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StartseiteTag für TagSchätze hinter dicken Mauern21.01.2020

Missionssammlung in Sankt AugustinSchätze hinter dicken Mauern

In Sankt Augustin gibt es ein Museum der Steyler Missionare, das nur einmal im Monat öffnet. Es fehlt an Geld. Weder das Erzbistum Köln noch die Stadt wollen sich der Sache annehmen. Dabei schlummern hinter verschlossenen Türen Kunstschätze und überraschende Christus-Darstellungen.

Von Monika Dittrich

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Das Haus Völker und Kulturen in Sankt Augustin (Deutschlandradio / Monika Dittrich)
Das "Haus Völker und Kulturen" ist ein Hort seltener Schätze - und nur selten geöffnet (Deutschlandradio / Monika Dittrich)
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Wenn Georg Skrabania durch sein Museum führt, dann überschlägt sich seine Stimme: "Weil ich das liebe!"

Zu jedem Bild und jeder Skulptur in diesem Haus kann er eine Geschichte erzählen. Schon hunderte und tausende Male hat er das getan. Doch nichts an ihm wirkt routiniert.

"Das ist meine Mission hier in Deutschland", sagt Skrabania. Der gebürtige Pole ist seit 1979 Steyler Missionar, hat mehrere Jahre auf den Philippinen verbracht. Jetzt ist er Professor für Kirchengeschichte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Augustin.

Museum ohne Publikum

Und quasi im Nebenberuf leitet er das "Haus Völker und Kulturen", ein ethnologisches Museum der Steyler Missionare in Sankt Augustin: "Ich arbeite hier gern, ich habe das einfach im Blut. Nicht nur Unterricht zu geben und zu dozieren, sondern auch Zeugnis abzulegen für diese große katholische Kirche. Das ist wichtig für mich, wie reich die katholische Kirche ist!"

Die Kirche ist reich an Kulturschätzen – und hat doch kein Geld für dieses Haus. Die Ordensleitung der Steyler Missionare kann sich den regulären Museumsbetrieb schon lange nicht mehr leisten. Obendrein gibt es Probleme mit dem Brandschutz. Das Haus müsste saniert werden.

Seit 2005 ist das Museum de facto geschlossen – mal abgesehen vom ersten Sonntag im Monat, an dem Georg Skrabania die Türen für ein paar Stunden öffnet und Führungen anbietet. Es kommen dann zehn oder zwanzig Leute, manchmal auch vierzig oder fünfzig. Den Einträgen im Gästebuch kann man entnehmen, dass Skrabanias Führungen mitreißend sind. So, wie jetzt auch: Im grauen Kapuzenpulli steht der Ordensmann vor Vitrinen und Schautafeln, die Lesebrille baumelt an einem Band vor seiner Brust, er streicht über Schnitzereien und nimmt kleinere Objekte in die Hand.

Jesus mit Brüsten

"Schauen Sie hier, das Kreuz, das ist aus dem Kongo, 17. oder 18. Jahrhundert, aus Messing." Skrabania zeigt ein Objekt, von dem vor allem Frauen begeistert seien: "Jesus ist hier gezeigt als Frau, mit Brust und Haaren. Und eben dieses weibliche und männliche Element im Gott. Jesus ist auch eine Frau. Denn die Frau gibt neues Leben, ja? Gott ist equal. Eine schöne Darstellung. Ist das nicht eine Bereicherung für uns?"

Im Haus Völker und Kulturen ausgestellte afrikanische Kruzifixe - im Zentrum eines mit weiblichem Christus (Deutschlandradio / Monika Dittrich)Überraschende Exponate: Jesus mit Brüsten (Deutschlandradio / Monika Dittrich)

Eine rhetorische Frage, die man aus Sicht von Georg Skrabania nur mit "Ja" beantworten kann. Mehrere tausend Werke umfasst die Sammlung in Sankt Augustin, sakrale Objekte indigener Völker, aber auch christliche Darstellungen. Zum Beispiel chinesisch-christliche Malereien aus den 1940er-Jahren. Außerdem Ahnenkult-Gegenstände aus Papua-Neuguinea, Schnitzereien der Yoruba aus Nigeria, Buddhafiguren aus China.

Der Museumschef zeigt jetzt Krippenfiguren aus Peru - mit auffällig langen Hälsen. Und er erklärt, was das zu bedeuten hat. "Würde! Du, Mensch, musst Dich nicht schämen, dass Du ein Mensch bist. Du musst gehen gehobenen Hauptes, weil Du ein Christ bist."

Missionstradition der katholischen Kirche

Dass all diese Werke der Öffentlichkeit kaum gezeigt werden können - für Skrabania ist das eine Schande. Was er wohl auch meint: Die katholische Kirche in Deutschland steht nicht zu ihrer Missions-Tradition. "Das ist ein Teil der deutschen Kirchengeschichte. Das waren Missionare, die hier ausgebildet wurden, das waren Deutsche. Sie gehörten zur deutschen Kirche."

Die Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare wurde 1875 vom deutschen Priester Arnold Janssen gegründet, im niederländischen Steyl. Er nannte sie "Gesellschaft des Göttlichen Wortes" und erklärte die Mission zur Hauptaufgabe der Priester und Brüder - sie sollten hinausgehen in die Welt und das Christentum verbreiten. Bekannt wurden sie nach dem Gründungsort ihres Ordens als "Steyler Missionare". Auch heute noch sind sie in aller Welt im Einsatz.

Krippenfiguren aus Peru im Haus Völker und Kulturen - sie alle weisen auffällig lange Hälse auf (Deutschlandradio / Monika Dittrich)Langhalsige Krippenfiguren: Weihnachten jenseits deutscher Grenzen (Deutschlandradio / Monika Dittrich)

In Sankt Augustin bei Bonn hat die Ordensgemeinschaft ein wichtiges Zentrum, ein Missionspriesterseminar mit der Philosophisch-Theologischen Hochschule und eben dem ethnologischen Museum. Missionare hatten die Objekte in den 1960er-Jahren gesammelt. Es handele sich nicht um Kolonialraub, betont Georg Skrabania. Alle Objekte seien rechtmäßig gekauft worden und zwar überwiegend erst nach dem Ende der Kolonialzeit - um sie hierzulande zu zeigen und den Einfluss der außereuropäischen Völker auf das Christentum darzustellen.

"Es zeigt eine große Perspektive, wo die deutsche Kirche tätig war und offen war für die Kultur. Das ist ein Zeugnis, dass das Christentum die Kulturen nicht zerstört hat, sondern erforscht hat."

"Ich glaube, den Wert solcher Sammlungen kann man nicht in Geld oder in Zahlen bemessen", sagt Patrick Krüger. Er ist Religionswissenschaftler und Kunsthistoriker am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien der Ruhr-Universität Bochum, kurz CERES. Er beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Bedeutung von Missionssammlungen.

"Das ist ein wesentlicher Bestandteil des kulturellen Erbes, natürlich zuallererst der Völker und Volksgruppen, die diese Objekte hergestellt haben. Aber sie wurden dadurch, dass sie in missionskundlichen oder ethnologischen Sammlungen zusammengefasst wurden, natürlich auch gewissermaßen zu einem Bestandteil unserer eigenen Kultur, ohne dass das eine Aneignung in irgendeiner Form jetzt beinhalten soll."

Wenig Forschung über Missionssammlungen

Die politische Debatte um Kolonialismus und den Umgang mit kolonialem Sammlungsgut, aber auch der heute veränderte Blick auf Missionstätigkeit: Auch das sind vermutlich Gründe, warum Kirchen und Orden ihre ethnologischen Sammlungen eher verschlossen halten. Der Religionswissenschaftler Patrick Krüger schätzt jedenfalls, dass in kirchlichen Depots und Archiven noch viele weitere völkerkundliche Schätze schlummern.

Martin Radermacher (links) und Patrick Krüger (rechts) von der Ruhr-Universität-Bochum im Haus Völker und Kulturen in Sankt Augustin (Deutschlandradio / Monika Dittrich)Martin Radermacher (l.) und Patrick Krüger (r.) widmen sich der Erforschung von Missionssammlungen (Deutschlandradio / Monika Dittrich)

Insgesamt seien Missionssammlungen bislang viel zu wenig erforscht. Das will er gemeinsam mit seinem CERES-Kollegen, dem Religionswissenschaftler Martin Radermacher ändern:

"Allein die Frage danach, welche Objekte werden gekauft und gesammelt, und wie werden sie dann hier gezeigt. Das transportiert ein bestimmtes Bild von den indigenen Religionen und Kulturen. Und bei dem, was wir jetzt an Vorarbeit und Forschung schon geleistet haben, kann man sehen, dass die außereuropäischen Religionen durch die Brille der christlichen Theologie gesehen und entsprechend gezeigt wurden, dass man also Dinge ausstellt, die anschlussfähig sind an christliche Vorstellungen."

Das Erzbistum Köln fühlt sich nicht zuständig

Die beiden Religionswissenschaftler vom CERES in Bochum planen für das kommende Jahr auch eine große Ausstellungsreihe über Missionssammlungen. Martin Radermacher:

"Also das zentrale Erkenntnisinteresse ist, die materielle Dimension des Kultur- und Religionskontaktes besser zu verstehen. Welche Rolle spielen Bilder, aber auch Artefakte und Objekte. Also die Objekte selber sind Gegenstand eines Religions- und Kulturkontaktes. Sie werden getauscht, gekauft, gesammelt, gezeigt, aber sie sind auch Agenten oder Akteure, weil sie ja selber etwas dazu beitragen, wie dieser Religions- und Kulturkontakt stattfindet."

In der geplanten Ausstellungsreihe soll auch die Sammlung aus Sankt Augustin eine Rolle spielen. Museumsleiter Georg Skrabania dürfte das freuen. Und doch ist ihm die Enttäuschung, dass sich keine Geldgeber für sein Museum finden lassen, anzumerken. Der Orden ist schon länger in finanziellen Nöten – auch die renommierte Hochschule in Sankt Augustin stand bereits vor dem Aus. Dafür hat erst kürzlich das Erzbistum Köln die Trägerschaft übernommen.

Georg Skrabania in seinem Museum (Deutschlandradio / Monika Dittrich)Georg Skrabania leitet das Haus Völker und Kulturen (Deutschlandradio / Monika Dittrich)

Doch an der ethnologischen Sammlung gibt es beim wohlhabenden Erzbistum offenbar kein Interesse. Auf Anfrage des Deutschlandfunks hieß es, das Haus Völker und Kulturen gehöre in die Trägerschaft der Steyler Missionare. Deshalb könne eine Stellungnahme zur Zukunft dieser Einrichtung auch nur von den Steylern selbst abgegeben werden. Georg Skrabania:

"Ich sage hier ganz politisch korrekt und mit Diplomatie, was die deutsche Kirche meint. Nur europäische Kultur? Nur europäische Frömmigkeit? Ist sie offen für andere? Ich muss aufpassen, was ich sage."

Eine Sprecherin der Stadt Sankt Augustin erklärte, das Museum sei eine Bereicherung, doch sei die Stadt finanziell nicht in der Lage, Zuschüsse zum Betrieb des Hauses zu geben.

Ungewisse Zukunft

Georg Skrabania versucht derweil, in seinem Museum so viel Normalität wie möglich aufrecht zu erhalten. Er macht Ausstellungen, zu Weihnachten etwa über Krippen aus aller Welt und zu Ostern über Darstellungen von Kreuz und Auferstehung.

Doch über die langfristige Zukunft seines Hauses will er lieber gar nicht nachdenken: "Schauen Sie, auf manche Fragen kriegen wir keine Antwort. Und warum sollen wir uns fragen, wenn wir keine Antwort kriegen. Ich bin kein Prophet oder Visionär. Ich habe diese Gabe nicht."

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