorschein kam. Genau das ist das Problem. Lawinen gehen im Minutentakt von den Bergen ab und inzwischen setzt Tauwetter ein. Damit verschärft sich die Lawinengefahr und es droht Hochwasser. Überschwemmungsgefahr gibt es bereits in den Landkreisen Bamberg und Passau. - In einem Schweizer Studio begrüße ich den Meteorologen Sven Plöger von Meteomedia. Guten Morgen in die Schweiz, Herr Plöger.

Sven Plöger: Einen schönen guten Morgen!

Spengler: Herr Plöger, was erleben wir da, einen außergewöhnlichen Winter, oder einen ganz normalen?

Plöger: Im Grunde genommen ist es eigentlich ein ganz normaler Winter, den wir erleben. Nur: Wir hatten jetzt in den letzten Jahren eher schwache Winter, schlappe Winter, schneearme Winter, und jetzt ist es mal ein Winter, der wieder viele Nordwest- und Nordlagen gehabt hat und auch am Anfang des Winters übrigens interessanterweise Südlagen, und da wurden die Alpen dann beidseitig intensiv angeströmt mit feuchter Luft. Da kam erst der Süden in den Genuss von sehr viel Schnee, dann kam der Norden in den Genuss von sehr viel Schnee, und um das zusammenzufassen: jetzt sind wir alle im Genuss von sehr viel Schnee und der wird eben tatsächlich, wie Sie gerade sagten, irgendwann wegtauen.

Spengler: Im Februar hat es, so scheint es, gar nicht aufgehört zu schneien. Jetzt haben wir März. Gibt es jetzt die Wetterwende?

Plöger: Das ist genau der Punkt. Wenn man sich mal zurückerinnert, zum Beispiel ans Jahr 99. Das war das Jahr mit dem großen Lawinenunglück in Galtür. Da hat es ja auch solche Nordwestlagen gegeben und eine ganze Menge Schnee musste irgendwann die Hänge runterrutschen und abrutschen. Jetzt stellt sich natürlich auch in diesem Winter wieder die Frage, was passiert jetzt, wenn der Winter langsam zu Ende geht. Wir haben jetzt schon etwas mildere Luft in den Alpen. Das konnte man vor allen Dingen auch am Wochenende sehen. Ich war selbst skifahrenderweise zu meinem persönlichen Glück unterwegs und da hörte man schon mal das eine oder andere Knacken und Krachen in den Schneemassen. Das heißt, wenn die Temperaturen jetzt hochgehen, dann wächst natürlich auch das Lawinenrisiko.

Spengler: Die gehen aber auch jetzt hoch, oder?

Plöger: Ja. Die fangen jetzt an hochzugehen, wobei sich jetzt wahrscheinlich im Verlauf dieser Woche wieder ein Tief so formieren wird, dass wir dann auch wieder eine leichte Abkühlung bekommen. Wichtig ist immer, dass es Phasen der Erwärmung und dann auch wieder der Abkühlung gibt, dass nicht alles auf einmal passiert. Wenn es jetzt einen Übergang gäbe - noch mal: Der deutet sich in dieser extremen Form derzeit zumindest nach den Wetterkarten nicht an -, dass es nun einfach durchweg starken Temperaturanstieg gibt, der erst mal durch nichts mehr unterbrochen wird, dann ist es natürlich so, dass diese Schneemassen alle tauen wollen und dann auch zu Tal kommen wollen in Form von Wasser, um es einfach auszudrücken.

In Höhen oberhalb von etwa 900 bis 1500 Metern haben wir jetzt diese großen Schneemassen und das ist eine sehr, sehr feuchte Schneemasse. Wenn man das wasseräquivalent ausrechnen will - schönes Wort, aber einfach gerechnet -, man muss mit 3 bis 5 multiplizieren, und zwar die Schneemenge in Zentimetern, dann kommt man auf Liter Wasser pro Quadratmeter. Und einfacher, weil es ja noch früh morgens ist, zum Rechnen: nehmen Sie sich einen Meter Schnee, also 100 Zentimeter, multiplizieren mit 3 bis 5, dann kommt 300 bis 500 heraus. Das ist Liter Wasser pro Quadratmeter. Das muss runter. Und wenn die Erwärmung jetzt so massiv wäre, dass alles praktisch auf einmal tauen würde, dann bräuchten wir nicht mal eine richtig ordentliche Regenlage dazu - meistens bringt Milderung mit West- und Südwestlagen ja auch noch Regen zusätzlich zu dem tauenden Schnee -, sondern dann würde der Schnee schon alleine für Hochwasser reichen. Das deutet sich derzeit wettermäßig aber nicht an. Das habe ich gerade noch mal auf den Wetterkarten überprüft. Aber es ist ganz normal, dass in dieser Jahreszeit natürlich die Flüsse jetzt mehr Wasser führen, weil eben doch immer wieder Schnee taut.

Spengler: Da wäre dann vor allen Dingen Süddeutschland betroffen, die Donauzuflüsse?

Plöger: Natürlich. Die Flüsse, die alpennah sind, wo die Alpen entwässern, das sind natürlich dann die Flüsse, die betroffen sind. Weiter nördlich spielt es keine Rolle, aber auch da gibt es natürlich Mittelgebirge, um mal jetzt in Richtung Elbe zu schauen, um mal auch in Richtung anderer Flüsse zu schauen, die in den Mittelgebirgen entspringen, kleinere Flüsse. Die können natürlich dann auch mit diesen Schneemassen, die in Wasserform runterkommen, wenn es sich am Ende erwärmt, zu tun haben. Aber die Alpen sind natürlich jetzt unser Hauptproblem, weil eben sehr viel Schnee da ist. Es gibt natürlich die gesamten Institute, die sich dort vor Ort mit der Entwicklung befassen, die auch immer wieder ihre Meldungen machen, die Hochwassersituation verfolgen, aber das werden in den nächsten ein, zwei Monaten - meistens ist es März, April, Mai - je nach Wetterentwicklung wirklich die interessanten Monate.

Spengler: Herr Plöger, Sie würden aber noch nicht so weit Entwarnung geben, dass Sie sagen, Rhein, Elbe, Oder, ist alles nicht betroffen von den Alpen?

Plöger: Nein! Da würde ich mich sehr zurückhalten. Es ist jetzt einfach die Anfangsphase. Der Winter, ein schneereicher Winter geht zu Ende und wir müssen die nächsten Wochen das wirklich sehr genau verfolgen. Wenn Westwetterlagen, wenn Südwestwetterlagen mit sehr milder Luft kommen, mit sehr viel Regen kommen, dann haben wir natürlich sofort akute Gefahr, speziell natürlich im Süden der Republik, aber wenn man sich den Rhein anguckt, dann weiß man, die Wasserfälle müssen von den Alpen über den Bodensee nach Norden laufen und das bedeutet natürlich auch für viele andere Regionen, dass die Hochwassergefahr steigt.

Spengler: Also Gummistiefel parat halten ist nicht verkehrt. Danke, Sven Plöger, und schönen Gruß in die Schweiz.

Plöger: Gerne.

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