Donnerstag, 17.10.2019
 
Seit 09:35 Uhr Tag für Tag
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWeg von den Stereotypen21.02.2019

Migrationsforschung Weg von den Stereotypen

Vertriebene, Gastarbeiter, Geflüchtete – wer in Deutschland als fremd oder nicht integrierbar gilt, das ändert sich ständig. Auch der wissenschaftliche Blick auf das Thema ist im Wandel, sieht etwa Migranten als Akteure statt Objekte und widmet sich auch der gesellschaftlichen Rolle ihrer Nachkommen.

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein grüner Aufkleber mit dem Wort "Halal" ist an einer Dönerbude in Berlin zu sehen, aufgenonmmen in Berlin am 20.12.2015 in Berlin. Speisen, die Halal sind, dürfen von strenggläubigen Muslimen gegessen werden. Das Wort Halal kommt aus dem Arabischen und bedeutet "erlaubt". (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)
Türkische Restaurants und Supermärkte sind in den Städten allgegenwärtig - als Teil der Mittelschicht werden sie eher ausgeblendet (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)
Mehr zum Thema

Politischer Islam Was gehört zu Deutschland?

Das Vielfalt- und Respektzentrum in Essen Die Idee dahinter ist wichtig

Die neuen türkischen Einwanderer Gebildet, engagiert – und heimatlos

Clan-Kriminalität "Die Parallelwelt ist das eigentliche Problem"

Es scheint paradox: Türkische Restaurants, Supermarktketten und Dienstleistungsbetriebe sind im Alltag überall sichtbar und doch ein wenig beachteter Teil der Mittelschicht. Immer noch gelten türkeistämmige Einwanderer im öffentlichen Diskurs häufig als nicht integrierbar und bildungsfern, sagt Barbara Lemberger. Und auch die Forschung hat das Thema 'Migration und Mittelschicht', wie ihre Studie heißt, bislang eher ausgeblendet. 

Die promovierte Ethnologin hat dafür 20 türkischstämmige Unternehmerinnen und Unternehmer in Berlin interviewt, deren Partner befragt und die Betriebe besucht.

"Eine Unternehmerin hat eine Kosmetikmarke im Luxussegment erfunden, die sie weltweit vertreibt, ihr Büro befindet sich in einem Penthouse in der Torstraße. Dann gibt es einen sehr erfolgreichen Möbelhändler, einen Unternehmer, der einen Betrieb im Metallhandwerk führt, eine Unternehmerin, die eine medizinische Praxis sich aufgebaut hat."

Wie werden Migranten Mittelschicht?

Die Studie fragt danach, wie es zur 'Mittelschicht-Werdung' der Migranten und Migrantinnen gekommen ist. Barbara Lemberger hat sich dabei auf die Nachkommen der so genannten türkischen Gastarbeiter konzentriert.

"Die wissenschaftliche Motivation war, dass man mit solch einem Ausschnitt aus Gesellschaft einen unerwarteten Plot erzählen kann, also für den Mainstream unerwarteten Plot, insofern, dass auch die türkeistämmige, muslimische Bevölkerungsgruppe etwas möchte, dass sie Aspirationen hat, Ambitionen verfolgt, und dass sie dafür kämpfen und ihre Betriebe, ihre ökonomische Organisierung ist dafür der Ausgangspunkt, die eigene soziale Position verbessern zu können."

Innere und äußere Faktoren

Soziale Mobilität hängt mit inneren Faktoren zusammen, etwa dem Willen aufzusteigen und sich von der Herkunftsfamilie zu lösen, hat Lemberger beobachtet. Die meisten Befragten stammen aus Arbeiterfamilien. Sie sind zwischen 40 und 50 Jahre alt, in Deutschland zur Schule gegangen und fühlen sich hier zu Hause.

Dass sie heute mindestens eine Immobilie besitzen, mehrmals im Jahr in Urlaub fahren und in den schulischen Erfolg ihrer Kinder investieren, hängt aber auch von äußeren Faktoren ab. Im Kreuzberger Milieu der 1970er und 1980er-Jahre waren die Mieten niedrig, Alteingesessene, zugezogene Alternative und Migranten halfen einander. Rico zum Beispiel, der sich von seiner bürgerlichen Familie losgesagt hatte und am Mariannenplatz eine Metallwerkstatt unterhielt, übernahm eine Art sozialer Patenschaften:

"Er war bekannt dafür, dass seine Tür immer offen stand für Nachbarn und vor allem auch für die türkischen Kinder aus der Nachbarschaft. Und zwei meiner Interviewten, sie heißen bei mir Aziz und Ömer, waren fast täglich bei ihm in der Werkstatt. Und was sie an ihm geschätzt haben, war: Er hat sie nichts gefragt, er hat sie nicht gemaßregelt, er hat sie machen lassen. Sie durften experimentieren und sie durften sogar dann später kleine Reparaturen an den Autos, die ihm die Nachbarn damals vorbeigebracht haben, vornehmen."

Integration als kulturelles Problem

Dass die Forschung sich für Migration interessierte, hängt mit den so genannten Gastarbeitern zusammen, die seit den 1960er-Jahren nach Deutschland geholt wurden. Als diese länger oder ganz blieben, benötigte die Politik verwertbare Daten.

Die Wissenschaftler untersuchten zunächst, wie die Einwanderer Zugang zu Arbeit, Wohnraum und Bildung fanden – aber auch, was deren Integration verhinderte, sagt Maren Möhring, Professorin für Vergleichende Kultur- und Gesellschaftsgeschichte des modernen Europa an der Universität Leipzig. Spätere Debatten deuteten Integration nicht mehr als soziales, sondern als kulturelles Problem.

"Es geht ja häufig dann auch um muslimische Migranten und damit auch um Religion oder religiös geprägte Kulturen. Und das Problem ist – darauf weisen ja immer wieder Forscher und Forscherinnen hin und nicht zuletzt Migranten und Migrantinnen selbst – dass die Individuen darauf festgeschrieben werden, als ob sie determiniert wären durch ihre Kultur. Und das ist dann auch noch eine Kultur, die als sehr homogen und eindeutig interpretiert wird."

Migrantisches Wissen stärker einbeziehen 

Der Begriff der kulturellen Differenz greift zu kurz. Dieser Erklärungsansatz verdecke nicht nur, dass jede Kultur heterogen ist. Er deklariere Probleme, die mit sozioökonomischen Unterschieden und Diskriminierungen zu tun haben, als kulturell bedingt. Heute, so Maren Möhring, sei der Fokus ein ganz anderer: 

"Aktuell ist ganz zentral so ein wissensgeschichtlicher Zugang zum Thema Migration: Was haben eigentlich Migranten und Migrantinnen für ein besonderes Wissen, das sie mitbringen in das neue Land, in das sie gehen? Und sozusagen ihre Handlungen und ihre Wissensformen auch ernst zu nehmen und in die wissenschaftlichen Untersuchungen mit einzubeziehen."

Auch der Historiker Jan Plamper sieht hier großen Nachholbedarf:

"Was fehlt, ist eine Migrationsgeschichte, die erzählend ist, narrative Geschichte, in der Personen vorkommen, die gelebt haben oder leben, mit denen man sich vielleicht auch identifizieren kann. Und was wir überhaupt nicht haben, ist eine allgemeine Geschichte Deutschlands, eine Synthese, in die Migration und Migranten konsequent eingeschrieben werden. Dadurch entsteht der Eindruck, als sei das so etwas Marginales, Unwichtiges, als sei das kein essentieller Teil der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland."

Alle haben Migrationsbiografien

Der Professor für Geschichte am Londoner Goldsmiths College schildert in seinem aktuellen Buch "Das neue Wir" die Geschichte von Migranten. Er erzählt einzelne Lebensgeschichten von den mehr als zwölf Millionen nach dem Zweiten Weltkrieg aus Osteuropa Vertriebenen, der so genannten DDR-Vertragsarbeiter oder von Geflüchteten im Zuge der Willkommenskultur 2015.

Zugleich legt er eine Analyse vor, dass die Deutschen selbst außergewöhnlich viel gewandert sind: im 19. Jahrhundert vor allem in die USA und ins russische Zarenreich:

"Ich versuche klarzumachen, dass eigentlich so gut wie alle Deutschen mal migriert sind. Und dadurch versuche ich auch deutlich zu machen, dass Migration eigentlich die Grundeinstellung ist, ist das Normalste der Welt. Und eigentlich haben alle Hintergrund als Migranten in ihren Einzel- und Familienbiografien, wenn sie nur ein bisschen zurückgehen."

Wie Maren Möhring vertritt der Historiker den sogenannten postmigrantischen Ansatz. Außer der Herkunft eines Menschen spielen auch das Alter, Geschlecht und der soziale Status eine Rolle bei seiner Verortung in der Gesellschaft. Diese ist abhängig auch vom Einwanderungsstatus und damit einhergehenden Rechtsansprüchen oder Einschränkungen von Rechten – und nicht zuletzt von den Reaktionen der lokalen Bevölkerung. 

Viele wandelbare Identitäten

Wir leben in einer vielfältigen Gesellschaft, betont Jan Plamper – und bezieht sich damit auf Migrationsforscher wie Mark Terkessidis oder Steven Vertovec.

"Ich bin davon überzeugt, mein Buch geht von der Grundannahme aus, dass wir alle unzählig viele Identitäten, leben, praktizieren. Und dass die sich ständig verändern. Also das ist die Vorstellung von Interkultur, Terkessidis, oder Super-Diversity, von Vertovec. Und das liegt bestimmt auf der Linie eines Großteils der Migrationsforschung."

Insbesondere der Blick ins 20. Jahrhundert zeigt, dass es einem ständigen Wandel unterliegt, welche Gruppe eine Gesellschaft als schwer integrierbar betrachtet. Maren Möhring plädiert deshalb dafür, sich über die verschiedenen Arten von Differenzen hinaus mit deren Erzeugung zu beschäftigen.

"Mich interessiert, wie Differenzen in der Geschichte zwischen verschiedenen Gruppe immer wieder hergestellt werden, mal als sozial verstanden werden, mal als kulturell, mal als generationsbedingt. Wie werden Grenzen gezogen zwischen verschiedenen Gruppen in der Geschichte? Wer hat da zu welchem Zeitraum die Deutungsmacht? Wie werden diese Grenzen aber vielleicht auch von den Akteuren und Akteurinnen wiederum befragt, verändert?"

Stereotype aufbrechen

Dass Migranten als Objekte staatlicher Steuerung und Regulierung betrachtet werden, ist vorbei. Die moderne Migrationsforschung betrachtet sie nach dem Konzept des sogenannten Migrationsregimes als Akteure und lotet ihre Handlungsspielräume im Wechselspiel mit staatlichen Eingriffen aus.

Die von Barbara Lemberger befragten Unternehmer bewerten ihren Aufstieg in die Mittelschicht zwar als sehr positiv. Ein Großteil von ihnen habe sich allerdings selbstständig gemacht, um sich von den strukturellen Rassismen der Gesellschaft, wie sie sagt, unabhängig zu machen.

Die 20 Protagonisten wissen um die Fragilität ihrer Position, so die Ethnologin. Sie bewegten sich ständig am Limit – körperlich, weil sie durchschnittlich 14 Stunden täglich arbeiten, und emotional, weil sie Kämpfe um ihr Unternehmen aber auch in ihrer Herkunftsfamilie ausfechten. Barbara Lemberger spricht von einer permanenten Krise:

"Mit der Studie konnte ich dann auch nochmal dieses Stereotyp ein Stück weit unterlaufen, das besagt, türkische, muslimische Unternehmer würden aus ihrer Kultur heraus handeln, Unternehmertum liegt ihnen im Blut. Oder dass Familie ja das Wichtigste sei, es gibt bedingungslosen Zusammenhalt und Vertrauen, und dazwischen passt kein Blatt. Im Gegenteil, die Familie muss immer näher zusammenrücken, weil die Zugänge, sich Kredite von außen zu holen, oft versperrt sind."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk