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StartseiteTag für TagAuf dem Holzweg28.03.2017

Moscheebau in ErfurtAuf dem Holzweg

Die Ahmadiyya-Gemeinde plant eine Moschee in einem Gewerbegebiet von Erfurt. Aktivisten hatten aus Protest neben dem Baugrundstück große Holzkreuze aufgestellt. Bevor eine antifaschistische Aktion sie absägen konnte, hatte der Grundstücksbesitzer die Kreuze entfernen lassen. Doch damit ist die Auseinandersetzung über Christentum, Toleranz und die Moschee noch nicht zu Ende.

Von Henry Bernhard

Eine Mann fotografiert in Erfurt ein großes Holzkreuz auf einem Grundstück in der Nähe der als Baugrund für den Moschee-Neubau vorgesehenen Fläche. (picture allinace / dpa / Arifoto Ug)
Auf diesem Gelände soll die Moschee in Erfurt errichtet werden. Das Kreuz hatte die Gruppe "Bürger für Erfurt" aufgestellt, um gegen die Pläne zu protestieren. (picture allinace / dpa / Arifoto Ug)
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Die Sägegeräusche kommen vom Lautsprecherwagen der Demonstration mit dem sperrigen Motto "Antirassismus und Antifaschismus bleiben Handarbeit – wir bringen das KKK-Kreuz zu Fall." KKK meint den Klu Klux Klan – in dessen rassistischer Tradition sehen die Demonstranten von Jusos, Linksjugend und antifaschistischer Aktion die Kreuze, die über drei Wochen direkt neben dem Grundstück prangten, auf dem die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde ihre Moschee bauen möchte.

"Wir sind der Bautrupp, der bereit zum Abriss jeden rassistischen Symbols ist. Habt gute Laune – trotz der Kälte – und zeigt deutlich, was ihr von rassistischer Hetze haltet!" - "Siamo tutti antifascisti!", ruft ein Sprechchor.

Gut 80 meist schwarz gekleidete Demonstranten setzen sich in Bewegung. Sie haben keine Sägen und Äxte dabei. Denn erstens hat das Ordnungsamt diese verboten; und zweitens sind die großen Kreuze schon weg. Der Grundstückseigentümer, eine Immobiliengesellschaft, hat sie Stunden zuvor demontieren und abtransportieren lassen.

Ein Kilometer weiter, am Ziel des Demonstrationszuges, dort, wo bis kurz zuvor die Kreuze weithin sichtbar auf der Wiese standen, steht ein gutes Dutzend Menschen um ein kniehohes Kreuz, eine Kerze und einen Ghettoblaster, aus dem fromme Gesänge tönen. Sie nennen es "Gottesdienst". Sie sind da, weil sie gegen den Moscheebau protestieren wollen. Andreas Heß ist extra aus einem Dorf in der Nähe angereist. Er sei Christ, sagt er. Er hat seine Vorstellung davon, was der Islam ist.

"Das sind alles Schläfer!""

Andreas Heß sagt: "Die Moschee ist doch das Zentrum des Kampfes dieser Menschen; das ist doch denen ihre Kaserne. Dort befindet sich die Armee des Islam. Die treffen sich da in der Moschee. Und jeder Moslem ist auch ein Kämpfer, ein Soldat. Auch die, die hier ihre Döner verkaufen und so tun und gute Miene zum bösen Spiel machen, das sind alles Schläfer! Wenn es losgeht, dann rennen die alles los mit der Machete und köpfen uns."

Christine Bäsig kommt aus Eisenach. Sie sei zwar keine Christin, sagt sie, fühle aber etwas in sich, das sie verteidigen wolle. Gegen den Islam und die Scharia: "Die Moschee soll gebaut werden; da werden Gesetze hervorgeholt, OK, die gibt’s, aber die Leute gefühlsmäßig … Kennen sie das von Kurt Tucholsky? 'Der kleine Mann denkt nicht immer das Richtige, aber er fühlt immer das Richtige.' Das drückt eigentlich aus, weshalb ich hier bin."

Korrekt lautet das Zitat: "Das Volk versteht das Meiste falsch; aber es fühlt das Meiste richtig." Und weiter heißt es bei Tucholsky: "Dass nun dieses richtige Grundgefühl heute von den Schreihälsen der Nazis missbraucht wird, ist eine andre Sache." In Marbach, dem Erfurter Vorort, an dessen Rand in einem Gewerbegebiet die Ahmadiyya-Gemeinde ihre Moschee bauen will, gibt es viele laute und leise Stimmen. Die Aktivisten von "1 Prozent", die Anfang März ein zehn Meter hohes Kreuz errichtet haben, bezeichnen sich als "patriotisches Bürgernetzwerk". Mit solch spektakulären Aktionen wollen sie im Greenpeace-Stil rechtes und extrem rechtes Gedankengut anschlussfähig für breitere Kreise machen. Die Thüringer AfD um Björn Höcke verkündet immer wieder, die Ahmadiyyas seien Islamisten. Und die Kirchen hätten ja kein Copyright auf die Kreuze. Suleman Malik, Sprecher der Erfurter Ahmadiyya-Gemeinde diskutiert neben Grundstück für die Moschee mit einem Bürger.

"Wir wollen eine weltoffene, tolerante Gesellschaft; dazu gehört, dass man Moscheen bauen kann, genauso wie Kirchen, Synagogen, andere Gotteshäuser", sagt Malik.

"Was sind denn das für Muslime, die in ihrer Heimat, wo sie herkommen, die Christen verfolgen?", fragt ihn einer. Suleman Malik antwortet: "Wir sind auch eine verfolgte Gemeinschaft! Also, wir sind eine Reformgemeinde. Und dass in Pakistan die Christen verfolgt sind – wir sind in Pakistan die am meisten verfolgten Menschen überhaupt – die Ahmadiyys."

Ob ihn die 12 Kreuze nebenan gestört, provoziert haben?

Zeichen gegen die "Pfaffen"

Suleman Malik: "Nee, ein paar 'Zahnstocher', würde ich so bezeichnen, das ist ja kein religiöses Symbol in dem Sinne, sondern dieses Symbol wurde ja missbraucht, um antimuslimische Ressentiments zu schüren. Einige Marbacher, die bis vor kurzem noch in der "Bürger für Erfurt"-Bewegung engagiert haben, distanzieren sich inzwischen von denen, die von Außen anreisen, radikal auftreten, von "Widerstand" reden und ihr neurechtes Süppchen kochen wollen. Die protestantische Bischöfin Ilse Junkermann und der katholische Bischof Ulrich Neymeyr kritisieren den Missbrauch des Kreuzes und begrüßen die Moschee. Und der Marbacher Pfarrer, Ricklef Münnich?

"Das ist eigentlich gegen das zweite Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen, denn er wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht. Aber es geht hier nicht um das Christentum. Wenn man im Internet jetzt die vielen Kommentare liest, dann ist die Tendenz: Ihr in der Kirche, ihr Pfaffen, ihr habt sowieso schon abgedankt. Wir sind es jetzt, die die christlichen Werte verteidigen. Also, es geht um Deutungshoheit, und es geht darum: Wer bestimmt die politische Agenda?"

Inzwischen überziehen die Kreuzbauer von "1 Prozent" diejenigen mit Abmahnungen, die ein Foto der Kreuze in kritischen Beiträgen im Internet verwenden.

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