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StartseiteCorsoÜber den Wolken18.08.2020

Microsoft Flight Simulator 2020Über den Wolken

Mit dem ersten Flugsimulator von Microsoft konnte man 1982 gemütlich seine Runden drehen. Das Cockpit bestand aus ein paar klobigen Pixeln. 38 Jahre später erscheint der nächste Teil der Kultserie - mit zwei Petabytes an Daten ein Spiel der Superlative. Ist es nur Größenwahn oder wirklich grandios?

Von Christian Schiffer

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Flight Simulator mit Pilotenkauderwelsch: Überziehungsgeschwindigkeit, Steuerhorn, Neigungswinkel (Asobo Studio / Microsoft)
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Eigentlich sollte dieser Beitrag die Dokumentation eines Triumphs werden. Eigentlich hatte ich geplant, im neuen Flugsimulator von München nach Köln zu fliegen, einmal dem Funkhaus zuzuwinken und anschließend mit meiner Cessna 153 butterweich auf dem Flughafen Köln/Bonn zu landen. Ich kam bis München-Großhadern. Dann übersteuerte ich das Ruder; Strömungsabriss, Trudelflug, im Cockpit blinkten die Warnleuchten, wie die Lichter in einer Teenie-Disco. Kurz bin ich beeindruckt, wie realistisch und detailreich doch die grünen Tannen im Münchner Süden aussehen. Absturz.

Mehr Lebensaufgabe als Spiel

Ich bin gerade einmal einen Kilometer weit gekommen. Dabei habe ich unzählige Flugstunden als Luftfahrzeugführer von Computerspiel-Fluggeräten aufzuweisen. Ich habe im ersten Weltkrieg Dreidecker geflogen, in Star Wars-Spielen X-Wings und im zarten Alter von zwölf Jahren habe ich im Cockpit einer F16 quasi im Alleingang den Warschauer Pakt zerschlagen. Aber das ist hier alles nichts wert, denn der neue Microsoft Flight Simulator ist kein Spiel wie jedes andere. Der neue Microsoft Flight Simulator ist eigentlich gar kein Spiel. Der Microsoft Flight Simulator ist eine Lebensaufgabe. Schon der Ladebildschirm ist vollgepackt mit Pilotenkauderwelsch, es geht um "Überziehungsgeschwindigkeit", "Steuerhorn" und "Neigungswinkel". Insgesamt warten 160 verschiedene Tastaturbefehle darauf, vom Hobbypiloten entdeckt zu werden und wer möchte, kann hier seine Zeit sogar damit verbringen, während des Fliegens Checklisten abzuarbeiten. Der neue Flight Simulator ist also nicht unbedingt etwas für Gelegenheitsflieger. Aber das macht auch nichts, denn schließlich gibt es ja Captain Molina.

Ein virtuelles Weltwunder

Captain Molina ist meine Fluglehrerin. Und nach zwei, drei Übungsrunden mit Captain Molina kann ich immerhin schon mal das Flugzeug in der Luft halten und weiß außerdem noch, was ein "Variometer" ist. Und jetzt zeigt sich langsam, was dieser Microsoft Flight Simulator doch für ein virtuelles Weltwunder ist. "The map is not the territory", so lautet ein berühmter Ausspruch des polnisch-amerikanischen Sprachwissenschaftlers Alfred Korzybski. Und ja, auch im neuesten Flugsimulator ist die virtuelle Welt nur ein vereinfachtes Abbild der realen Welt. Aber selten war eine Simulation so nahe an dem dran, was sie eigentlich simuliert. Das Programm lädt sich topologische Daten aus dem Netz, man kann also die ganze Welt befliegen und sich von oben die Pyramiden von Gizeh, Nationalparks in Grönland, Duisburg-Hamborn und vieles mehr ansehen. Kaum jemals zuvor war "The map", zugleich auch so sehr "The territory".

Ich bin dann mal weg

Ein Wochenende und ein halbes Dutzend Flugstunden später: Meine Cessna liegt stabil in der Luft. Ich prüfe mit dem Kenner-Blick eines Piloten, der ganz genau weiß, was er hier tut, die Flughöhe. Einem erfolgreichen Flug nach Köln steht nun nichts mehr im Wege. Voller Enthusiasmus drücke ich aufs Gas. Doch schon als ich in der Nähe von Augsburg bin, kommen mir erste Zweifel. Wer will schon dem Funkhaus in Köln zuwinken, wenn er auch Wolkenkratzern in Dubai "Hallo" sagen kann? Sorry, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bin dann mal weg. 

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