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StartseiteSonntagsspaziergangAuf den Spuren von Marion Gräfin Dönhoff12.11.2017

Mit dem Pferd durch MasurenAuf den Spuren von Marion Gräfin Dönhoff

Im Buch "Ritt durch Masuren" beschreibt die spätere "Zeit"-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff einen fünftägigen Ritt durch ihre Heimat, den sie im Herbst 1941 unternommen hat. Fast 76 Jahre später hat sich viel verändert in Masuren. Geblieben ist die stille Landschaft mit ihren Seen inmitten riesiger Wälder.

Von Anja Nehls

Landschaft in Masuren, (imago/Sommer)
Masuren: eine Landschaft, die weit, einsam, still und wunderschön ist (imago/Sommer)
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Pferde, Wagen und Salon

Immer an der Grenze lang

"Es ist unsagbar schön, auf diesem sandigen Boden zu traben, das Laub raschelt unter den Hufen - Buche und Eiche wechseln, dazwischen steht dann und wann eine Linde oder der rote Schaft einer Kiefer."

Schreibt Marion Gräfin Dönhoff in ihrem Tagebuch "Ritt durch Masuren" 1941. Unsagbar schön ist es auch noch über 75 Jahre später. Meine Stute Draka trabt fleißig in der Mitte der Gruppe, ich probiere, mich in ihre Bewegungen hineinzufühlen und die Weite auf mich wirken zu lassen, der Horizont scheint grenzenlos. Mit unserem polnischen Rittführer Tadeusz versuchen wir, die Strecke, die Marion Dönhoff und ihre Cousine Sissi Lehndorff damals absolviert haben, noch einmal nachzureiten.

Zum Beispiel gerade hier: Der breite Sandweg, den wir jetzt in flottem Trab kreuzen, heißt Tatarenstraße: "Tatarenstraße, das steht im Buch Marion Dönhoff, Tatarenstraße, weil Tataren waren hier, was diesen Weg geritten von Süd nach Nord und wir waren von West nach Ost geritten, weil Marion von andere Seite gekommen." 

Denn so einfach ist das nicht, den genauen Weg von damals zu finden. Aus Waldwegen sind Asphaltstraßen geworden, aus Brachflächen wieder Wälder und aus Wäldern Wohngebiete. Ich frage Tadeusz nach den verwunschenen Forsthäusern, in denen Marion und Sissi damals übernachtet hatten: "Da ist schon alles kaputt, alles weg, da ist nichts, nichts mehr. Die Spuren nur Wege, paar Wege, kann man sagen vielleicht hier geritten, 90, 99 Prozent, aber wer weiß, wo war die echte, keiner!"

Wir suchen nach den Orten, die Marion beschreibt

Also geht es jetzt darum, das Gefühl, das Marion in ihrem Tagebuch beschreibt, nachzuerleben: Das Glück angesichts einer Landschaft, die immer noch weit und einsam und still und wunderschön ist. Tadeusz führt unsere zehnköpfige Gruppe an: Ein kleiner drahtiger Mann mit einem verschmitzten Lächeln und einem großen Hut, an dem auch der heftigste Regenschauer einfach so abtropft. Ein echter Ostpreuße. Für mich bedeutet der Ritt das Neuentdecken einer unbekannten Gegend - für Marion und Sissi war es damals ein Abschiedsritt. Fünf Tage waren die beiden 1941 unterwegs, begleitet von der Ahnung, dass ihre Heimat für immer verloren gehen könnte, denn der Krieg tobte bereits an allen Fronten.

Die Journalistin und Buchautorin Marion Gräfin Dönhoff, Mitherausgeberin der Wochenzeitung "Die Zeit", aufgenommen auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 1981. (picture-alliance/ dpa)Marion Gräfin Dönhoff wurde später Journalistin, Buchautorin und Mitherausgeberin der Wochenzeitung "Die Zeit" (picture-alliance/ dpa)
Zitat: "Es ist so ein beseligendes Gefühl, so durch die herbstliche Landschaft zu reiten, ganz leicht und beschwingt fühlt man sich, fern von aller heimatlichen Begrenzung und den Sorgen des Alltags. Ich muss an die letzte Konfirmation in Quittainen denken. Da standen acht Mädchen in weißen Kleidern und sechs Junge im ersten blauen Anzug. Ich sah sie nur durch einen Schleier, denn mir wurde plötzlich klar, dass keiner dieser Jungen, wie doch alle ihre Väter, noch einmal vor diesem Altar stehen würde und dass es das Los der meisten kleinen Mädchen sein werde, allein zu bleiben." 

Die Ahnung wurde Wahrheit. Von Allenstein, nahe dem Dönhoffschen Gut Quittainen bis nach Steinort, dem Schloss der Familie Lehndorff, ritten Marion und ihre Cousine Sissi über 300 km durch die Weite und Stille Ostpreußens - noch dreieinhalb Jahre vor Marion Dönhoffs Flucht vor der anrückenden russischen Armee nach Westen. Seit dem Kriegsende gehört Masuren zu Polen. Ich habe keine ostpreußischen Vorfahren, Wehmut ist mir deshalb fremd, aber ich staune über Tadeusz pragmatischen Umgang mit der Vergangenheit:

"Wenn Deutsche sagen deutsche Name, wir sagen manchmal das, manchmal das. Wenn ich bin mit Polen ich sage Olsztyn, wenn ich bin mit Deutsche sage Allenstein. Das ist ganz, ganz Normales, einfach wir Geld verdienen, unsere Kunden, kein Thema, das spielt keine Rolle." 

Wir suchen also anhand der alten deutschen Namen nach den Orten, die Marion in ihrem Tagebuch beschreibt. Wir finden den Üstritz See, den Paterschoben See, den Lansker See, den Niedersee.  

Zitat: "Gegen Mittag kommen wir bei Kurwien an den Niedersee und wenden uns nunmehr nordwärts, dem eigentlichen Seengebiet zu. Zunächst über Kreuzofen und Rudzanny. Die Orte machen den Eindruck typischer Fischerdörfer und haben viel Ähnlichkeit mit der Nehrung."

Auf einer Halbinsel am Ufer des Niedersees machen wir Pause

In manchen der kleinen Dörfer scheint seitdem die Zeit stehen geblieben zu sein. Wir reiten auf einer buckligen Kopfsteinpflasterstraße mit Löchern vorbei an winzigen, alten dunkelbraunen Holzhäuschen mit weißen Fensterrahmen und Schnitzereien am Giebel. In einem der Vorgärten steht eine Kuh, auf dem Feld schnauft ein altersschwacher Traktor. Die riesigen Holzerntemaschinen, denen wir im Wald begegnen sind, allerdings modern, und herbstliche Kartoffelfeuer, wie bei Marion und Sissi beschrieben, gibt es hier nicht mehr.

Auf einer Halbinsel am Ufer des Niedersees machen wir Pause, die Pferde werden abgesattelt und können grasen und Tadeuzs zeigt auf einen Hügel am Seeufer: "War dritte Tag Ausritt Marion mit Sissi. Hier gekommen diese Insel, und Marion war oben mit Sissi. Schnitzel gegessen, Fuchs von Marion war schon unruhig, deshalb Marion hat gesagt, wir satteln und starten dann müssen wir nicht gleich Pferde suchen." 

Unsere Pferde kommen nach der Rast mit Hilfe einer kleinen Mohrrübe sofort. Trittsichere, ausdauernde Maopolska- Pferde. Meine kleine Schimmelstute Draka ist schon 25 Jahre alt. 

"Maopolska Rasse, polnische Anglo-Araber. Sind sehr robuste Rasse, sehr schöne, die beste Rasse." 

Vier, sechs, und manchmal zehn Stunden am Tag sind wir unterwegs. Für die Pferde ist das kein Problem - für mein Hinterteil schon eher. Der Sattel ist hart, ein Lammfell auf der Sitzfläche hilft nur ein bisschen: "Sättel, ich habe Militärsättel, deutsche Modell von 1936, sind natürlich nicht alt, aber sind diese Modell und sind sehr, sehr robust und die Pferde macht keine Satteldruck." 

Wir reiten 40 bis 50 km am Tag, an einem Tag sogar 80 km, jedenfalls so ungefähr: "Ja 80 masurische Kilometer, ja masurische, da muss man rechnen acht bis zehn Stunden effektiv reiten, muss man Gas geben, wirklich."

Also geben wir Gas. Draka galoppiert kilometerweit über Wiesen, am Rand von Schotterstraßen oder auf Sandwegen. Ein Hund folgt uns einen halben Tag. Anstrengend? Tadeusz grinst. Marion und Sissi hätten für die Strecke sogar einen Tag weniger gebraucht. Irgendwann würde sich jeder Hintern an das stundenlange Reiten gewöhnen: 

"Ab vierte Tag, ist immer drei Tage Muskelkater und vierte Tag schon gut, ja. Mein Arzt hat gesagt, wenn Muskelkater, dann Biertrinken und reiten. Drei Tage alles erledigt und funktioniert, ja." 

Die Landschaft zieht vorbei

Es funktioniert tatsächlich. Reiten, abends auch Bier trinken, morgens weiter reiten, Pause machen, wieder reiten. Entspannung. Die Landschaft zieht vorbei, es gibt nur Draka und mich, keine Probleme und keinen Plan, um den ich mich kümmern müsste - oder wollte. Genügsamkeit. Das Gehirn schaltet drei Stufen herunter. Entschleunigung. Land ohne Eile hat ein Schriftsteller Masuren mal genannt. Und Marion Dönhoff schreibt vor mehr als 75 Jahren, dass gerade das, was ich jetzt an mir beobachte, so typisch sei für die Menschen in diesem Landstrich:

"Weil die Leute so ganz ohne Bedürfnisse und ohne Ehrgeiz sind. Es ist angeblich schwierig, sie zur Arbeit zu bringen, weil ihnen der Antrieb des Verdienenwollens fehlt. Sie tun offenbar im Allgemeinen nur so viel, wie nötig ist, um gerade eben den Lebensunterhalt zusammenzubringen. (..) ein wie ich finde, höchst sympathischer Zug. Merkwürdig: Der, dem es gut geht, möchte es immer noch besser haben - genügsam ist nur der, der weiß, wie schwer es ist, sein Auskommen zu finden."

Ich lese Tadeusz die Stelle vor. Tadeusz, der sich mit 40 Jahren selbst das Reiten beigebracht hat und jetzt 16 Pferde besitzt, ein kleines Unternehmen führt und viele Male im Jahr die Verantwortung für Gäste aus halb Europa trägt. Dennoch muss er schmunzeln und schüttelt den Kopf, als ich ihn frage, ob sich die Mentalität seiner Landsleute inzwischen geändert habe: 

"Ich glaube bleiben wie sie ist diese Mentalität ja, mein Gefühl einfach … Ich immer sage auch, zwei, drei Schnitzel ich kann essen, wozu muss ich vier fünf, sechs verdienen, ja, das Geld reicht zum Leben." 

Kein Elch lässt sich blicken

Sein Leben sind seine Pferde, sein Ostpreußen, das er kennt wie seine Westentasche, die Jagd und die Natur. Natürlich sind wir ohne Karte und Kompass unterwegs. Tadeusz biegt von einem breiten Sandweg auf einen schmalen nassen zugewachsenen Pfad ab, er hat einen Abdruck im Schlamm gesehen, vielleicht ein Elch, rechts von uns beginnt das Moor.  

"Jetzt Elche sind im Sumpf, weil jetzt Elche wollen saftige Gras in Sumpf, wir lachen weil Elch hat weiße Beine weil ganzen Sommer steht im Wasser. Wenn wir natürlich galoppieren, da normal für Grasfresser erst weglaufen und dann stehen, schauen. Aber normal stehen und wenn wir ganz ruhig und nicht sprechen, dann kann man Bilder machen und Elche bleiben." 

Wir sind still und reiten langsam, aber kein Elch lässt sich blicken. Dafür nach regnerischen Tagen endlich die Sonne, die sich durch das Blätterdach kämpft und den Beldahn See, der hinter dem Sumpf auftaucht, hellblau beleuchtet.  

Zitat: "Wir reiten langsam im halbverkühlten Sonnenschein des Nachmittags gen Norden, vielfach ohne Weg, entweder unmittelbar am Wasser oder durch den hohen Bestand, der bis an das oft steil abfallende Ufer heranreicht. Die Sonne färbt die Kiefernstämme glühend rot und lässt das Buchenlaub in allen Schattierungen von leuchtendem Gold bis zum tiefen Kupferton erstrahlen. Unten liegt der See, eingefasst von einem Saum lichtgelben Schilfs. Herr Gott, wie schön diese Welt ist - sein könnte…"

Und wie recht Marion Dönhoff damit hat - auch noch 76 Jahre später. Ich muss fast ein bisschen schlucken. Draka will allerdings davon nichts wissen. Zum Abschied klopfe ich ihr den Hals, gebe ihr eine Mohrrübe, nehme den Sattel ab und entlasse sie auf ihre riesige Weide in ihrer masurischen Heimat.

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