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StartseiteEine WeltSehnsuchtsland Chile11.08.2018

Migration innerhalb LateinamerikasSehnsuchtsland Chile

Mehr als eine Million Immigranten leben in Chile, die meisten kommen aus Venezuela, Haiti, Peru oder Kolumbien. Denn Chile hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen in der Region und die niedrigste Kriminalitätsrate. Nun plant die rechtskonservative Regierung ein umstrittenes Migrationsgesetz.

Von Sophia Boddenberg

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Venezolaner stehen Schlange vor dem chilenischen Konsulat in Caracas, um ein "Visum der demokratischen Verantwortung" zu beantragen (AFP/ Luis Robayo)
Venezolaner stehen Schlange vor dem chilenischen Konsulat in Caracas, um ein "Visum der demokratischen Verantwortung" zu beantragen (AFP/ Luis Robayo)
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Pilar ist 28 Jahre alt und steht seit drei Stunden in der Schlange an der Ausländerbehörde in Santiago de Chile. Sie hat eine dicke Jacke an, denn es sind nur ein paar Grad über Null. Es ist Winter in der südlichen Hemisphäre.

"Ich bin nach Chile gekommen, weil meine Schwestern schon hier waren. Ich bin gekommen, um zu arbeiten, damit es meinen Töchtern besser gehen wird. In der Dominikanischen Republik ist die Wirtschaft sehr schlecht, es gibt keine Arbeit. Hier gibt es mehr Arbeit."

Da die Behörde nur bis 14 Uhr geöffnet hat, stehen viele seit dem Morgengrauen in der Schlange. An den umliegenden Straßenecken verkaufen Frauen verschiedene Gerichte aus ihren Heimatländern: peruanisches Ceviche, kolumbianische Patacones und venezolanische Arepa.

Auf der Suche nach Arbeit, Sicherheit, Lebensqualität

Die meisten in der Schlange sind nach Chile gekommen, weil sie auf der Suche nach Arbeit sind, nach Sicherheit, nach einer besseren Lebensqualität. Über eine Million Immigranten leben heute in Chile. Dem chilenischen Innenministerium zufolge hat etwa ein Drittel von ihnen in Chile keine gültigen Aufenthaltspapiere. Deshalb will der seit diesem Jahr regierende rechtskonservative Präsident Sebastián Piñera ein neues Migrationsgesetz verabschieden.

Die meisten Einwanderer in Chile kommen aus Venezuela, Haiti, Peru und Kolumbien. Piñeras Gesetzesentwurf beinhaltet deshalb zwei spezielle Visa: das sogenannte "Visum der demokratischen Verantwortung" für Venezolaner und das "humanitäre Visum" für Haitianer, das auf 10.000 Visa pro Jahr begrenzt werden soll. Die neuen Visa sollen künftig in den Heimatländern beantragt werden. Die Maßnahmen sind in Chile umstritten. Menschenrechtsorganisationen werfen der Regierung Rassismus vor, weil sie Haitianer bei der Visa-Vergabe benachteilige und Venezolaner bevorzuge.

Kritik am neuen Migrationsgesetz

Das meint auch Francisco Bazos. Er kommt aus Peru und ist Sprecher der Bewegung "Movimiento Acción Migrante", die sich aus verschiedenen Migranten-Organisationen zusammensetzt.

"Das ist kein Migrationsgesetz, sondern ein Ausländergesetz. Es reguliert, wer ins Land hineinkommt und wer es verlässt, aber es enthält keinen Hinweis darauf, was mit den Immigranten passiert, wenn sie einmal in Chile sind. Dieses Gesetz basiert nicht auf Menschenrechten. Es ist auf Nutzen ausgerichtet. Die Chilenen brauchen Immigranten als Arbeiter."

Piñera zufolge will sich Chile mit dem "Visum demokratischer Verantwortung" bei den Venezolanern revanchieren, die einst viele politische Flüchtlinge der Pinochet-Diktatur aufnahmen. Der Vergleich der demokratisch gewählten Maduro-Regierung in Venezuela mit der Militärdiktatur von Pinochet erscheint jedoch nicht allen Venezolanern passend. Raymond Álvarez ist 29 Jahre alt und nicht aus politischen Gründen nach Chile gekommen:

"Venezuela ist eines der Länder mit der höchsten Mordrate weltweit. Eines Tages wurde ich in einem Bus ausgeraubt und mit einer Pistole bedroht. Ich bin deshalb weniger wegen der Wirtschaftskrise gegangen, als wegen der Gewalt. Wenn es ein Produkt nicht gibt, kann man etwas anderes essen. Aber das Leben kann man nicht ersetzen."

Der konservative Kandidat Sebastian Pinera und seine Frau Cecilia Morel jubeln am 17.12.2017 in Santiago (Chile), nach Bekanntgabe seines Sieges bei der Präsidentenwahl, seinen Anhängern zu. Der Unternehmer wird die Nachfolge der sozialistischen Staatspräsidentin Bachelet antreten.  (dpa / picture alliance / Luis Hidalgo)Der konservative Kandidat Sebastian Pinera und seine Frau Cecilia Morel jubeln nach Bekanntgabe seines Sieges bei der Präsidentenwahl seinen Anhängern zu (dpa / picture alliance / Luis Hidalgo)

Bevorzugung der Venezolaner, Benachteiligung der Haitianer

Raymond Álvarez ist zwar nicht mit der Regierung von Maduro einverstanden, aber er bezeichnet sich politisch als links eingestellt. Deshalb treffe er sich kaum mit anderen venezolanischen Auswanderern in Chile, die fast alle rechts-konservativ orientiert sind. Auch Álvarez glaubt, dass die chilenische Regierung die Einwanderung politisch rechts orientierter, gebildeter Venezolaner bevorzuge und gleichzeitig die der armen, bildungsfernen Haitianer benachteilige.

Die Haitianer sind die am stärksten anwachsende Einwanderungsgruppe in Chile. Gründe dafür sind das Erdbeben im Jahr 2010, die extreme Armut und auch die Präsenz chilenischer Truppen der Blauhelm-Mission der Vereinten Nationen. Die UN-Mission verursachte den Ausbruch der Cholera, eines der wenigen Übel, die das Land bis dahin verschont hatten. 

"Die Chilenen haben ein Rassismus-Problem"

Für die Haitianer ist die Ankunft in Chile besonders schwer, denn Rassismus und Sprachbarrieren erschweren die Integration. Die Muttersprache der Haitianer ist nicht Spanisch, sondern Kreol. Kamel Pierre ist 36 Jahre alt und nimmt an einem Spanischkurs teil. Er sucht seit mehreren Monaten vergeblich nach Arbeit:

"Die meisten Chilenen sind sympathisch. Aber ich glaube, sie haben ein Rassismus-Problem. Einmal hat mich eine Frau im Bus geschlagen, weil sie dachte, ich hätte sie angefasst, dabei war das ein anderer Mann. Sie hat gedacht, dass ich es war, weil ich schwarz bin, weil ich Immigrant bin."

Die Soziologin und Migrations-Expertin Maria Emilia Tijoux lehrt an der Universidad de Chile in Santiago. Die Ursache für den Rassismus gegenüber den Haitianern ist ihrer Meinung nach tief in der chilenischen Geschichte verankert:

"Als der Nationalstaat gegründet wurde, wurden europäische Einwanderer nach Chile eingeladen, um Land zu erschließen und die 'Rasse aufzubessern'. So hat sich der Rassismus gegen unsere indigenen Völker etabliert. Heute richtet er sich gegen Immigranten aus Latein- und Zentralamerika, die Arbeit und ein besseres Leben suchen. Es ist an der Zeit, dass wir merken, dass wir ein großes Lateinamerika sind."

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