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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Da brennen streng geschützte Lebensräume"24.09.2018

Moorbrand im Emsland"Da brennen streng geschützte Lebensräume"

Seit zwei Wochen brennt das Moor nahe der niedersächsischen Stadt Meppen, entzündet bei Raketentests eines Bundeswehr-Hubschraubers. Nun warnen Naturschützer des NABU vor den Folgen für die örtliche Tier- und Pflanzenwelt. Zudem setzt das Feuer große Mengen Treibhausgase frei.

Von Dietrich Mohaupt

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Ein aus der Luft gemachtes Foto zeigt die grün-braune Moorfläche, von der viele kleine Rauchschwaden aufsteigen. (picture alliance / Lars-Josef Klemmer)
Eine Luftaufnahme zeigt die Ausdehnung des Moorbrandes nahe Meppen (picture alliance / Lars-Josef Klemmer)
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Mal ist die Rede von acht, mal von bis zu zwölf Quadratkilometern brennender Moorfläche, stellenweise reicht der Brand offensichtlich bis zu einen Meter tief in die Torfschichten hinein. Rund 2.000 Einsatzkräfte standen zuletzt für die Löscharbeiten bereit, ein Tornado-Jet der Bundeswehr überfliegt das Gebiet seit Samstag regelmäßig, um mit Wärmebildkameras verbliebene Glutnester aufzuspüren. Zahlen, Daten, Fakten, die für Jutta Over vom NABU in Meppen aber nicht wiedergeben, was dieses Feuer für die Natur in der Region wirklich bedeutet:

"Das bedeutet eben, dass da große Flächen streng geschützter Lebensräume tatsächlich brennen. Es ist ja so: Im Kernbereich der Tinner Dose gibt es noch richtig nasses, wachsendes Hochmoor – das brennt natürlich nicht. Es gibt aber auch sehr große Flächen, also über 1.000 Hektar sind das, die teilentwässerte Moorheide sind. Das ist Glockenheide und das sind andere Torfmoose, die da wachsen, das ist Weißes Schnabelried – also alles streng geschützte Pflanzen."

Kontrollierte Brände im Winter

Dabei sind Feuer auf dem Gelände gar nicht so ungewöhnlich – die Bundeswehr habe dort sogar in den vergangenen Jahren immer wieder kontrolliert Brände gelegt:

"Die haben also im Winter versucht, kontrollierte Brände durchzuführen, wenn der Boden gefroren war und wenn der Wind richtig stand, so dass die Ortschaften nicht in Mitleidenschaft gezogen werden konnten. Dadurch konnte eigentlich so ein bisschen vorgebeugt werden, dass es im Sommer brennt, weil dann das überständige trockene Pflanzenmaterial abgebrannt wurde und das Feuer aber nicht in den Boden eintreten konnte und auch keine Tiere zu Schaden kommen konnten."

Libellen, Kröten und Schlangen gefährdet

Ganz anders das Bild im Sommer – vor allem nach einer so langen Periode ohne Regen wie in den vergangenen Monaten. Dann, so Jutta Over, sind in den Moorheide-Gebieten der Tinner Dose auch zahlreiche Insekten- und Amphibienarten durch das Feuer gefährdet:

"Auf jeden Fall sind natürlich Schmetterlinge und Libellen auch betroffen, die an ganz bestimmte Futterpflanzen gebunden sind, an die Glockenheide eben, an das Weiße Schnabelried, an Seggen, an verschiedene Pflanzen, die da im Moor wachsen. Und dann ist die Kreuzkröte betroffen, die gerade in der Moorheide ihren Schwerpunkt hat, wo man sie auch im Frühjahr sehr schön balzen hört. Es sind Schlingnattern und Kreuzottern betroffen, die ja ihre Reviere auch haben, die immer an bestimmten Stellen lagern – und es ist ja auch ein europäisches Schutzgebiet. Es ist schon sehr bitter, was da jetzt alles verloren geht."

Die Einsatzkräfte vor Ort kämpfen noch immer vor allem an den Übergängen von den Moorflächen zum Wald gegen eine Ausbreitung des Feuers. An einigen Stellen liegen lange Schlauchleitungen mit vielen kleinen Löchern – ähnlich wie Beregnungsanlagen für den Garten, nur viel größer. Damit werden regelrechte Wasservorhänge erzeugt, erläutert Michael Hunfeld von der Bundeswehr-Feuerwehr.

"Die Problematik ist – das brennt zum Randbereich rüber in den Bereichen, wo der Wald anfängt. Und dann brennt es auch ein und das Wurzelwerk brennt. Und das muss natürlich jetzt alles durchnässt werden, weil Torf sehr viele Hohlkammern hat und Sauerstoff bindet und dementsprechend auch unkontrolliert unterirdisch weiterbrennen kann."

NABU fordert besseres Wassermanagement

Und das wahrscheinlich noch über Wochen, vielleicht sogar Monate. Das heißt dann auch, dass weiterhin große Mengen Kohlendioxid in die Atmosphäre entweichen werden. Dicke Torfschichten – also Pflanzenreste – und dazu der in den Hohlräumen eingeschlossene Sauerstoff nähren das Feuer. Experten des NABU sprechen in vorsichtigen Schätzungen von 500.000 bis 900.000 Tonnen CO2, die schon jetzt aus dem Moor freigesetzt wurden. Insgesamt könnten es, je nach Ausdehnung des Brandes in der Fläche aber auch in die Tiefe, sogar bis zu 1,4 Millionen Tonnen CO2 werden. Es gehe jetzt darum, möglichst schnell möglichst viel Wasser in das Moorgelände hinein zu bekommen, so Michael Hunfeld. Dafür nutze man unter anderem ein Drainagesystem, das in Teilbereichen des Moors bereits existiert.

"Also – das ist im Prinzip ein Be- und Entwässerungssystem, damit das Moor in seinem Ursprung erhalten bleibt. Jetzt ist natürlich im Sommer das Wasser abgelaufen über diese Drainagen, die da verlegt sind. Und jetzt füllen wir an den höchsten Punkten diese Drainagen wieder mit Wasser, und wie man gerade hier in diesem Bereich sehen kann, hat es ja auch Wirkung gezeigt – der ganze mittlere Bereich ist kein Glutnest mehr, ist nur noch an den Randbereichen."

Auf diesen Erfahrungen müsse man für die Zukunft dann weiter aufbauen, Jutta Over vom NABU in Meppen. Ganz konkret müsse es ein überarbeitetes Wassermanagement für das Moor geben, das stärker den Natur- und Umweltschutz im allgemeinen Übungsbetrieb berücksichtigt.

"Dass sich das beides nicht widerspricht, das kann man auf anderen zum Beispiel von US-Streitkräften genutzten Truppenübungsplätzen (*) durchaus sehen. Also es gibt zum Beispiel das Moor Grafenwöhr, das ist richtig nass geworden, nach vielen Gesprächen, und da findet der Übungsbetrieb trotzdem statt – und da möchten wir eigentlich drauf hinarbeiten künftig, dass da eben das Wassermanagement noch stärker den Naturschutz im Blick hat."

(*) Auf Wunsch des NABU haben wir das Zitat an dieser Stelle und im darauffolgenden Satz inhaltlich korrigiert. Die Äußerung ist nun präziser formuliert als in der ersten Version des Onlinetextes und in der Audiofassung.

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