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StartseiteKultur heuteMolière aus der Mottenkiste30.07.2012

Molière aus der Mottenkiste

Sven-Eric Bechtolf inszeniert eine neue alte "Ariadne auf Naxos" bei den Salzburger Festspielen

Gegenläufig zur vorherrschenden Tendenz auf den deutschen Theatern, historische Werke zu aktualisieren, schlägt Sven-Eric Bechtolf einen entgegengesetzten Kurs ein und taucht tief ins Bassin der Nostalgie. Für die Salzburger Festspiele hat er eine rekonstruierte Ur-"Ariadne" inszeniert.

Von Frieder Reininghaus

Das Große Festspielhaus in Salzburg  (picture alliance / dpa / APA)
Das Große Festspielhaus in Salzburg (picture alliance / dpa / APA)
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Teurer, länger, exklusiver

Nachinszenierte Größe und Insignien des unbedingten Reichtums zeigen sich, wenn mit der Ouverture zum "Bürger als Edelmann" der Vorhang aufgeht. Man tritt von der Parkseite herein ins neureiche Terrain – Rolf Glittenberg erwies sich neuerlich als der rechte Mann für das anschauliche Design. Die Silhouetten großer alter Bäume deuten sich in mildem Herbstlicht an hinter den riesenhohen Scheiben. Sie akzentuieren die Protz-Architektur des Palais, das sich Jourdain bauen ließ – der Mann, der als der reichste der Hauptstadt gerühmt wird. Er ließ sich für eine Privataufführung in seinen stolzen Gemächern eigens eine Oper komponieren.

Bevor jedoch die geneigten Zuschauerinnen und Zuseher sich mit Jourdains Tick befassen – er will es den Adligen gleichtun und von diesen um jeden Preis anerkannt werden – und bevor sie sich vom avanciert besungenen Schicksal der verlassenen antiken Figur anrühren lassen können, führt die neue Fassung der ältesten Version von "Ariadne auf Naxos" den Dichter Hofmannsthal vor Augen. Der erprobte Ehemann wandelt im feinen Ambiente auf Freiersfüßen und will – der Plot ist den Hofmannsthal-Biografien entnommen – die jüngst verwitwete Gräfin Ottonie erobern.

Die frisch hinzugefügte, recht holzschnittartig und von Herzen amateurhaft getextete Rahmenhandlung deutet an, wie wenig der Regisseur Sven-Eric Bechtolf der von ihm gewählten, noch sehr klar als Molière-Bearbeitung erkennbaren Frühfassung des Werks vertraute. Bechtolf dekliniert den eingeschlagenen Weg bis zur bitteren Neige fort, zeigt immer wieder den Fortgang der Bemühungen seines von Michael Rotschopf gebührend elegant vorgeführten Hofmannsthal um die in Trauer nachglühende Regine Fritsch.

Und natürlich hat die aufwendige Inszenierung des Dichters, der Kunst und Leben unzertrennlich verknüpft wissen möchte, Erfolg: Ottonie gibt sich ihm hin und her. Knüppeldick wird die Kardinalfrage des Werks ausgetratscht: es geht, wieder einmal durch und mit Hofmannsthal, "um das simple und ungeheure Lebensproblem: das der Treue". Einschließlich der postmortalen.

Gegenläufig zur vorwaltenden Tendenz auf den deutschen Theatern, historische Werke zu "aktualisieren", schlug der Salzburger Regisseur einen entgegengesetzten Kurs ein. Indem er die am stärksten historisch bedingte Version des Werks aus der Zeit vorm ersten Weltkrieg reaktivierte und auch noch mit einem historischen Rahmen versah, wollte er tief ins Bassin der Nostalgie tauchen. Zugleich kokettierte er ein wenig mit dem Schmierentheater – indem Figuren anderer Werke von Hofmannsthal und Strauss aufgerufen wurden, erhielt sogar der "Jedermann" einen kurzen Gastauftritt. Womöglich war es, zur Erheiterung des Publikums, der "echte" amtierende.

Am Anfang war das, was Daniel Harding mit den Wiener Philharmonikern auf den Weg brachte, noch keinesfalls vom Feinsten. Aber dann nahm Emily Magee als Primadonna/Ariadne mit voller Kehle und Brust das Publikum für sich ein. Insbesondere aber Elena Mosuc, die die höhenmäßig noch nicht ermäßigte Zerbinetta-Partie in der frühen Version zu bestreiten hatte - später legte der Komponist in einer Anwandlung von Barmherzigkeit etwas tiefer.

Jonas Kaufmann wurde von der Festspiel-Publizistik in höchsten Tönen empfangen. "Er ist … stets Geist", liest man im "Festspiele Magazin". "Fast jede Note, die seinen Hals verlässt, ist einmal durch den Kopf gekreist. Der Tenor hat sie befragt und sie zur Antwort modelliert." Zwar hören sich manche seiner Töne "etwas müde an"; das komme daher, dass sie "erschöpft" seien "von der inneren Inquisition" und manchmal hauche er "eine Piano-Spitze fast ohne Ton hin". Als junger Gott Bacchus, der Ariadne zu neuer Lieber erweckt, praktizierte er jetzt konsequent das Gegenteil und wirkte wie eine verbeamtete Glücksverheißung.

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