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Moshe Zuckermann/Susann Witt-Stahl: "Gegen Entfremdung"Der "Stören-Fried"

Erich Fried begriff sein dichterisches Schaffen als Akt emanzipativer Praxis und als politischen Einspruch gegen Verhältnisse, die zu verändern seien – in Deutschland, dem Land der Täter, aber auch in Israel. Moshe Zuckermann und Susann Witt-Stahl erinnern an einen kämpferischen Poeten.

Moshe Zuckermann im Gespräch mit Angela Gutzeit

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Buchcover von "Erich Fried - Gegen die Entfremdung" von einem Archivfoto einer Antivietnamdemo mit Erich Fried (Cover Westend Verlag / Hintergrund picture-alliance/ dpa | Chris Hoffmann)
Der streitbare Dichter Erich Fried (Cover Westend Verlag / Hintergrund picture-alliance/ dpa | Chris Hoffmann)
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Erich Fried war eine Ikone der politischen Lyrik der Bundesrepublik ab den Sechzigerjahren bis zu seinem Tod 1988. Sein Kampf galt der Reintegration alter Nazis in westdeutsche Führungspositionen, der Kommunistenhatz während der Zeit des Kalten Krieges, der "Verdinglichung der Opfer der Shoah" wie auch dem Vietnamkrieg und Israels Umgang mit den Palästinensern.

Früh war der 1921 in Wien geborene Autor mit Gewalt konfrontiert worden. Als Kind erlebte er Verfolgung und Repression unter dem Austrofaschismus aus nächster Nähe. Der deutsche Einmarsch 1938 habe ihn schließlich "aus einem österreichischen Oberschüler in einen verfolgten Juden" verwandelt, schrieb der Dichter in seinem Erinnerungsbuch "Mitunter sogar Lachen".

Kurz nachdem sein Vater von der Gestapo ermordet wurde, floh der 17jährige nach London ins Exil. Die Stadt sollte ihm zum dauerhaften Wohnsitz werden. Als Lyriker aber hielt er an der deutschen Sprache fest und nutzte sie in teilweise agitatorischem Stil, um direkt in politische Diskussionen einzugreifen. "Leben mochte er weder in Österreich noch in Deutschland", meinte der Historiker und Soziologe Moshe Zuckermann im Gespräch mit Angela Gutzeit."Insofern war das eine Fernverbindung". Fried sei aber unentwegt präsent gewesen in der Bundesrepublik der Sechziger und Siebziger Jahre.

Gedichte als Mittel des Kampfes

Fried, der sich als Marxist verstand, konnte sich des Zuspruchs der politischen Linken in der Bundesrepublik sicher sein, hatte aber bald viele Feinde, die ihn mit Klagen überzogen. Der Dichter verstand seine Lyrik durchaus als Kampfinstrument. Marxistisches Weltveränderungspostulat habe sich bei Fried mit radikaler Lebensbejahung verbunden, so Zuckermannn. Anders als es sich in der Praxis im sowjetischen Einflussbereich darstellte, sei für Fried der Marxismus eine Befreiungslehre gewesen.

Unversöhnlich mit Israel

Der jüdische Dichter und politische Aktivist war in Israel eine persona non grata. Sein Werk wird dort bis heute nicht verlegt. In einem seiner berühmtesten Gedichte "Höre, Israel!" klagte er das Land an, sich gegenüber den Palästinensern nicht anders zu verhalten als die Nazis gegenüber den Juden. Auf die Frage, ob Fried mit dieser Kritik nicht das rechte Augenmaß verloren hatte, meinte Zuckermann, der in Tel Aviv lebt: "Das ist das Problem: Israel betreibt seit 50 Jahren ein barbarisches Okkupationsregime, wie es keins auf der Welt gibt. Das ist kein nationalsozialistisches KZ. Aber es ist durchaus eine Barbarei, die da stattfindet." Fried habe das sehr früh erkannt.

Moshe Zuckermann sieht den kämpferischen Lyriker Erich Fried, der heute 100 Jahre alt geworden wäre, in der Tradition von Heinrich Heine, Bertold Brecht, Christian Morgenstern, Erich Kästner und Kurt Tucholsky. Allerdings befürchtet der Historiker, dass ihn kaum noch einer liest.

Moshe Zuckermann/ Susann Witt-Stahl: "Gegen Entfremdung.
Lyriker der Emanzipation und streitbarer Intelllektueller."
Gespräche über Erich Fried.
Westend Verlag, Frankfurt am Main
160 Seiten, 18.00 Euro.

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