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Mit Viren gegen den Tumor

Medizin.- Patienten, die an einem sogenannten Glioblastom erkrankt sind, kann durch eine operative Entfernung dieses Hirntumors geholfen werden. Dabei bleibt stets die Gefahr, dass ein Geschwür nachwächst. Derzeit wird eine neue Behandlungsform getestet, bei der Parvoviren die Krebszellen abtöten sollen.

Von Julia Beißwenger | 29.11.2011

    Mit einem Durchmesser von etwa 20 Nanometern sind Parvoviren Winzlinge unter den Virenarten und offenbar benötigen sie Krebszellen, um sich zu vermehren. Dabei kann das wuchernde Gewebe absterben, das zeigten 2010 Versuche mit Ratten, die Hirntumore hatten, erzählt Jean Rommelaere vom Deutschen Krebsforschungszentrum.

    "Zuerst injizierten wir den Virus direkt in den Tumor. Danach spritzten wir ihn in die Blutbahn oder verabreichten ihn mithilfe eines Nasensprays. Wir mussten die Dosis erhöhen, aber wir konnten in allen drei Fällen Bedingungen herstellen, bei denen die Tumore der Ratten verschwanden."

    Wie Parvoviren auf Tumore von Menschen wirken, ist nicht sicher. Vor kurzem startete daher am Universitätsklinikum Heidelberg eine Studie, die die Viren an Krebspatienten testet. Es ist weltweit das erste Mal, dass Parvoviren bei Menschen eingesetzt werden dürfen. Viele Vorstudien waren dafür notwendig. Nun sollen insgesamt 18 Patienten an der Untersuchung teilnehmen. Sie alle haben zum zweiten Mal ein Glioblastom, also einen besonders gefährlichen Hirntumor. Die ersten neun Patienten erhalten die Viren durch eine Operation, erklärt der Chirurg Karsten Geletneky.

    "Die OP besteht darin, das der Patient einen Katheter eingesetzt bekommt in den Tumor und dann ganz, ganz langsam dieses Virus gegeben wird, um den Tumor zu infizieren. Und bei den zweiten Patienten ist es so, dass die Erstbehandlung erstmal intravenös erfolgt und deshalb ist diese Studie für uns eben extrem wichtig, weil wir das ganze sowohl nach intravenöser als auch nach lokaler Therapie untersuchen können."

    Bei allen Patienten wird zehn Tage nach der Virenbehandlung der Hirntumor operativ entfernt. Dabei bringen die Ärzte in die frei gelegte Stelle nochmals Viren ein, sagt Jean Rommelaere.

    "Der Chirurg kann niemals alle Tumorzellen entfernen. Das ist der Grund, warum Tumore wiederkommen. Die Hoffnung ist, dass wenn man den Virus zuerst in den Tumor und dann ein zweites Mal in die Mulde einbringt, dass dann das Risiko eines erneuten Wachstums sinkt."

    Bisherige Beobachtungen ergaben, dass die Parvoviren bei Menschen keine Krankheitssymptome auslösen. Dennoch ist nicht 100-prozentig sicher, ob die Virengabe zu unerwünschten Nebenwirkungen führt. Aus diesem Grund müssen die Teilnehmer in einem Abstand von mindestens drei Wochen nacheinander behandelt werden.

    "Die ersten Patienten bekommen geringere Dosen, als die mittlere Dosisgruppe und dann gibt's noch eine mit einer höheren Dosis. Und wir dürfen die Dosis erst dann steigern, wenn die Sicherheit der niedrigeren Dosis bewiesen ist, weil das Hauptkriterium schlechthin ist, dass wir erst mal gucken: Ist dieses Virus sicher?"

    Der erste Patient hat Ende Oktober Parvoviren erhalten. Sein Hirntumor wurde nun entfernt. Herr Jung ist alleinerziehender Vater eines 17-jährigen Sohnes und sitzt auf seinem Bett in der Heidelberger Klinik.

    "Also, im Moment geht es mir sehr gut, ich kann lesen, ich kann Fernsehen schauen und fühl mich an sich putzmunter. Also, ich geb` hier meine Blutproben, Speichelproben. Zudem, um das es mir geht, also eine Verlängerung der Lebenserwartung, ist das kein Aufwand."

    Auch die Wissenschaftler hoffen, dass die Viren das Leben der Studienteilnehmer verlängern. Doch das lässt sich erst Monate nach einer Behandlung feststellen. Umfassende Ergebnisse liegen daher frühestens in eineinhalb Jahren vor. Dann wird eine weitere Studie notwendig sein, um die Wirksamkeit von Parvoviren stichfest zu beweisen. Erst in einigen Jahren kann es daher möglicherweise ein neues Medikament gegen das Glioblastom im Hirn geben. Ob die Parvoviren auch gegen andere Krebsarten eingesetzt werden können, bleibt noch zu erforschen.