Dienstag, 16. April 2024

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Frauen protestieren
Immer wieder Missbrauchsfälle im argentinischen Fußball

Der argentinische Fußball scheint auf einer Erfolgswelle zu reiten. Aber an der Basis rumort es: In den letzten Wochen kamen verschiedene Fälle von sexueller Belästigung, Missbrauch und Gewalt ans Licht, die aber nur zu halbseidenen Reaktionen führten. U.a. beim Topclub Boca Juniors. Umso deutlicher sind die Proteste aus dem Frauenfußball.

Von Victor Coco | 05.06.2022
Fußballer Sebastián Villa (M.) wurde schon mehrfach der Gewalt gegen Frauen beschuldigt.
Fußballer Sebastián Villa (M.) wurde schon mehrfach der Gewalt gegen Frauen beschuldigt. (IMAGO / Agencia EFE)
An einem kühlen Montagnachmittag singen und trommeln ein paar Dutzend Frauen am Sitz des argentinischen Fußballverbandes AFA in Buenos Aires. Mit dabei Profispielerin Luciana Bacci: "Wir Frauen fühlen uns schutzlos. Der Verband und die Vereine haben mal wieder bewiesen, dass Frauen hinter verschlossenen Türen missbraucht oder belästigt werden können. Und danach passiert nichts und niemand glaubt ihnen."

Das Fass zum Überlaufen brachte der Fall von Diego Guacci. Vor einem Jahr reichten fünf Argentinierinnen mit Hilfe der Spieler-Vereinigung FIFPro Klage bei der FIFA ein. Ihr ehemaliger Jugendtrainer hatte sie zwischen 2012 und 2015 in Videogesprächen unter anderem aufgefordert, sich ausziehen. In Halbzeitansprachen drohte er bei schlechter Leistung mit Vergewaltigung. Einige der Opfer waren damals vierzehn Jahre alt.

Als Jugendnationalcoach entlassen, bei Klub wieder angestellt

Guacci galt bis dato als talentierter Trainer im Frauenfußball. Als erster Mann in Südamerika bekam er eine FIFA-Lizenz, arbeitete für den Weltverband als Mentor. Als die Vorwürfe bekannt wurden, entließ ihn der argentinische Verband als Jugendnationalcoach, verhinderte aber nicht ein Engagement bei einem Klub, wo er nach ein paar Monaten in der Männerabteilung wieder in die Frauenjugend wechselte.
"Das Alarmierende ist, dass die Opfer abwägen: Was ist der Preis für eine Anzeige? Was muss ich dafür durchmachen, was muss ich aufgeben, damit der Täter bestraft wird?", so Bacci. Die Ethikkommission der FIFA veröffentlichte jetzt einen 40-seitigen Bericht mit unangenehm vielen intimen Details der Anklage. Dazu der Beschluss, dass man den Spielerinnen zwar glaube, es aber keine Beweise für eine Sanktion gäbe.

Guacci: Redeverbot der FIFA

Argentiniens Fußballerinnen waren enttäuscht. Auf eine Interviewanfrage sagte der Angeklagte Guacci dem Deutschlandfunk, dass er freigesprochen wurde, ihm die FIFA darüber hinaus ein Redeverbot erteilt habe.

"Es geht nicht um eine Person. Wenn wir protestieren, dann geht es gegen das System! Diese Missbrauchsfälle sind Teil der großen Ungleichheit, die wir erleben. Die Männer im Fußball genießen viele Privilegien. Deshalb geht es um ein ganzes System", sagt Mónica Santino. Die 56-jährige spielt seit ihrem sechsten Lebensjahr Fußball. Seit über 30 Jahren kämpft sie für die Rechte der Frauen im Fußball und darüber hinaus.

Ermittlungen gegen Sebastián Villa

Sie demonstrierte auch wegen des Skandals um einen der besten Spieler der Liga: Sebastián Villa. Gegen den 26-jährigen Kolumbianer vom Rekordklub Boca Juniors wird ermittelt, weil er seine Ex-Freundin gewürgt und vergewaltigt haben soll.
"Er ist seit zwei Jahren hier und man kann ihm nur dankbar sein. Er ist nie verletzt, jammert nie rum, hat bei keinem Training gefehlt. Vor so einem Profi muss man den Hut ziehen. Was neben dem Platz passiert, ist ein anderes Thema", so die schulterzuckende Reaktion des ehemaligen Superstars von Boca, Juan Román Riquelme im argentinischen Fernsehen.
Santino findet: "Man hätte ihn aus dem Kader nehmen müssen und seitens des Klubs den Fall aufarbeiten sollen. Auch als Signal an andere Spieler."

Villa ist Wiederholungstäter

Villa ist Wiederholungstäter. Vor zwei Jahren zeigte ihn eine Partnerin wegen Schlägen und psychischer Gewalt an. Damals wie heute ist die Beweislage erdrückend. Ärztliche Gutachten, Fotos, Screenshots. Aber Villa selbst schrieb fast höhnisch bei Instagram: "Der Wolf ist immer der Böse, wenn Rotkäppchen die Geschichte erzählt."
Boca stand kurz vor dem Saisonfinale und brauchte den Außenstürmer. Der Verein priorisierte sportlichen Erfolg vor der Aufarbeitung der Gewalttaten. Vizepräsident Riquelme wiegelte ab: "Man versucht bei uns Nervosität zu streuen. Aber das wird nicht gelingen. Das einzige, was ich machen muss, ist es, meinen Verein zu schützen. Sonst nichts."

Toxische Männlichkeit im Fußball

Auch der Fall Villa ist kein Einzelfall. Immer wieder gibt es bei Profis Anschuldigungen zu Gewalt gegen Frauen. Die Feministin Santino sieht eine toxische Männlichkeit im Fußball: "Wie wird Männlichkeit im Fußball entwickelt? Die jungen Fußballer kommen nach Buenos Aires und wohnen in Massen-Pensionen mit extremer Konkurrenz. Dort entwickeln sie diese Eigenschaften wie Kraft, Mut, Tapferkeit. Und auch, dass Männer nicht weinen und unverletzlich sind. Das ist eine Männlichkeit, die ihnen selbst schadet."

Besonders enttäuschend ist für sie, dass Boca Juniors erst kürzlich medienwirksam eine Gleichstellungsbeauftragte berufen hatte. Die allererste Frau in der Vereinsführung in über hundert Jahren stand zunächst kurz vor dem Rücktritt, aus Enttäuschung über die Haltung des Vereins, nahm danach aber selbst auch nur einmal aussageschwach schriftlich Stellung - wie man vermutet aufgrund des vereinsinternen Drucks.

Mónica Santino zieht ein ernüchterndes Fazit: "Der Feminismus hat viel erreicht in den letzten Jahren: Gleichstellungsbeauftragte, Ansprechpartnerinnen bei Gewalt gegen Frauen in den Klubs. Aber sie scheinen isoliert zu werden. Als wären wir Frauen das Problem. Aber wir lieben unsere Vereine, wir wollen lediglich Mitspracherecht!"