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StartseiteInterview"Solche Taten werden durch Flüchtlingspolitik nicht wahrscheinlicher"09.12.2016

Mordfall in Freiburg"Solche Taten werden durch Flüchtlingspolitik nicht wahrscheinlicher"

Nach dem Mord an einer Studentin in Freiburg habe sich seine Einstellung zur Flüchtlingspolitik nicht verändert, sagte der Student Tobias Crone im DLF. Er ist Sprecher des Wohnheims, in dem auch das Opfer lebte. Dieser Fall würde an den abstrakten Fragen, die in der Flüchtlingspolitik zu behandeln wären, nichts ändern.

Tobias Crone im Gespräch mit Christoph Heinemann

Blumen und Trauerschmuck hängen am 05.12.2016 in Freiburg (Baden-Württemberg) an einem Baum an der Dreisam. Ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling wird verdächtigt, dort eine 19 Jahre alte Studentin umgebracht zu haben.  (dpa / picture-alliance / Patrick Seeger)
Trauer nach dem Mord an einer Studentin in Freiburg (dpa / picture-alliance / Patrick Seeger)
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Christoph Heinemann: Trauer, Mitleid, Entsetzen, auch das Eingeständnis, dass mit den vielen Menschen, die in den vergangenen anderthalb Jahren nach Deutschland gekommen sind, Probleme zugewandert sind. Das ist eine Reaktion. Nach dem Mord an einer Studentin in Freiburg und Sexualstraftaten an zwei jungen Frauen in Bochum hat der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow, allerdings eindringlich vor einem Generalverdacht gegen Flüchtlinge gewarnt und er hat Zahlen angeführt. Wir hatten im Jahr 2015 über 7.000 Vergewaltigungsfälle; das war die niedrigste Zahl seit 2001. Zudem liege der Anteil von Sexualdelikten bei allen, von Zuwanderern begangenen Straftaten bei unter einem Prozent.

Wo Vorurteile gefällt sind, spielen solche Tatsachen kaum noch eine Rolle. Unser Gesprächspartner spricht gleich von einem präterfaktischen Zeitalter. Er meint, Tatsachen hätten noch nie eine Rolle gespielt. Die öffentliche Debatte sei schon immer präter, also unabhängig oder jenseits von Fakten geführt worden.

Das kann man in den sozialen Medien nachlesen. Wörter wie "Abschaum", der Galgen im Zusammenhang mit Namen von Spitzenpolitikern, Forderungen nach Amputation aller möglicher Körperteile des mutmaßlichen Täters, die Anregung, mit Bezug auf die NS-Vernichtungspolitik spezielle Duschen wieder einzurichten. Der Mordfall von Freiburg regt die Fantasie einiger Mitbürgerinnen und Mitbürger offenbar aufs Äußerste an.

Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon von den Grünen sagte dazu in dieser Woche bei uns im Deutschlandfunk:

O-Ton Dieter Salomon: "Ich habe die Rede der Kanzlerin auf dem CDU-Parteitag gestern jetzt nur der Presse entnommen. Aber sie hat einen Satz gesagt, den ich nur unterstreichen kann. Auch einige Deutsche müssten eigentlich Integrationskurse machen. Die Respektlosigkeit und die Intoleranz, wie man untereinander umgeht, und manche glauben dabei auch noch, das christliche Abendland verteidigen zu müssen. Das ist nicht nur geschmacklos und widerlich; das ist wirklich ekelerregend. Das hat mit gelebtem Christentum oder mit europäischen Werten überhaupt nichts zu tun. Man muss, glaube ich, wenn man den Dialog ernsthaft bestreiten will, man darf nicht verschweigen, dass es da natürlich Probleme gibt. Aber Pauschalurteile zu fällen und über Leute, die anderen Leuten helfen, sich lächerlich und lustig zu machen, das zeugt von dermaßen geistiger Armut, die ja übrigens in den sozialen Netzen weit verbreitet ist, dass die Kanzlerin auch Recht hat in ihrer Forderung. Man muss sich auch nicht alles bieten lassen und ich glaube, was die sozialen Medien und das Netz angeht, müssen auch rechtliche Mittel geschaffen werden, dass man sich nicht alles bieten lassen muss und dass die Leute sich mal überlegen, was sie tun.

Ich habe um die hundert Mails gekriegt, die ich Gott sei Dank auch noch gar nicht gelesen habe und auch nicht lesen werden, die eine Mitarbeiterin von mir gelesen hat, und der ist es buchstäblich körperlich schlecht geworden, was da alles an Müll hochkommt."

"Hervorragende Polizeiarbeit"

Heinemann: Wir haben vor dieser Sendung mit Tobias Crone gesprochen. Er ist einer der Sprecher der Thomas-Morus-Burse in Freiburg. In diesem Wohnheim lebte auch die 19 Jahre alte Medizinstudentin Maria L. Wir haben dieses Gespräch gestern aufgezeichnet und wir haben, was wir üblicherweise nicht tun, die Fragen vorher abgestimmt. Tobias Crone hat darüber mit den anderen Sprecherinnen und Sprechern der Bewohner der Burse beraten und klargestellt, dass sie nicht konkret über die Situation im Wohnheim oder über die Situation einzelner Betroffener und auch nicht über die ehemalige Mitbewohnerin Maria L. sich äußern möchten. Herr Crone, wie ist der Fahndungserfolg der Polizei in Ihrem Haus aufgenommen worden?

Tobias Crone: Zunächst einmal kann ich natürlich wenig zur Lage im Haus konkret oder zu Gefühlen von anderen sagen. Ich persönlich bin natürlich sehr froh darüber und auch dankbar um die hervorragende Polizeiarbeit. Dazu finde ich übrigens interessant, dass teilweise Parallelen zu den Vorfällen in Köln gezogen werden, was ich aus drei Gesichtspunkten heraus nicht ganz nachvollziehen kann. Zum einen natürlich, weil es um einen Einzeltäter geht. Zum anderen, weil es in Köln um die Frage der präventiven Arbeit geht, während hier Strafverfolgung im Nachhinein im Fokus steht. Und zum Dritten, weil die Polizeiarbeit, soweit ich das beurteilen kann, in Freiburg ganz hervorragend war.

Heinemann: Zurück zu der Situation, zu Ihrer persönlichen, auch vielleicht zu der in Ihrem Heim, in Ihrer Unterkunft. Wieviel Trauer und wieviel Wut lassen Sie zu?

Crone: Ich denke, das sind strukturelle Vorteile, die unser spezifisches Wohnheim uns bietet, weil wir zum einen in Wohngruppen organisiert sind und zum anderen natürlich die KHG, die Katholische Hochschulgemeinde sehr viel seelsorgerische Arbeit leistet und geleistet hat in den letzten Wochen. Insofern, würde ich sagen, ist da ein sehr guter Umgang mit den jeweiligen Emotionen bei den Beteiligten.

Heinemann: Hat dieser Fall Ihre Einstellung zur Flüchtlingspolitik der vergangenen anderthalb Jahre verändert?

Crone: Wieder nur für mich persönlich gesprochen und auch ganz schnell: Nein!

Heinemann: Inwiefern nicht?

Crone: Ich sehe nicht, dass dieser Fall an den abstrakten Fragen, die in der Flüchtlingspolitik zu behandeln wären, was ändert. Aber da mag man anderer Meinung sein.

"Jeder einzelne in Verantwortung, sich der eigenen Ängste irgendwie bewusst zu werden"

Heinemann: Fühlen sich die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner der Thomas-Morus-Burse, soweit Sie das mitbekommen, unsicherer seit diesem Mordfall?

Crone: Das ist eine sehr interessante Frage, auf die ich natürlich als einzelner auch nur sehr begrenzt antworten kann, weil ich auch nicht den Überblick habe. Viel spannender finde ich - und ich glaube, das muss sich auch tatsächlich jeder in Deutschland fragen -, ist eine Unsicherheit, wenn ich sie denn verspüre, begründet. Wir stellen schon fest, dass sich viele in Deutschland unsicherer fühlen als noch vor anderer Zeit. Die Kriminologen sagen uns aber, das ist statistisch nicht der Fall, dass die schweren Gewaltverbrechen ansteigen. Und ich glaube, das ist in einer gewissen Art und Weise korreliert mit ähnlichen Erscheinungen, die wir im Vereinigten Königreich und auch in den Vereinigten Staaten sehen. Aber ich sehe da jeden einzelnen natürlich in seiner Verantwortung, sich der eigenen Ängste irgendwie bewusst zu werden und sie dann aber auch kritisch zu prüfen und zu hinterfragen, ob da was dahinter ist.

Heinemann: Was meinten Sie gerade mit der Verbindung USA und Großbritannien?

Crone: Dass wir einen Aufschwung gewissermaßen dessen erleben, was immer so gerne postfaktisch genannt wird. Ich würde dem von der Begrifflichkeit her sogar ein bisschen widersprechen wollen. Ich glaube nicht, dass es ein neues postfaktisches Zeitalter gibt, ganz einfach aus dem Grund, weil ich glaube, dass Diskussionen im politischen Gemeinwesen und Leitung von politischem Gemeinwesen schon immer jenseits von Fakten funktioniert hat, auch nicht explizit gegen Fakten, aber schlicht und ergreifend jenseits von Fakten. Deswegen würde ich vielleicht präterfaktisch bevorzugen.

"Wut und Hass sind solche präterfaktischen Emotionen"

Heinemann: In den sozialen Medien wird die Tatsache, dass mutmaßlich ein Flüchtling dieses Verbrechen begangen hat, teils wütend und hasserfüllt kommentiert. Wie nehmen Sie diese Äußerungen wahr?

Crone: Das schließt sich eigentlich ganz schön an. Wut und Hass sind solche präterfaktischen Emotionen. Denn erstens, der Fakt ist: Solche Taten werden durch Flüchtlingspolitik nicht wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher. Das sagt uns die Kriminologie, wie schon erwähnt. Und ab einer bestimmten Gruppengröße haben Sie auch immer eine Charaktere dabei und das führt zum zweiten Fakt. Dass einige der Flüchtlinge auch Verbrechen begehen, ist natürlich jedem schon vorher klar gewesen, insbesondere wenn man bedenkt, dass da viele Traumatisierte dabei sind. Aber ich sehe nicht, dass es da eine signifikant höhere Quote gäbe als bei anderen Staatsangehörigkeiten.

Heinemann: Was sagen diese Reaktionen, die man lesen kann, die Reaktionen auf den Mordfall aus über die Debattenkultur in Deutschland?

Crone: Zum einen würde ich jetzt erst mal rein deskriptiv, noch gar nicht wertend feststellen, das ist natürlich schon geprägt von einer großen Rohheit. Ich glaube aber, das war im Kern schon mehr oder weniger immer so. Ich bin auch kein Freund von irgendwelchen Verrohungs-Narrativen und insoweit würde ich auch sagen, man kann da jetzt nicht jemandem spezifisch Verantwortung dafür zuweisen, für diese Verrohung. Wenn wir jetzt die Gretchenfrage stellen, wie geht man jetzt gegen diese Rohheit an? Man muss irgendwie kleine Brötchen backen und kann jetzt nicht sagen, ich habe das eine große Rezept, was die Debattenkultur verbessert.

Heinemann: Der baden-württembergische AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen gibt Angela Merkel und Sigmar Gabriel eine "entscheidende Mitverantwortung für diese grausame Tat". Wie bewerten Sie eine solche Schuldzuweisung?

Crone: Inhaltlich gesehen, wie ich schon sagte. Meiner Ansicht nach gibt es da keinerlei Kausalitätszusammenhang. Stilistisch ist das der auch schon erwähnte Aufschwung präterfaktischer Politik. Die AfD und mit auch Herr Professor Meuthen ist Sprachrohr einiger, die sich eine Zeit lang abgekoppelt sahen, und die eigentliche Frage ist für mich, wie sollte man auf solche Aussagen reagieren. Und von den drei Reaktionsmöglichkeiten, erstens in der Sache widersprechen, zweitens ignorieren, um dem nicht zu viel Raum zu geben, oder drittens versuchen, die Leute durch ein paar eigene ähnliche Aussagen an sich zu binden, sind auch entsprechend in allen politischen Parteien beobachtbar der sonstigen Landschaft. Auch da würde ich sagen, es gibt kein Patentrezept. Jeder muss für sich immer neu einschätzen, welche Reaktion da am Sinnvollsten ist.

"Das kostet natürlich viel Zeit und Geld und Nerven"

Heinemann: Einige Flüchtlinge aus dem islamischen Kulturraum und auch einige bereits hier in zweiter oder dritter Generation lebende Menschen mit Migrationshintergrund verfügen über ein Frauenbild, das weit entfernt ist von dem inzwischen hierzulande üblichen. Wie sollte man mit diesen Menschen umgehen?

Crone: Ja, zunächst einmal ein kurzer Vorspruch. Ich würde sagen, die Kategorien sind ein bisschen falsch. Maßgeblich ist für mich bei dieser Frage das "falsche Frauenbild". Das finde ich aber überall, genauso wie bei der Kriminalität eben schon. Kürzlich hat die Union eine Studie veröffentlicht, dass auch in der Bundesrepublik über 25 Prozent Vergewaltigung oder gewaltsamen Geschlechtsverkehr mitunter in Ordnung finden, und das liegt auch ungefähr im restlichen Unions-Durchschnitt. Jetzt wieder konkret: Wenn ich mir jetzt natürlich im Einzelfall jemandes Haltung anders wünsche, als sie ist, dann, würde ich sagen, geht es darum, dass ich auf denjenigen zugehe, diskutiere, miteinander ins Gespräch komme, meine Vorverständnisse offenlege, und das ist auch dann, was ich unter Integration verstehe, und zwar nicht nur von Ausländern, sondern eines politischen Gemeinwesens insgesamt. Und das kostet natürlich viel Zeit und Geld und Nerven.

Heinemann: Herr Crone, Sie werden in einiger Zeit Ihr Studium beenden, die Thomas-Morus-Burse in Freiburg verlassen, sich eine Existenz aufbauen. Was werden Sie für Ihr Leben mitnehmen aus dem Jahr 2016 in Freiburg?

Crone: Ich glaube, vor allem drei Dinge. Zum einen die Notwendigkeit, so lange als möglich im Gespräch zu bleiben miteinander. Zum Zweiten die Notwendigkeit, in Führungspositionen im politischen Gemeinwesen Ängste ernst zu nehmen, denn Fakten interessieren einfach wenig. Mit ernst nehmen meine ich jetzt aber eben nicht nach Art eines pawlowschen Hundes irgendwie allen zu folgen, sondern zunächst einmal das so anerkennen und dann sich aber gut überlegen, ob man folgt. Und zum dritten - und das ist mir eigentlich mit am wichtigsten - die Notwendigkeit, dass man auf Gesellschaft und auf Menschen Einfluss nehmen will. Damit will ich sagen, dass ich glaube, dass die Zeit so der netten Unternehmungen gewissermaßen vorbei ist. Wir können nicht mehr sagen, wir fahren mal nett in den Urlaub, weil wir überall, im Vereinigten Königreich, in Polen, in Ungarn, in Frankreich, in Österreich, in Deutschland, in Italien, eigentlich in der gesamten Union und darüber hinaus sehen, dass wir an einem sehr kritischen Punkt angelangt sind und jetzt jeder in der Verantwortung ist, seinen Teil zu leisten, da irgendwie Integration herzustellen.

"Plurale Meinungen sind gern gesehen"

Heinemann: Möglicherweise wird sich nach diesem Gespräch, das wir jetzt geführt haben, ein Shitstorm über Sie ergießen. Wie werden Sie damit umgehen?

Crone: Nun, solange es um inhaltlich sachliche Kritik an meinen Positionen hier geht, werde ich darauf inhaltlich und sachlich zu reagieren versuchen. Soweit es Unsinn ist, werde ich es ignorieren. Und wenn es darum geht, mich zu beleidigen, zu bedrohen oder zu verleumden, dann werde ich das der Staatsanwaltschaft geben. Denn wie gesagt: Plurale Meinungen sind gern gesehen. Aber wer andere niederschreien möchte, kann auch von mir aus gerne mal ein Problem dafür bekommen. Ich maße mir jetzt nicht an, da das auf jeden Fall durchzuziehen. Ich habe das bisher nicht erlebt und muss schauen, wie man damit umgeht.

!Heinemann: Sie gehen damit sehr rational um?

Crone: Das ist zumindest der Plan.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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