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StartseiteForschung aktuellSonne, Mars und Erde im Visier15.01.2020

Missionen der ESA 2020Sonne, Mars und Erde im Visier

Die ESA hat sich viel vorgenommen: Sie will den Sonnenwind untersuchen, einen Rover zum Mars schicken und einen Erdbeobachtungssatelliten starten, um den Anstieg der Meeresspiegel präzise zu vermessen. Für bemannte Missionen baue man auf Partner in Ost und West, sagte Generaldirektor Johann-Dietrich Wörner im Dlf.

Johann-Dietrich Wörner im Gespräch mit Ralf Krauter

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Künstlerische Darstellung des Solar Orbiter im Einsatz  (ESA)
Die Sonde Solar Orbiter soll den Sonnenwind untersuchen (ESA)
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Rund zwei Stunden lang stand die Führung der europäischen Raumfahrtagentur ESA heute vormittag in ihrer Zentrale in Paris Journalisten Rede und Antwort. Es war die traditionelle Pressekonferenz zum Jahresauftakt, bei der ESA-Generaldirektor Johann-Dietrich Wörner und seine Leute Einblicke gaben, welche Missionen ins All 2020 geplant sind. Wir hatten direkt im Anschluss Gelegenheit mit dem deutschen Chef der ESA zu telefonieren. 

Ralf Krauter: Sie haben 2016 mal in einem Interview gesagt: Wir brauchen Raumfahrt-Missionen, die Entdeckergeist demonstrieren und fördern. Was hat die ESA da 2020 in petto?

Johann-Dietrich Wörner: Also ich bin der festen Auffassung, dass unsere Gesellschaft im Ganzen gesehen Inspiration braucht, Faszination braucht, weil das motiviert Menschen, auch in ganz verschiedenen Bereichen aktiv zu werden. Und deshalb ist für mich Exploration und Wissenschaft so ein entscheidender Punkt, um Menschen zu begeistern. Und wir haben dieses Jahr die Mission zum Mars, die heißt ExoMars 2020, wir wollen auf dem Mars nach Leben suchen, ob da mal Leben war oder ob da sogar noch Leben da ist. Es gibt Wasser auf dem Mars, der Mars hatte in der Vergangenheit eine deutlich angenehmere Umwelt, als er das heute hat, deshalb fliegen wir hin. Auf der Oberfläche erwarten wir nichts, aber wir bohren in den Mars hinein, etwa zwei Meter tief, und gucken dort nach Leben.

"Gibt es eine Anti-Sonne, die aus Anti-Wasserstoff Anti-Helium brennt?"

Wir haben aber auch natürlich dieses Jahr immer noch im Moment den Flug von Luca Parmitano, der auf der Internationalen Raumstation das Alpha Magnetic Spectrometer AMS repariert hat, was ja für die Wissenschaft außerordentlich spannend ist. Ich weiß, das sind Details, aber ich finde es trotzdem faszinierend. Man geht ja davon aus, dass beim Urknall Wasserstoff entstanden ist, und dass Antimaterie und Materie im gleichen Verhältnis entstanden sind. Nun sehen wir um uns drum herum eigentlich nur Materie. Und wann immer Antimaterie und Materie sich treffen, bilden sie sich sofort wieder zu Energie aus. Also wo ist die Antimaterie? Gibt es überhaupt Antimaterie im All? Dafür dient unter anderem dieses Alpha Magnetic Spectrometer. Und das Faszinierende ist, dass man jetzt nicht nur Wasserstoff-Antimaterie gefunden hat und Elektronen-Antimaterie, also Positronen, sondern auch Anti-Helium. Und woher kommt Anti-Helium? Gibt es eine Anti-Sonne, die aus Anti-Wasserstoff, Anti-Helium brennt? Also ganz neue, faszinierende Fragen.

Mission Solar Orbiter soll helfen, den Sonnenwind besser zu verstehen

Krauter: Kommen wir auf ein paar weitere Missionen, die die ESA für 2020 geplant hat, zu sprechen. Am 5., 6. Februar soll die Mission Solar Orbiter starten, in Kooperation mit der NASA - eine Sonnensonde, die den Sonnenwind genau untersuchen soll. Welche neuen Einsichten verspricht man sich da?

Wörner: Also Sonnenwind ist eine Aktivität, die die Sonne hat. Die Sonne schießt dauernd Masseteilchen von sich weg, auch starke Strahlung, und diese Strahlung kann die Erde erreichen. Wenn sie uns einfach nur mal so erreicht, dann freuen wir uns alle drüber, über die Nordlichter, die Aurora - das ist die schöne Wirkung dieser Sonnenaktivität. Aber wir können eben auch Solarstürme haben, wo Strahlung und Partikel die Erde so heftig treffen, dass wir unser elektrisches System dadurch beeinträchtigt sehen. Das ist passiert in der Vergangenheit, ganz berühmt 1859 der sogenannte Carrington-Effekt: Der hat die USA getroffen und hat dort die Telegrafensysteme lahmgelegt.

Es ist nochmal während des Vietnamkriegs passiert, da sind sogar Minen explodiert aufgrund der starken Sonnenwindaktivitäten. Und 1989 in Kanada sind sogar Transformatoren in einem Kraftwerk  beschädigt worden. Also es ist eine echte Bedrohung. Wir können die Sonne nicht abstellen, aber wir wollen mehr verstehen: Wie funktioniert dieser Sonnenwind? Wie entsteht er? Wie können wir ihn besser vorhersagen?

Das Ziel: Ein Frühwarnsystem für die Erde

Ein Teil dieser Aktivität ist Solar Orbiter, ein zweiter Teil ist die Mission Lagrange, bei der wir über einen längeren Zeitraum eine Sonde ins All schicken wollen, um Sonnenwindentstehung zu verfolgen und dann ein Frühwarnsystem zu haben für die Erde.

Krauter: Im November ist aktuell geplant, dass im Rahmen des Copernicus-Programms von EU und ESA der 1,5 Tonnen schwere Erdbeobachtungssatellit Sentinel-6A starten soll. Was genau ist dessen Aufgabe?

Wörner: Also Sentinel heißt Wächter, also es ist der sechste Wächter. Das A steht dafür, wir bauen aus diesen Sentinels immer mehrere, A, B, C, D, denn dadurch, dass man mehrere hat, hat man dann eine schnellere Wiederholzeit und kriegt bessere Informationen. Und Sentinel-6A soll insbesondere die Meere beobachten, also Meereshöhe et cetera. Deshalb ist er Teil der Klimabeobachtung, die wir brauchen, um besser zu verstehen: Welche Effekte hat der Klimawandel? Und dann natürlich auch zu entscheiden: Was sind die besten Maßnahmen gegen einen Klimawandel?

Um Astronauten ins All zu bringen, brauchen die Europäer weiter Hilfe

Krauter: Schauen wir noch kurz auf die bemannte Raumfahrt. Eigene Kapazitäten, um Astronauten ins All zu befördern, hat die ESA ja bislang nicht. Sie haben jetzt eben bei der Pressekonferenz in Paris gesagt: Das wird bis auf Weiteres auch so bleiben, hat aber auch Vorteile, weil es uns zwingt, mit anderen Partnern zu kooperieren, die diese Fähigkeiten haben. Könnten da neben Amerikanern und Russen künftig auch die Chinesen interessanter werden?

Wörner: Also wir schauen bei der astronautischen Raumfahrt nach Ost und West gleichermaßen. Unser Premiumpartner ist die NASA, das ist ganz klar, schon über viele, viele Jahre hinweg. Schon im Space Shuttle hatten wir ja auch europäische Astronauten. Also die NASA ist unser erster Partner, und auch zur Internationalen Raumstation fliegen wir letztlich auf NASA-Sitzen. Aber ich will das noch mal hervorheben: Auf der Internationalen Raumstation waren wir jetzt auch angewiesen auf russische Transporter. Und ich glaube, das ist gerade bei den wechselnden politischen Verhältnissen auf der Erde durchaus auch mal hilfreich, wenn man mal was machen muss. Insofern denke ich, diese geopolitische Wirkung ist schon da.

Die Europäer haben keine eigenen Kapazitäten, Astronauten von der Erde ins All zu befördern. Das heißt aber nicht, dass wir nicht die technologischen Aspekte beherrschen. Denn die Amerikaner werden in Zukunft bei dem Orion-System, was ja auch zum Mond fliegen soll, ein Servicemodul haben – das ist das, was bei Apollo 13 kaputtgegangen ist. Dieses Servicemodul kommt aus Europa, genauer gesagt: Es wird im Wesentlichen in Deutschland hergestellt. Also wir sind auch in der astronautischen Raumfahrt auf dem kritischen Pfad, und ich denke, das zeigt sich nun.

"Es wäre zu früh zu sagen, dass wir eine Mission mit China anstreben."

Aber Sie haben nach China gefragt: Wir arbeiten auch mit China zusammen, aber wir haben bisher keinerlei vertragliche Festlegungen. Einige von unseren Astronauten haben wir gebeten, chinesisch zu lernen. Die haben auch schon Trainings zusammen gemacht mit chinesischen Astronauten. Aber es wäre vollkommen zu früh, zu sagen, dass wir jetzt einen gemeinsamen Flug anstreben.

Krauter: Sie haben vorhin schon die Mission ExoMars angesprochen, die im August 2020 abheben soll - also der zweite Teil davon, genauer gesagt. Eine Spurengas-Messsonde umkreist ja schon seit 2016 den Mars. Jetzt soll ein Rover und eine Messplattform auf der Oberfläche abgesetzt werden. Das ist eine Flaggschiff-Mission für die ESA, geplante Ankunft März 2021. Gesetzt den Fall, alles läuft nach Plan: Wäre das für Sie dann vielleicht auch ein Grund, Ihr Mandat als ESA-Generaldirektor, das eigentlich 2021 ausläuft, zu verlängern?

Wörner: Also erst mal ist klar zu sagen: ExoMars 2020 ist eine fantastische Mission, nicht nur für Europa, sondern global, für die Wissenschaft.

ExoMars 2020 - eine wegweisende Mission für die Wissenschaft

Und wir wollen tatsächlich gucken, ob es so etwas wie Leben auf dem Mars gab oder gibt. Das hat alles überhaupt nichts zu tun mit meinem Mandat. Ich habe ja 2015 angefangen, mein Mandat läuft derzeit bis Mitte 2021. Und die Mitgliedsländer haben die Entscheidung zu treffen, wann und wie sie mich durch einen Nachfolger ablösen wollen.

Krauter: Ich habe die Frage auch deshalb gestellt, weil es im Vorfeld der Verlängerung Ihrer Amtszeit um zwei Jahre im letzten Jahr Querelen gab. Weil unter anderem auch Frankreich gerne selbst den ESA-Generaldirektor wieder stellen würde. Spüren Sie denn den Rückhalt, den Sie brauchen, um diese Position jetzt die nächsten Jahre auch auszufüllen?

Wörner: Ich bin begeistert, dass verschiedene Länder die Position des ESA-Generaldirektors für sehr interessant finden. Das meine ich überhaupt nicht zynisch, das meine ich sehr, sehr ernst. Das spricht ja für die ESA, wenn man unbedingt selber gerne da an der Spitze sein will.

"Der ESA-Generaldirektor sollte europäische Interessen verfolgen"

Mein eigenes Verständnis des ESA-Generaldirektors ist aber, dass der nicht ein nationales Interesse verfolgen sollte, sondern ein europäisches Interesse. Und deshalb spielt für mich die Nationalität nicht so diese dominante Rolle, die da in der Öffentlichkeit immer diskutiert wird. Ich glaube, es ist wichtig, dass dort jemand ist, der das erstens unbedingt gerne machen will. Es sollte jemand sein, der begeistert ist davon. Noch besser ist, wenn er auch Ahnung davon hat. Das ist natürlich ein Schwachpunkt bei mir, weil ich ja Bauingenieur bin. Aber ich glaube, das ist der Punkt.

Und diese Querelen, die Sie ansprachen, die 2018 waren um die Verlängerung: Die haben mich verletzt. Weil natürlich die Frage für mich im Raum stand: Habe ich Mist gebaut, bin ich nicht gut genug, ist es ein politisches Spielchen? Ich bin mir da bis heute nicht so ganz sicher, was da der ausschlaggebende Punkt war. Und ich will eigentlich auch diesen Punkt gar nicht, weder mit mir noch mit anderen, diskutieren. Ich nehme einfach zur Kenntnis: Ich habe eine Verlängerung bekommen – und ich gebe alle meine Kraft für die ESA.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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