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#MeTwo-DebatteHört bitte erstmal nur zu

In der #MeTwo-Debatte sieht unser Autor Kemal Hür bei einigen Medien Abwehrreflexe. Anstatt zuzuhören, stempelten sie Rassismuserfahrungen als unberechtigt ab. Dabei gehe es doch erstmal darum, zu verstehen.

Von Kemal Hür

Die Bild-Zeitung mit der Überschrift "Was habt ihr eigentlich alle gegen den 'weißen Mann'?", darunter "Die Welt" mit der Überschrift "Wir alle sind rassistisch" (Deutschlandradio)
Zeitungen wie Bild und Welt haben ausführlich über die Rassismusdebatte berichtet. (Deutschlandradio)
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Meine verehrten Damen und Herren, ich heiße Kemal Hür. Und ich bin eine Parallelgesellschaft - ob es Ihnen gefällt oder nicht. Ich bin ein deutscher Journalist, bekomme manchmal aber Zuschriften, die ungefähr so klingen: "Jetzt kommt ein muslimischer Türke daher und will uns Deutschen die Welt erklären." Ich bin weder Muslim noch Türke. Aber das interessiert solche Rassisten nicht. Andere schreiben: "Geh hin, wo du hergekommen bist, wenn es dir bei uns nicht gefällt." Für all diese Leute wiederhole ich: Ich bin Deutscher, bin deutscher Journalist - egal, ob es euch gefällt oder nicht. Verstanden?

Leider wird das nicht von allen verstanden. Und weil ich nicht der Einzige bin, der solche Erfahrungen macht und nicht verstanden wird, ist die #MeTwo-Debatte entstanden.

Es geht bei dieser Debatte nicht um den Fußballer Mesut Özil und nicht um den von ihm verehrten Möchtegern-Sultan und Despoten Erdogan. Es geht um Rassismus in Deutschland, um strukturellen, institutionellen und um Alltagsrassismus.

Niemand wirft allen Deutschen Rassismus vor

Zehntausende Menschen, die entweder selbst eine Migrationsgeschichte haben oder deren Eltern und Großeltern berichten von eigenen Diskriminierungserfahrungen aufgrund ihrer Herkunft. Und sie wollen eines: dass man ihnen zuhört und sie versteht. Niemand wirft allen Deutschen Rassismus vor, niemand bezeichnet Deutschland per se als rassistisches Land.

Doch wollen das nicht alle Medien so einordnen. Beispielsweise die "Bild". Deutschlands noch immer auflagenstärkste Zeitung hört nicht zu, sie versucht nicht, Rassismus-Erfahrungen zu verstehen und journalistisch aufzubereiten, sondern nimmt die Verteidigungsposition derer ein, die sich durch die Debatte angegriffen fühlen und Rassismus-Vorwürfe von sich weisen.

Oder die "Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland", die Migranten, die ihre Diskriminierungserfahrungen öffentlich machen, attestiert, sie würden "unter Verfolgungswahn und Verantwortungslosigkeit" leiden.

Bundesregierung verschleppt UNO-Forderung

Nein, im Gegenteil, sie übernehmen Verantwortung für ihr Land und wollen es mitgestalten. In einem Interview mit der Berliner Zeitung erinnert die Sprecherin des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg, TBB, Ayse Demir, an eine Episode ihres Verbandes, die bezeichnend für die Debatte ist: Der TBB hatte den sozialdemokratischen Rechtspopulisten Thilo Sarrazin wegen seiner rassistischen Äußerungen über Türken und Araber wegen Volksverhetzung angezeigt.

Die Berliner Staatsanwaltschaft aber erkannte darin keine Straftat. Der Streit ging bis zur UNO. Deren Antirassismus-Komitee forderte 2013 die Bundesregierung auf, den deutschen Volksverhetzungsparagrafen zu überprüfen, weil er bei rassistischer Hetze nicht greife. Und wieder geschah nichts!

Es ist unser Land

Die #MeTwo-Debatte zeigt am Ende Folgendes: Deutschland hat sich mit der Arbeitsmigration der 50er- und 60er-Jahre verändert. Heute haben wir es auf Seite der Migranten mit einem Kampf um Anerkennung und Zugehörigkeit zu tun. Auf der anderen Seite scheint sich in der Mehrheitsgesellschaft eine Art Agonie breit zu machen. Die Angst, langsam auszusterben und sich an das alte Deutschland zu klammern.

Die Migranten von damals und ihre Nachkommen sind aber keine Gastarbeiter und Bittsteller mehr. Sie sind Teil der neuen deutschen Gesellschaft und fordern gleiche Rechte ein. Sie wollen nicht das Land übernehmen oder spalten, sondern sie wollen mitgestalten. Denn es ist auch ihr Land; es ist unser Land. Kapiert das endlich. Und lasst uns gemeinsam gegen Rassismus kämpfen - auf allen Seiten.

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