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StartseiteForschung aktuellMit saurem Regen gegen die Klimaerwärmung02.08.2006

Mit saurem Regen gegen die Klimaerwärmung

Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen über seine Ideen zur Bekämpfung des Klimawandels

Mit einer ungewöhnlichen Idee zum Stopp der Erderwärmung hat Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen Anfang Juli für Aufsehen gesorgt. Er schlug vor, die Stratosphäre mit Schwefeldioxid zu vernebeln, also mit genau dem Stoff, der für den Sauren Regen und das Waldsterben verantwortlich gemacht wird. Die Idee zog scharfe Angriffe auf sich und wurde als "Giftkur fürs Weltklima" verurteilt. Jetzt antwortet der Niederländer seinen Kritikern.

Moderation: Monika Seynsche

Paul Crutzen, Chemie-Nobelpreisträger (AP Archiv)
Paul Crutzen, Chemie-Nobelpreisträger (AP Archiv)
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Seynsche: Die Kritiker dieser Idee liefen Sturm, nur von Paul Crutzen selbst hörte man nichts. Kein Widerruf, keine Verteidigung. Es gab nur seinen ursprünglichen Artikel im Fachmagazin "Climatic Change", aus dem die Zeitungen zitierten. Aber jetzt haben wir Paul Crutzen doch ans Telefon bekommen und konnten ihn auf seinen seltsamen Plan ansprechen. Meine erste Frage war, ob er keine Angst vor dem Sauren Regen hat, wenn er Schwefel in die Stratosphäre bringen will.

Crutzen: Nein, also erstens darf ich sagen: Ich schlage nur vor, dass man diese Möglichkeit studiert und erforscht. Es können negative Effekte auftreten, die man natürlich berücksichtigen muss. Was den Sauren Regen betrifft, macht es einen sehr kleinen Beitrag, denn es sind etwa zwei Prozent von der Menge, die wir sowieso unten in der Atmosphäre in die Luft jagen.

Seynsche: Aber was soll das Schwefeldioxid in der Stratosphäre denn bewirken?

Crutzen: Ja, was man in die Stratosphäre steckt, bleibt viel länger hängen. Und um eine gewisse Menge eines Materials in der Stratosphäre zu haben, muss man viel weniger Material emittieren, als wenn man das an der Erdoberfläche macht. Und was es bewirkt: Das Schwefeldioxid wird oxidiert, es entsteht Schwefelsäure, und die Schwefelsäure kondensiert zu kleinen Partikeln, und diese kleinen Partikel streuen Sonnenlicht in den Weltraum zurück, haben also eine kühlende Wirkung auf das Klima.

Seynsche: Das heißt, damit könnten sich die negativen Folgen des Klimawandels vermeiden oder verringern lassen. Aber ist das nicht ein Freibrief für alle Leute, die mit dem Ausstoß von CO2 genauso weitermachen wollen wie bisher?

Crutzen: Das hoffen wir natürlich nicht. Aber ich bin auch dafür, dass man an erster Stelle die Emissionen der Treibhausgase verringert, sehr dringend. Allerdings was wir sehen: International passiert ja nicht viel. Und es kann ja sein, dass wir in der Zukunft Änderungen im Klima merken, die noch schlimmer sind, als wir jetzt mit Modellen berechnen. Ich verweise hier auf das Thema des Ozonlochs. Das kam ja auch total überraschend, weil wir die Prozesse, die eine verstärkende Wirkung haben, unterschätzt hatten. Das ist meine Befürchtung, dass man davon ausgeht, dass alles so weiterläuft und dass keine sehr schweren Änderungen im Klima entstehen und langsame Änderungen. Ich befürchte, dass es schlimmer werden kann, als wir jetzt in den Modellen berechnet. Und dann sollte man gewappnet sein, um den schlimmsten Folgen entgegenzuwirken. Und dann wäre die Schwefelsäureinjektion in der Stratosphäre eine Möglichkeit.

Seynsche: Das heißt, um den absoluten Notfall zu verhindern?

Crutzen: Den absoluten Notfall. Ich würde auch sagen, das ist im Augenblick gar nicht abzuwägen. Im Augenblick sollte man anfangen zu erforschen, ob es überhaupt möglich ist, ob nicht sehr starke negative Effekte auftreten. Wir kommen in ein Forschungsstadium, und das richtige Experiment, wenn es ausgeführt werden müsste, würde sicher in den nächsten Dekaden nicht passieren. Das würde sicher noch 20 bis 30 Jahre nehmen.

Seynsche: Verstehe ich Sie richtig, dass es Ihnen hauptsächlich darum geht, die Untersuchungen voranzutreiben, überhaupt festzustellen, welche Risiken und Nebenwirkungen hat denn Schwefeldioxid in der Stratosphäre?

Crutzen: Ja, genau. Ja.

Seynsche: Und wie soll das ablaufen, wie soll das Schwefeldioxid in die Stratosphäre gelangen?

Crutzen: Die Möglichkeiten sind entweder mit Ballons oder mit Kanonen schießt man Schwefelwasserstoff in die Stratosphäre. Man kann das Zeug auch verbrennen, dann würde Schwefeldioxid entstehen und das würde dann zu Schwefelsäure führen. Es würde also mit Ballons oder mit Kanonen geschehen. Es ist also kein schönes Experiment, das sage ich auch, und ich möchte lieber, dass es nicht stattfinden muss. Aber im schlimmsten Fall muss man mit dieser Möglichkeit leider rechnen.

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