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StartseiteKulturfragen"Illegale Flüchtlinge aus Afrika sind die modernen Sklaven"01.01.2020

Milo Rau über Kolonialismus heute"Illegale Flüchtlinge aus Afrika sind die modernen Sklaven"

"Die ganze europäische Landwirtschaft in Südeuropa funktioniert eigentlich nur noch dank der schlecht bezahlten Handarbeit von Flüchtlingen," sagte der Regisseur, Intendant und Filmemacher Milo Rau im Dlf. Mit seinem Jesus-Film zettelte er eine "Revolte der Würde" dagegen an.

Milo Rau im Gespräch mit Karin Fischer

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Milo Raus "Die Revolte der Würde" (Kampagne) und "Das Neue Evangelium" (Performance und Film): Milo Rau (stehend im schwarzen T-Shirt) probt mit Jesus (Yavn Sagnet, Mitte mit Flasche) und seinen Aposteln die Filmszene "das letzte Abendmahl" (Fotograf / Copyright: Armin Smailovic)
Kunst und politische Aktion gehen bei Milo Rau immer zusammen: Flüchtlings-Aktivisten in seinem Jesus-Film (Fotograf / Copyright: Armin Smailovic)
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Sein schwarzer Jesus war sogar Titelbild der New York Times. Und das ist nur eines von mehreren spektakulären Ergebnissen der Aktion und des Film-Drehs für "Das neue Evangelium". Geben und Nehmen halten sich in Milo Raus Arbeit nämlich immer die Waage: Seine Schauspieler und Schauspielerinnen im Film sind Aktivisten, gleichzeitig Flüchtlinge und kämpfen für sich und ihre Gruppe, für die sie stehen. Es ging ihnen aber auch um die Botschaft. Beim Jesus-Film, der 2019 rund um die Europäische Kulturhauptstadt Matera gedreht wurde, besetzte die Filmtruppe - wie damals Jesus auch - ein Haus, was dann von der katholischen Kirche unterstützt wurde. Das "Haus der Würde" wird nun zu vielen "Häusern der Würde".

Illegale Flüchtlinge sind die modernen Sklaven Europas

"Um Matera herum gibt es geschätzt 500.000 illegale Flüchtlinge aus Afrika, die in wilden Lagern leben und auf den Orangen- und Tomatenplantagen ausgebeutet werden für 20, 30 Euro am Tag von der Mafia, von den großen Konzernen - was nur möglich wird durch die ganzen Dublin- und Rahmen-Abkommen, die dafür sorgen, dass die Leute dort nicht mehr weg kommen. Im Grunde sind sie moderne Sklaven." Für Milo Rau ist das eine Umkehrung des neoliberalen Systems: "Es werden nicht mehr die Produktionsstätten zur billigen Arbeitskraft gebracht, sondern die billige Arbeitskraft wird zu den Produktionsstätten geholt. Die ganze europäische Landwirtschaft in Südeuropa, in Italien, Spanien, in Griechenland funktioniert eigentlich nur noch dank der schlecht bezahlten Handarbeit von Flüchtlingen." Die Milo Rau den "globalen dritten Stand" nennt. Und er fordert die strikte Einhaltung von Gesetzen - die es ja gibt im Arbeitsrecht - und "größenordnungsmäßig das, was für die Arbeiter in Westeuropa passiert ist, für unsere Vorfahren, die plötzlich eine Gewerkschaft und einen Lohnvertrag hatten: Das muss auch mit Arbeitern, die aus der Migration hervorgehen, geschehen."

Kunst kann Denkmuster verändern - und die Realität

"All diese Fragen: Was ist eigentlich ein Heimatbegriff heute, im Zeitalter der Massenmigration? Wie müssen wir das Bürgerrecht denken? Wie denken wir Menschlichkeit? Das sind alles Dinge, die in so einem Projekt einerseits dargestellt werden - utopisch, von jemand im Jesus-Kostüm, der eine Revolte macht -, aber dann gibt es doch immer einen sehr realistischen Outcome für die Leute, die sich beteiligen. Kunst kann Bilder und Denkmuster verändern, aber auch Realitäten. Zum Beispiel, dass man sich daran gewöhnt, dass Jesus schwarz sein kann."

Milo Rau hat immer interessiert, wie Vergangenheit ins Jetzt übersetzbar wäre, wie globale Herrschaft beschrieben werden kann. Er begann, Formate zu entwickeln, symbolische Institutionen wie Weltparlamente, Tribunale. Hier kommen die betreffenden Menschen selbst auf die Bühne, der kleine Minenarbeiter oder der große Konzernchef. Neben dem Willen zu "beschreiben, was ist", geht es Milo Rau auch um die Herstellung utopischer Räume, die dann wiederum in die Realität hineinreichen - wenn beispielsweise der Minenminister entlassen wird, obwohl das "Kongo-Tribunal", das das forderte, im Endeffekt ein Theater-Tribunal war. "Das sind utopische Räume, in denen Hoffnungen gegen Realitäten einlösbar werden, die nur die Kunst schaffen kann", so Milo Rau.

Jetzt müssen sich die Institutionen von innen heraus verändern

Milo Rau kommt aus der Schweiz, also aus einem Land, das ganz speziell profitiert von den Verhältnissen dieser Welt: "Wir haben Rohstoffquellen in Zentralafrika, dieses Gold wird aber raffiniert in der Schweiz, wo dann sein Wert ums 50-fache nach oben schnellt, wovon die Schweiz profitiert und nicht die Länder, die eigentlich über das Gold verfügen. Das sind natürlich Herrschaftsverhältnisse und Verteilungsverhältnisse aus der Kolonialzeit."

Über seine Rolle als Intendant des NT Gent sagt der Theater- und Filmemacher: "Mir war sofort klar, ich will ein Ensemble schaffen, das nicht aus weißen Männern und weißen Frauen besteht, das deshalb nur Tschechow und Shakespeare spielen kann, sondern ich will ein Ensemble haben, das auch Stücke, Themen aus dem Kongo oder Lateinamerika spielen kann. Das ist für mich der nächste Schritt: Man muss die Institutionen und das Verhalten der Institutionen selber verändern."

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