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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturZwischen Zuversicht und Existenzangst17.11.2014

MittelschichtZwischen Zuversicht und Existenzangst

Die Mitte der Gesellschaft fühlt sich bedroht - von Arbeitslosigkeit, Altersarmut oder auch vor Verlust des Lebensstandards. Das besagt eine Studie. Die Soziologinnen Nicole Burzan, Silke Kohrs und Ivonne Küsters haben das Thema in ihrem Buch "Die Mitte der Gesellschaft: Sicherer als erwartet?" aufgegriffen.

Von Mirko Smiljanic

Eine verzweifelte junge Frau hockt auf einem Bett. Im Vordergrund: Tabletten.  (picture-alliance/ dpa - Maxppp Bertrand Bechard)
Arbeitslosigkeit, Altersarmut oder auch vor Verlust des Lebensstandards führen zu Existenzangst (picture-alliance/ dpa - Maxppp Bertrand Bechard)

Die Mitte der Gesellschaft fühlt sich bedroht - von Arbeitslosigkeit, Altersarmut oder auch vor Verlust des Lebensstandards. Das besagt eine Studie. Die Soziologinnen Nicole Burzan, Silke Kohrs und Ivonne Küsters haben das Thema in ihrem Buch "Die Mitte der Gesellschaft: Sicherer als erwartet?" aufgegriffen.

Die Mittelschicht schrumpft, wird ausgeplündert, steckt in der Krise! So ist es seit einigen Jahren immer wieder zu hören. War die Mittelschicht früher wichtigste Stütze der Gesellschaft – politisch wie ökonomisch – so verliert sie heute immer mehr an Bedeutung, übrig blieben Menschen in beständiger Angst, finanziell und sozial abzustürzen. Allerdings weiß niemand genau, ob diese weitverbreiteten Stimmungsbilder der Realität entsprechen.


Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmendaten – der demografische Wandel etwa, und internationale Krisen – mögen solche Szenarien denkbar machen, auf breiter Front erreicht haben sie Deutschland aber noch nicht. Wie also steht es um die Mitte der Gesellschaft? Eine einfache Frage, die allerdings schon deshalb schwer zu beantworten ist, weil es keine exakte Definition der Mittelschicht gibt. Zwei Drittel aller Deutschen fühlen sich ihr zwar zugehörig, tatsächlich untersucht wurde in der vorliegenden Studie aber nur ein Ausschnitt, so Nicole Burzan, Professorin für Soziologie an der Technischen Universität Dortmund.

"Wir haben als Mittelschicht diejenigen angesehen, die qualifizierte Erwerbstätige waren, nicht, dass andere überhaupt nicht zur Mitte gehören oder dass alles andere randständig wäre darunter, sondern wir denken uns, für diese qualifizierten Erwerbstätigen ist vielleicht das Gefühl der Zukunftsangst und der Unsicherheit eher etwas Neues, und deswegen haben wir die als Mittelschicht untersucht.

Selbsteinschätzung der Lage

Nicole Burzan, Silke Kohrs und Ivonne Küsters untersuchen nicht, ob die Mittelschicht tatsächlich ihre Bedeutung verliert und welche Gründe es für diesen Prozess gibt; die Dortmunder Soziologinnen fragen vielmehr, wie die Angehörigen der Mittelschicht ihre Lage selbst einschätzen, wie sich also die vermeintliche oder tatsächliche Bedrohung auf ihr Gefühlsleben und ihr Handeln auswirkt. Die Forscherinnen tun dies mit zwei methodisch getrennten Analysen.

"In dem einen Teil der Studie haben wir zwei Berufsgruppen befragt, da waren es Journalistinnen und Journalisten, die hatten meist studiert, und andererseits waren es Menschen in qualifizierten Tätigkeiten in der Verwaltung privater Unternehmen, also zum Beispiel im Personalmanagement oder ähnliches, die hatten zum Teil studiert."

Im Soziologendeutsch ist dies eine "qualitative Analyse". Bei der "quantitativen Untersuchung" nutzt das Trio die Ergebnisse repräsentativer Umfragen der deutschen Bevölkerung. Wem der Umgang mit soziologischen Begriffen leicht fällt, der wird beim Lesen dieses Buches einen gewissen Vorteil haben. Alle anderen sollten sich aber nicht abschrecken lassen, denn ausgesprochen spannend sind die gut lesbaren Interpretationen der Resultate und die Transkripte der Interviews, in denen die Befragten frank und frei über sich Auskunft geben. Da ist zum Beispiel diese 35-jährige freie Journalistin.

Ich bin manchmal ziemlich unruhig,... innerlich. Ich denke ‚Oh Gott, ich hab jetzt im September, ich glaub zwei Beiträge momentan'... Ähm, irgendwann fängt man an, sich selber zu beruhigen und man muss sich sagen ‚Ja, aber es ist doch immer so. Du findest schon was. Und dein Kopf spuckt schon irgendwie wieder ne Idee aus.

Wie Zukunftszuversicht entsteht

Oder dieser 34-jährige verheiratete Personalreferent eines Konzerns, der allenfalls Angst hat, den anvisierten Aufstieg nicht zu schaffen, weil Freunde großzügig erben werden, er und seine Frau aber nicht.

"Wir sind dann halt auch am Überlegen, warum andere zuversichtlich ihre Zukunft betrachten. Das heißt, dass die teilweise natürlich auch Vermögen bekommen durch ihre Eltern. Und sich daher natürlich auch ne gewisse Sicherheit dann auch schaffen können."

Diese beiden Zitate sollen nun nicht suggerieren, dass den Befragten Unsicherheiten fremd waren. Sie zeigten sich nur völlig anders, als die Soziologinnen erwartet hatten. Ausgegangen waren sie von klassischen Klagen über Arbeitslosigkeit, befristete Arbeitsverhältnisse, unsichere Renten und den allgegenwärtigen Umbau des Sozialstaates. Die Antworten bezogen sich aber fast alle auf andere Bereiche.
Klassische Unsicherheiten untergeordnet

"Die Menschen haben uns sehr unterschiedliche Dinge erzählt, zum Teil waren es Unsicherheiten, die gar nicht so mit dem Beruf zusammenhängen, zum Beispiel bei Frauen, kriege ich das hin Familienwunsch, Kinderwunsch und Beruf miteinander zu vereinbaren."

In den Resultaten der Einzelanalysen – "Sicher fühlen", "Unsicherheit vermeiden", "Unsicherheit aushalten" und so weiter – wird deutlich, dass die klassischen Unsicherheiten bei den meisten Befragten keine sehr große Rolle spielen. Sind sie doch vorhanden, ist der Umgang mit ihnen nicht von großem Wehklagen begleitet. Keine Panik vor der Zukunft, der Blick nach vorne war fast durchweg positiv.

Die Mittelschicht ist durch den gesellschaftlichen Wandel nicht grundsätzlich verunsichert. Ihre Angehörigen wollen durchaus Leistungen für ihren beruflichen Erfolg erbringen... oder verzichten je nach Bedingungskonstellation auf eine weitreichende Karriere zugunsten von Sicherheit, sofern sie ihren Lebensstandard dennoch absichern können. ... Und selbst wenn dies nicht immer mit deutlichem Gestaltungsoptimismus verbunden ist und eine ausdrückliche Zukunftsplanung gelegentlich ... abgelehnt wird, haben die qualifizierten Erwerbstätigen durchaus oftmals den Eindruck, dass sie über Ressourcen und Optionen verfügen, ihren Status in der Mitte der Gesellschaft zu erhalten.

"Die Mitte der Gesellschaft: Sicherer als erwartet?" ist ein Lichtblick vor dem Hintergrund der Dauerklagen über den Niedergang der Mittelschicht. Wer wissen möchte, wie ihre Angehörigen die eigene soziale und ökonomische Lage einschätzen, dem sei das Buch empfohlen.

Nicole Burzan/Silke Kohrs/Ivonne Küsters:
Die Mitte der Gesellschaft: Sicherer als erwartet?
Beltz (Juventa) Verlag,
204 S., 24,95 Euro
ISBN: 978-3-779-92954-3

 

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