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StartseiteInterview"Pluralität und Vielfalt sind ein Grundsatz im Islam"21.06.2017

Moschee-Gründung in Berlin "Pluralität und Vielfalt sind ein Grundsatz im Islam"

Die liberale Moschee in Berlin ist aus Sicht des Islamwissenschaftlers Mahmoud Abdallah "ein neues Phänomen in der islamischen Geschichte". Er sagte im Dlf, die Gründer müssten das Gespräch suchen und offenlegen, auf welchen Quellen ihr Glaube basiere. Die Freiheit zur Gründung der Moschee sei nicht nur im Grundgesetz, sondern auch im Islam verankert.

Mahmoud Abdallah im Gespräch mit Jasper Barenberg

Der Imam und Theologe Mahmoud Abdallah. (Foto (Privat))
"Prinzipiell haben wir dieses Problem innerhalb der islamischen Community, dass man hier nicht so viel Aufklärungsarbeit macht", sagte der Islamwissenschaftler Mahmoud Abdallah im Dlf. (Foto (Privat))
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Jasper Barenberg: Der Islamwissenschaftler und Imam Mahmoud Abdallah arbeitet am Zentrum für islamische Theologie an der Universität Tübingen. Studiert hat er unter anderem an der bedeutenden Al-Azhar-Universität in Kairo. Einen schönen guten Abend.

Mahmoud Abdallah: Guten Abend.

Barenberg: In dieser neuen liberalen Berliner Moschee beten Männer und Frauen nebeneinander, wird das Freitagsgebet von einem Mann und einer Frau gemeinsam geleitet. Missachtet die Gemeinde – so lautet ja der Vorwurf – damit Grundsätze des Islam?

Abdallah: Die Moschee in Berlin ist selbstverständlich ein neues Phänomen in der islamischen Geschichte und in diesem Sinne wäre, glaube ich, noch nicht zielführend zu fragen, ob es jetzt die Grundsätze missachtet. Es wäre interessanter, an dieser Stelle zu fragen, woher haben dann die Gründer dieser Moschee ihre Thesen, aus welchen Quellen haben sie, ob sie dazu auch fundiertes Wissen liefern können, und die Kontrameinung kann auch dagegen ihre Meinung natürlich sagen, aber halt fundiert. Ich halte es, ehrlich gesagt, an dieser Stelle für sehr wichtig, dass man dadurch ins Gespräch kommt und nicht die Moschee an sich oder diesen Akt an sich instrumentalisiert, um einfach den anderen zu stigmatisieren, stigmatisieren in dem Sinne zu sagen, derjenige, der die Moschee kritisiert, ist frauenverachtend, oder derjenige, der die Moschee fördert, ist eher liberaler und ein richtiger Moslem oder in dieser Richtung, sondern ganz im Gegenteil, dass man darüber ins Gespräch kommt und jeder das Pro und Kontra auch seiner Thesen dann darstellt.

"Das ist alles interpretierbar"

Barenberg: Und ist denn aus Ihrer Sicht erkennbar, wie Sie sagen und wie Sie auch fragen, wo die Quellen sind, wo die Grundsätze sind, nach denen diese neue liberale Moschee ihre Arbeit organisiert?

Abdallah: Wir haben ja im Islam wichtige Hauptquellen(*). Das ist der Koran und dann die Sunna. Das ist ja die prophetische Überlieferung, der Konsens, das heißt die Übereinstimmung der Gelehrten zu einem bestimmten Zeitpunkt über einen bestimmten Fall oder ein bestimmtes Thema, und ein Analogieschluss(*), das wir auch von dem Gericht her kennen, dass ein Recht nach einem anderen Recht sich orientiert. Die Geschichte an sich im Islam hat ja solche Beispiele nicht geliefert. Es gibt zwar im Koran keine klare Stelle, die sagt, das geht oder das geht nicht. Das ist alles interpretierbar. Aber die Geschichte an sich – und wir haben ja im Islam diesen Brauch auch als Quelle, dass die Realität sich an dem Brauch orientiert, wie das stattfindet, als Quelle der islamischen Rechtsprechung. Allerdings haben wir im Islam so einen Fall, der berichtet, dass der Prophet eine Frau ermächtigt hat, als Imamin mit ihren Familienangehörigen das Gebet zu leiten. Die Theologie streitet natürlich darüber, ob dann die Familienangehörigen nur Frauen waren oder Männer und Frauen oder dabei Sklaven, also Fremde quasi von der Familie. Die Quellen an sich erklären das nicht. Es ist alles als Bemühungen in dem Fall zu verstehen und es kann sein, dass vielleicht einige sich diesen Fall zur Orientierung nehmen könnten.

"Über das Wandelbare ins Gespräch kommen"

Barenberg: Sie betonen ja, wie wichtig es aus Ihrer Sicht ist, dass man miteinander ins Gespräch kommt. Wie beurteilen Sie denn, dass das Urteil so hart ausfällt, auf der einen Seite durch die türkische Religionsbehörde und auf der anderen Seite ja auch, wie wir gerade gehört haben, von der obersten Fatwa-Behörde in Ägypten? Von beiden Seiten wird ja ganz klar gesagt, das was dort geschieht widerspricht den Grundsätzen unserer Religion.

Abdallah: An diesem Beispiel kann man das zeigen, aber prinzipiell haben wir dieses Problem innerhalb der islamischen Community, dass man hier nicht so viel Aufklärungsarbeit macht. Ich hätte an dieser Stelle erwartet, dass jeder wirklich genau seine Meinung erklärt, warum er pro oder kontra sich positioniert, statt einfach dem anderen etwas zu unterstellen. An dieser Stelle wäre auch genauso von den Gründern dieser liberalen Moschee erwartet, dass sie genauso erklären, woher haben sie diese Quellen, die das unterstützen in der islamischen Theologie. Wir haben ja im Islam die Grundgesetze, das was fest ist, was man nicht ändern kann. Wir haben aber auch das Wandelbare und darüber muss man halt ins Gespräch kommen.

"Die Moschee zu gründen, das steht ja jedem offen"

Barenberg: Und ist in diesem Zusammenhang, wenn Sie sagen, es gibt das Wandelbare, es gibt sozusagen einen Bereich, über den man sich austauschen kann, über den man sprechen kann, ist es dann ein guter Schritt, eine solche Gemeinde zu gründen, um dieses Gespräch zu fördern?

Abdallah: Das Gespräch kann man ja auf vielen unterschiedlichen Ebenen fördern. Die Moschee zu gründen, das steht ja jedem offen. Wir haben in Deutschland über 2800 Moscheen. Und wir haben auch eigentlich seit zwei Jahren sogenannte Frauen-Moscheen in China. In China ist das schon bekannt, diese Frauen-Moscheen. Allerdings seit 200 Jahren ist es der Fall, dass das nur von Frauen und für Frauen geleitete Moscheen sind, keine Männer, die da hingehen. Die Gründung dieser Moschee führt natürlich zum Gespräch, aber ich hätte eher im Vorfeld noch mehr Gespräche geführt haben wollen, um einfach den Fall zu erklären und damit man auch genau darüber sich einigen kann und nicht einfach in die Defensive geht.

"Muslimisches Forum Deutschland als Plattform für Gespräche"

Barenberg: Nun ist es ja so, dass gerade die türkische Religionsbehörde Diyanet diese liberale Moschee in Berlin ja ganz bewusst und betont in die Nähe einer Terrororganisation rückt, jedenfalls in die Nähe der Gülen-Bewegung, die dort in der Türkei von der türkischen Regierung als Terrororganisation betrachtet wird. Geht es da noch um Religion, oder geht es da längst schon um Politik?

Abdallah: Ich habe mich ja mit dem Gutachten von Diyanet nicht genau und im Detail auseinandergesetzt. Ich habe es gerade nur von Ihnen aus dem Radio gehört, was Sie genau gesagt haben. Es hat mich auch, ehrlich gesagt, überrascht, was der Fatwa-Rat in Ägypten gesagt hat. Ich halte so ein Anliegen nicht geeignet, dass der Fatwa-Rat in Ägypten nicht unbedingt für uns entscheidet, was geht und was nicht geht. Wir hätten uns als Muslime in Deutschland mit dem Thema auseinandergesetzt nach dem deutschen Kontext. Wir haben hier einen neuen Kontext, der genauso auch Herausforderungen für Muslime stellt, und wir hätten ja in diesem Rahmen uns mit dem Thema auseinandergesetzt. Wir haben auch, glaube ich, vor zwei Jahren ein ähnliches Forum gegründet, nicht in dieser Form, aber so was Ähnliches. Das heißt Muslimisches Forum Deutschland. Da sind auch viele Muslime dabei, die sunnitisch orientiert sind, oder Schiiten oder auch Mischmuslime oder Alewiten und so weiter. So ein Forum könnte auch eine Plattform sein, um solche Gespräche zu führen.

"Der Islam ist eigentlich plural gebaut"

Barenberg: Die Stiftung Dialog und Bildung in Deutschland steht der Gülen-Bewegung nahe und ihre Reaktion ist, was dort geschieht in Berlin entspricht nicht unseren Vorstellungen, aber wir tolerieren das Projekt natürlich im Rahmen unserer pluralistischen Gesellschaft in Deutschland. Wäre das eine gute Herangehensweise aus Ihrer Sicht diesem Projekt gegenüber?

Abdallah: Nicht nur aus meiner Sicht, weil ich glaube, meine subjektive Meinung ist hier nicht unbedingt sehr von Gewicht. Es ist wichtig zu sagen, was die Theologie sagt. Theologisch gesehen ist der Islam eigentlich plural gebaut. Aus islamischer Sicht kann nur Gott einer sein und alles andere ist plural. Von daher ist ja diese Pluralität und Vielfalt auf kultureller, religiöser, sozialer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Ebene ein Grundsatz im Islam und aus dieser Sicht ist natürlich auch die Glaubensfreiheit, die das deutsche Grundgesetz auch garantiert, garantiert in jeder Moschee und in jeder Richtung, einfach die Freiheit, das zu gründen, und das muss man nicht nur tolerieren; ich glaube, man muss das auch anerkennen, dass es ihr gutes Recht ist, solange man den anderen dadurch nicht etwas unterstellt oder abwertend betrachtet.

"Liberal und konservativ sind legendäre Begriffe"

Barenberg: Wenn Sie so sehr auf die Pluralität im Islam abheben, was ist dann eigentlich in diesem Spektrum liberal? Was können wir uns unter einer liberalen Gemeinde vorstellen?

Abdallah: Es ist schwierig zu definieren. Ich halte die Begriffe liberal und konservativ für legendäre Begriffe, Begriffe, die einfach so ein Bild darstellen, das vielleicht gar nicht existiert, wo man keine Grenzen festlegen kann, wann ist ein Mensch liberal und wann ist ein Mensch konservativ. Gefährlich sind diese Begriffe nur, wenn sie verwendet werden zur Abgrenzung, zum Spalten oder zur Abwertung. Das wäre noch schlimmer, wenn jemand als liberal bezeichnet wird, um ihn abzuwerten oder sich abzugrenzen, oder umgekehrt Konservativ zu verwenden in dem Sinne radikaler Mensch, mit dem kann man nicht umgehen. Da steckt die Gefahr in der Verwendung solcher Begriffe. Aber die Grenzen an sich, das ist ja umstritten, ab wann wird man liberal oder wo hört die Konservativität auf.

Barenberg: Der Islamwissenschaftler und Imam Mahmoud Abdallah hier live im Deutschlandfunk im Gespräch. Danke für Ihre Zeit.

Abdallah: Vielen Dank. Auf Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

(*1) An dieser Stellen wurde Hörfehler bei der Transkription des Interviews korrigiert. [Hauptquellen statt Hauptkriterien]

(*2) An dieser Stellen wurde Hörfehler bei der Transkription des Interviews korrigiert. [Analogieschluss statt Ideologieschloss]

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