Midterms in den USA: Wie Latinos die Wahlen entscheiden könnten

Latinos machen einen großen Teil der Bevölkerung in den USA aus. Ihre Wahlbeteiligung blieb bislang aber eher gering. Das ändert sich nun. Als „erwachender Riese“ könnten sie bei den Midterms eine entscheidende Rolle spielen.

    Ein Latino mit mexikanischer und US-Flagge auf einer Straße in Los Angeles
    Der "schlafende Riese" erwacht: Die große Gruppe der Latinos in den USA fordert mehr politische Beteiligung und wird als Wählergruppe zunedme wichtig (Imago /Alvaro Diaz)
    Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen: In Texas kämpfen der 63-jährige, Trump nahestehende Republikaner Ken Paxton und der 37-jährige Demokrat James Talarico bei den Midterms um einen Sitz im US-Senat. Seit 1988 ist es keinem Demokraten mehr gelungen, in dem südlichen Bundesstaat einen Senatssitz zu gewinnen. Talaricos Sieg wäre eine Sensation.  
    Dabei spielt eine Wählergruppe eine entscheidende Rolle: die etwa sechs Millionen wahlberechtigten Latinos in Texas.  Warum ist das so – und was bewegt diese Wählergruppe? 

    Inhalt

    Latinos und Hispanics werden als Wähler wichtiger für US-Parteien

    Latinos sind die am schnellsten wachsende Gruppe in der US-Bevölkerung. Sie stellen inzwischen fast 70 Millionen Menschen bei einer Gesamtbevölkerung von rund 342 Millionen Einwohnern. 
    In Texas beispielsweise leben etwa sechs Millionen wahlberechtigte Latinos mit meist hispanischen Wurzeln – rund 32 Prozent der Wahlberechtigten. Als Arbeitskräfte, Unternehmer und Konsumenten sind sie ein starker Wirtschaftsfaktor in dem südlichen Bundesstaat. Zunehmend fordern sie auch politischen Einfluss. 
    Allerdings sind Latinos keine homogene Gruppe. In Texas haben viele von ihnen Wurzeln in Mexiko und das oft schon seit vielen Generationen. Andere sind erst vor ein oder zwei Generationen in die USA eingewandert, stammen aus Kuba, El Salvador, Kolumbien oder Guatemala. Sie teilen nicht die gleiche Kultur, haben keine gemeinsame Geschichte. Auch sind sie meist nicht einer Partei besonders verbunden.  
    Dennoch: Hispanics und Latinos werden bei den kommenden Kongresswahlen eine Schlüsselrolle spielen, meint Jason Villalba von der „Texas Hispanic Policy Foundation“. 

    Wohlstand und Sicherheit: Welche Wahlversprechen für Latinos wichtig sind

    Latinos gelten generell als „swing voter“, als Wechselwähler, erklärt Villalba. Sie stimmten vor allem für Kandidaten, die ihnen wirtschaftliche Entwicklung und Wohlstand versprechen: Themen wie Lebensmittelpreise, Jobs, gute öffentliche Schulen für die Kinder oder die Gesundheitsversorgung seien ihnen wichtig, so Villalba.  
    Eines von Trumps größten Wahlversprechen war 2024, den Alltag für alle Bevölkerungsgruppen erschwinglich zu machen. Bei den Latinos kam das gut an: Nachwahlbefragungen zur vergangenen Präsidentenwahl ergaben, dass etwa 55 Prozent der Latino-Wähler in Texas Trump gewählt haben. Landesweit waren es Schätzungen zufolge etwa 48 Prozent. Ihre Stimmen haben also wesentlich zu seinem Sieg beigetragen.  
    Trump hat seine Wahlversprechen allerdings bislang nicht einhalten können. Genau das könnte ihn nun die Stimmen der Latinos kosten. 

    Abschiebungen von Migranten schrecken viele Latinos ab 

    Auch der Umgang der Trump-Regierung mit Migranten könnte viele Latinos abgeschrecken. Konkret: die Abschiebung von Zuwanderern durch die US-Einwanderungsbehörde ICE.  
    Im Auftrag der US-Regierung nimmt die ICE Menschen ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung fest und/oder schiebt sie ab. Allein 2025 sollen nach Angaben des US-Heimatschutzministeriums über 600.000 illegale Migranten abgeschoben worden sein. 
    Dallas verzeichne die zweithöchste Zahl an Festnahmen landesweit, erklärt die Aktivistin Sandra Avalos. Teilweise waren es 2026 monatlich mehr als 10.000.  
    Vielen Latinos waren die Sicherheit an der Grenze zu Mexiko sowie Grenzkontrollen ein wichtiges Anliegen bei den vergangenen Wahlen. Donald Trump habe den Latino-Wählern im Wahlkampf versprochen, dass allein verurteilte Kriminelle und Gewalttäter abgeschoben würden, sagt Jason Villalba. Doch in Texas hätten Latinos inzwischen festgestellt, dass de facto wahllose Massenabschiebungen stattfänden. 
    Die Abschiebungen haben gerade im Süden des Bundesstaates zudem erhebliche Auswirkungen auf die wichtigsten Arbeitgeber für Latinos in der Region: Gastgewerbe, Landwirtschaft und Baugewerbe.

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    Gerade in der Bauwirtschaft hätten die Razzien, Festnahmen und Abschiebungen den Arbeitskräftemangel verschärft, für steigende Lohn- und Baukosten gesorgt und Projekte verzögert, erklärt Mario Guerrero, Geschäftsführer des texanischen Branchenverbands „South Texas Builders Association“:  "Wenn die Menschen Angst haben und nicht mehr zu Arbeit kommen, wirkt sich das in der Baubranche gleich auf den ganzen Wirtschaftskreislauf aus."

    Die Wahlbeteiligung unter Latinos muss wachsen

    Unzufriedenheit mit der Politik Trumps bedeutet allerdings nicht, dass Latino-Wähler nun mehrheitlich für die Demokraten stimmen. Denn, so der Bürgerrechtler Carlos Quintanilla:  "Die demokratische Partei war fahrlässig. Sie hat es versäumt, lateinamerikanische Wähler zu mobilisieren, zu informieren und ernsthaft um ihre Stimmen zu werben."
    Die Demokraten hätten sich zu sehr auf schwarze Wähler konzentriert, glaubt Quintanilla. Latinos bräuchten jedoch vor allem in stark hispanisch geprägten Wahlbezirken eine eigene Stimme im Kongress in Washington.  
    Das Wichtigste bei den kommenden Wahlen sei jedoch die Mobilisierung der Latinos und Hispanics, damit sie überhaupt wählen gehen, meint Quintanilla – vor allem bei den nachfolgenden Generationen der Einwanderer, den Kindern und Enkeln.
    Denn eine höhere Wahlbeteiligung der Latinos könnte weitreichende Folgen für Demokraten und Republikaner haben: Die Latinos haben ein enormes Wählerpotenzial für die Parteien in den USA. 

    Darum geht es bei den Midterms

    Am 3. November wird bei den sogenannten Midterms (Zwischenwahlen) ein Großteil des US-Parlaments neu gewählt. Dabei geht es auch um die politische Zukunft des US-Präsidenten Donald Trump. Denn seine Partei, die Republikaner, könnten bei den Wahlen ihre knappe Mehrheit im US-Parlament verlieren – oder im Gegenteil ausbauen.

    Das US-Parlament, der Kongress, besteht aus dem Repräsentantenhaus und dem Senat. Bei den Zwischenwahlen bestimmen die US-Amerikaner über alle Sitze im Repräsentantenhaus und etwa ein Drittel der Sitze im Senat.

    In diesem Jahr geht es um 35 Senatsposten. Jeder der 50 US-Bundesstaaten entsendet jeweils zwei Senatoren in die Hauptstadt Washington. Jeder der US-Wahlkreise wird dagegen durch einen Kongressabgeordneten vertreten.

    Die Wahlen etwa in der Mitte der vierjährigen Amtszeit des US-Präsidenten gelten traditionell als Referendum über dessen Politik.
    Radiobeitrag: Anne Raith, Onlinetext: Catherine Shelton