Mittwoch, 17. August 2022

Missbrauch im kanadischen Eishockey
Nationalsport in der Krise

In Kanada erschüttert ein Missbrauchsskandal das gesamte Sportsystem. Im Mittelpunkt: Der nationale Eishockeyverband, der einem Opfer eine Abfindung in Millionenhöhe zahlte. Der Fall ist in Kanada inzwischen zum Politikum geworden, denn nach mehreren Anhörungen wurde klar: Auch weitere Opfer haben Zahlungen erhalten.

Von Raphael Späth | 30.07.2022

Der Verband Hockey Canada steht im Mittelpunkt des Skandals um sexuellen Missbrauch in der der kanadischen Nachwuchsliga CHL
Der Verband Hockey Canada steht im Mittelpunkt des Skandals um sexuellen Missbrauch in der kanadischen Nachwuchsliga CHL (picture alliance / empics/ Sean Kilpatrick)
Jedes Jahr veranstaltet der kanadische Hockey-Verband eine Gala, auf der die Errungenschaften der kanadischen Hockey-Teams des letzten Jahres gewürdigt werden. Im Juni 2018 findet diese Gala in London, Ontario statt. Einen Tag später meldet sich der Stiefvater einer jungen Frau beim Verband: Seine Tochter sei in der Nacht zuvor von acht Spielern der Jugend-Nationalmannschaft sexuell missbraucht worden. Der Fall selbst kommt erst im Mai diesen Jahres an die Öffentlichkeit.
„Diese Enthüllungen sind für die Öffentlichkeit deshalb so schockierend, weil das nicht einfach zufällige Spieler in der Kanadischen Hockey-Liga waren, sondern Weltklasse-Athleten, die das auch noch bei Veranstaltungen gemacht haben, die im direkten Zusammenhang mit dem Verband stehen“, sagt Sportsoziologin Kristi Allain, die sich intensiv mit sexueller Gewalt im Eishockey beschäftigt. Eishockey in seiner Ursprungsform sollte ein Sport sein, der sich eindeutig vom eher noblen und körperlosen Cricket der britischen Kolonialmächte abgrenzt. In Kanada ist es zu einem Spiel der Körperlichkeit, zu einem gewaltsamen Spiel geworden.
„Die Geschichte des Eishockeys in Kanada ist in Wahrheit eine Geschichte der Gewalt. Gewalt in vielen verschiedenen Formen. Und dazu kommt, dass auch die Ligen wegschauen, wenn es um Gewalt geht, auch sexuelle Gewalt von Männern an anderen Männern innerhalb der Mannschaft. Und dann natürlich auch Angriffe und sexuelle Übergriffe auf Frauen.“

Außerjuristische Einigung mit dem Verband

Nach Angaben von Hockey Canada werden dem Verband selbst jedes Jahr ein bis zwei Missbrauchsfälle gemeldet. Nach der Gala 2018 informiert der Verband die Polizei und beauftragt selbst eine unabhängige Anwaltskanzlei, die dem Fall nachgehen soll. Beide Untersuchungen werden aber nach kurzer Zeit eingestellt – die junge Frau zeigt sich angeblich nicht kooperationsbereit.
Im April dieses Jahres erstattet sie dann plötzlich Anzeige gegen den kanadischen Verband. Im Mai kommt heraus, dass beide Parteien sich außergerichtlich geeinigt haben. Über 3,5 Millionen Euro Schadensersatz fordert die Frau. Im Gegenzug dazu unterschreibt sie eine Geheimhaltungsvereinbarung.
„Wir haben uns für eine außerjuristische Einigung entschieden, weil das im besten Interesse und zum Wohl der jungen Frau war, und wir damit ihre Privatsphäre respektieren konnten“, behauptet Scott Smith, der Präsident und CEO des kanadischen Hockey-Verbandes.
Hockey Canada-Präsident Scott Smith
Hockey Canada-Präsident Scott Smith steht in der Kritik (picture alliance / AP/ Sean Kilpatrick)
Sportsoziologin Kristi Allain hält das für kategorisch falsch: „Die Prioritäten lagen auf dem Wohl dieser jungen Männer, dem Wohl von Hockey Canada, ihren eigenen Interessen. Zu behaupten, dass sie überhaupt irgendein Interesse an dem Wohlergehen dieser Frau hatten, vor allem indem man sie diese Schweigevereinbarung unterschreiben lässt, ist einfach grundlegend unwahr.“

Fall ist zum Politikum geworden

Der Fall ist in Kanada inzwischen zum Politikum geworden. Ein Ausschuss des kanadischen Parlaments hat in den vergangenen Tagen zu mehreren Anhörungen geladen, auch Scott Smith musste sich dabei den Fragen der Abgeordneten stellen.
Der Skandal erschüttert die gesamte Gesellschaft in ihren Grundfesten, erklärt Soziologin Kristi Allain. Denn Eishockey werde als Metapher für die kanadische Identität verwendet: „Und wenn wir wollen, dass Eishockey dafür stehen soll, was es heißt, Kanadier zu sein, dann ist es wahnsinnig verstörend, wenn so etwas Hässliches wie dieser Fall dann die kanadische Identität darstellt. Und ich glaube, das ist der Grund, weshalb viele Menschen sich so sehr mit diesem Fall beschäftigen.“

Mehr zu Gewalt im Sport

Fast neun Millionen Dollar in 21 Fällen

Durch die Anhörungen erfahren sie: Fast neun Millionen Dollar hat der Hockey-Verband in den vergangenen Jahren in 21 Fällen an Betroffene gezahlt. Der Großteil des Geldes stammte aus dem sogenannten National Equity Fund. Ein Fonds, mit dem Hockey Canada eigentlich Fairness und Inklusion im Sport fördern will. Ein Skandal, findet Kristi Allain.
„Für mich ist das einfach unverschämt und verdeutlicht diese Kultur des Schweigens und die Art und Weise, wie sie versucht haben zu verschleiern, was passiert ist. Dieser Fonds wurde für Dinge genutzt, die sie nicht durch die Versicherung regeln wollten. Bezahlt durch das Geld, das der Verband durch Mitgliedsbeiträge von jungen Spielerinnen und Spielern zum Beispiel eingenommen hat. Das sieht für mich so aus, als ob man verhindern wollte, dass die Menschen mitbekommen, was wirklich passiert.“

Zahlreiche Sponsoren haben Zusammenarbeit mit Verband beendet

Das sieht auch die kanadische Regierung so. Sie fördert den Verband jährlich mit Steuergeldern in Millionenhöhe und hat diese Zahlungen bis auf Weiteres eingestellt. Auch zahlreiche Sponsoren haben ihre Kooperationen mit Hockey Canada inzwischen beendet. Im Zuge der Anhörungen des Parlaments kommt ein weiterer Fall an die Öffentlichkeit: 2003 soll eine widerstandsunfähige Frau von mehreren Spielern der kanadischen Nachwuchsmannschaft vergewaltigt worden sein, ein siebenminütiges Video soll als Beweismittel dienen.
„Das Sportsystem befindet sich in einer Krise. Und jede Person in einer Führungsposition muss sich dem annehmen und aktiv werden.“ Sagt die kanadische Sportministerin Pascale St. Onge im kanadischen Fernsehen. Der kanadische Hockey-Verband hatte 2018 nach eigenen Angaben auch die für Sport zuständige Behörde „Sport Canada“ über die Vergewaltigungsvorwürfe informiert – die zuständigen Mitarbeiter hätten den Fall aber nicht weiter verfolgt und auch das Sportministerium nicht benachrichtigt.
Hockey Canada selbst hat Anfang dieser Woche angekündigt, Untersuchungen aufzunehmen. Außerdem legt der Verband in einem Aktionsplan dar, wie er das toxische Verhalten im Eishockey bekämpfen will. Für Soziologin Kristi Allain ist das reine PR.

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„Viele dieser Initiativen dieses „Action Plans“ gibt es schon lange. Es gibt beispielsweise schon Anti-Missbrauchs-Schulungen in den meisten Mannschaften der kanadischen Hockey-Liga. Aber diese Initiativen funktionieren einfach nicht. Und das, weil sie von Trainern und Funktionären einfach nicht ernst genommen werden.“

Verbandspräsident Smith lehnt Rücktritt ab

Allain ist eine von gut 30 Akademiker*innen, die in einem offenen Brief an die kanadische Regierung auch einen Personalwechsel in der Führungsriege des kanadischen Verbandes fordert. Scott Smith, der Präsident von Hockey Canada, lehnt einen Rücktritt bisher aber ab. Für Kristi Allain ist der Fall klar: „Scott Smith hat sogar persönlich die Verantwortung getragen bei den Verhandlungen mit dieser jungen Frau. Er hat hinter verschlossenen Türen Sitzungen abgehalten, damit nichts davon an die Öffentlichkeit kommt. Und jetzt zu sagen: Ich bin die Person, die diese neue Ära des Hockeysports einleiten kann? Er ist definitiv nicht diese Person. Er gehört zur alten Garde und es wird Zeit für einen Neuanfang.“