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StartseiteKalenderblattMontagsmenschen machen Mut04.09.2009

Montagsmenschen machen Mut

Vor 20 Jahren: In Leipzig findet die erste Montagsdemonstration statt

In den 80er-Jahren lud die Leipziger Nikolaikirche wöchentlich zu "Friedensgebeten", die mehr und mehr zum Treffpunkt von Regimekritikern wurden. Am 4. September 1989 machten die Teilnehmer ihrem Unmut erstmals außerhalb der Kirche Luft: bei der ersten Montagsdemonstration durch die Stadt.

Von Sylvia Conradt

Montagsdemonstration in Leipzig.  (AP Archiv)
Montagsdemonstration in Leipzig. (AP Archiv)

"Wir wollen raus! Wir wollen raus! Wir wollen raus!"

4. September 1989: Im Anschluss an das schon traditionelle Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche hatten sich am späten Montagnachmittag mehrere Hundert Menschen auf dem Kirchplatz versammelt.

"Ich möchte jetzt endlich zu meinem Mann in die Bundesrepublik."

"Mein Mann ist in der Bundesrepublik - jetzt schon zwei Jahre. Ich sitze hier mit meiner Tochter ganz alleine."

Einige Demonstranten entrollten Transparente mit Aufschriften wie "Reisefreiheit statt Massenflucht", "Für ein offenes Land mit freien Menschen", "Demokratie".

Polizei und Stasitrupps versuchten, den Menschen die Transparente aus den Händen zu reißen. Trotzdem zogen anderthalb Stunden später einige Hundert Richtung Hauptbahnhof. Die Zeit der Montagsdemonstrationen hatte begonnen. Von nun an wuchs von Woche zu Woche die Zahl derer, die für eine "andere DDR" demonstrierten, bald nicht nur in Leipzig, sondern in vielen Städten der DDR. Oppositionelle Gruppen konstituierten sich, allen voran das "Neue Forum". Die Bürgerrechtler forderten Reformen und den Dialog zwischen Staatsführung und Volk. Als am 25. September dann schon mehr als 5000 Menschen durch die Leipziger Innenstadt zogen, sammelten sie auch Unterschriften für die Zulassung der Bürgerrechtsbewegung, skandierten immer wieder "Neues Forum", stimmten die "Internationale" an, sangen das amerikanische Bürgerrechtslied "We shall overcome", riefen "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit".

Eine Woche später demonstrierten bereits 20 000 Menschen. Polizei und Stasimitarbeiter prügelten auf die Teilnehmer ein, verhafteten mehrere Personen. Trotz der Brutalität von Polizei und Staatssicherheit; trotz der Angst vor einer "chinesischen Lösung"; trotz der Ankündigung des Kampfgruppenkommandeurs in der Leipziger Volkszeitung, der Konterrevolution notfalls auch mit Gewalt ein Ende zu bereiten: Nach dem Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche am 9. Oktober 1989 beteiligten sich mehr als 70.000 Menschen an der Montagsdemonstration. Diesmal griffen Polizei und Betriebskampfgruppen nicht ein. Pastor Christian Führer tags darauf in einem Telefongespräch mit dem Deutschlandfunk:

"Es hat viele Gespräche der Demonstranten mit Kampfgruppenangehörigen gegeben, die auch sagten, dass sie in uns keine Konterrevolutionäre mehr sehen. Und das war eine bewegende Geschichte, die vielen Diskussionen mit Polizisten und Kampfgruppenangehörigen, und wer gestern von staatlicher Seite aus für diesen Einsatz verantwortlich war, dem gebührt von unserer Seite aus doch ein hohes Lob für diese Mäßigung."

Die friedfertige Massendemonstration hatte Signalwirkung. Landesweit gingen die Menschen zu Hunderttausenden auf die Straße, um für Reformen und eine demokratische Neuordnung zu demonstrieren. Am 18. Oktober löste Egon Krenz Erich Honecker als SED-Generalsekretär ab, danach widmeten sich auch die DDR-Medien ausführlich den Montagsdemonstrationen.

Eine Reportage von Radio DDR vom 30. Oktober 1989:

"Nun, der Montag ist gekommen und mit ihm in dieser Abendstunde wieder eine vieltausendköpfige Menge. Und es ist unmöglich, jetzt, wo sich die Demonstration formiert, die genaue Zahl sagen zu können. Hier, vor der Nikolaikirche, inmitten des Zentrums der Messestadt, wo zur Stunde eben wieder das Friedensgebet wie in anderen Kirchen stattgefunden hat, und gleichzeitig überall in der Stadt sich Vertreter der Öffentlichkeit dem Dialog stellen, werden die Sprechchöre probiert, die dann skandiert in vieltausendstimmigem Chor durch das Stadtzentrum hallen werden. Man muss gut zuhören, hinhören, was das Volk will. Es sind zutiefst politische Forderungen, die auf der Tagesordnung stehen. Die Straße hat die Dinge aus der Ruhe gebracht. Das sehen die meisten in Leipzig mit Genugtuung und sie hat, das begreifen immer mehr, die Aufgabe, die Dinge nicht in Ruhe zu lassen, versiegen zu lassen."

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