Führerscheinentzug
Vorbereitungen zur MPU-Prüfung - ein lukratives Geschäft

Jedes Jahr verlieren Zehntausende ihren Führerschein – oft wegen Alkohol oder Drogen. Wer ihn zurückhaben will, muss häufig zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU). Rund um diese Prüfung ist ein lukrativer Vorbereitungsmarkt entstanden.

Von Marlene Thiele |
    Aus der Perspektive eines Autofahrers sind seine Hände am Lenkrad bei einer Nachtfahrt zu sehen. In einer Hand hält er einen Cannabis-Joint während verschwommene Lichter hinter der Frontscheibe zu sehen sind.
    Auch nach der teilweisen Legalisierung von Cannabis muss jeder, der unter dem Einfluss von Cannabis am Straßenverkehr teilnimmt, mit Führerscheinentzug rechnen. (imago / Panama Pictures / Christoph Hardt)
    Jedes Jahr wird rund 90.000 Menschen der Führerschein entzogen - etwa weil sie mit Alkohol oder Drogen am Steuer erwischt wurden, deutlich zu schnell gefahren sind oder bereits mit Punkten im Verkehrszentralregister vorbelastet waren. Nach einer Sperrfrist können die Betroffenen den Führerschein neu beantragen. Dazu benötigen sie häufig eine MPU, eine medizinisch-psychologische Untersuchung. Sie soll klären, ob jemand künftig wieder sicher am Straßenverkehr teilnehmen kann.  
    Laut Zahlen der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt) wurden 2024 rund 75.000 medizinisch-psychologische Untersuchungen durchgeführt. Rund 40 Prozent davon gingen auf auffälligen Alkoholkonsum zurück, ein Viertel auf Drogen- oder Medikamentenmissbrauch und etwa ein Drittel auf andere Gründe.

    Inhalt

    Wer ordnet die MPU an und wer führt sie durch? 

    Die MPU wird von der Fahrerlaubnisbehörde angeordnet, wenn erhebliche Zweifel an der Fahreignung bestehen. Gründe sind zum Beispiel wiederholte gravierende Verkehrsverstöße, Aggressivität im Straßenverkehr oder Alkohol und Drogen am Steuer. Wie lange das Verfahren insgesamt dauert, hängt stark vom Einzelfall ab. Nach dem Führerscheinentzug gilt zunächst eine Sperrfrist von mindestens sechs Monaten. Sie kann aber auch bis zu fünf Jahre betragen. 
    Grafik zeigt die Gründe für eine MPU: 25% Drogen und Medikamente, 13% sonstige Anlässe, 30% Alkohol (erstmalig), 9% Alkohol ( wiederholt), 3% Alkohol und verkehrs- oder strafrechtliche Delikte, 19% Verkehrsauffällige ohne Alkohol, 1% körperliche Mängel
    Gründe für eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)
    Wer wegen Alkohol oder Drogen auffällig geworden ist, muss bei akkreditierten Laboren zusätzlich eine Abstinenz über zwölf bis 15 Monate nachweisen. Üblich sind unangekündigte Urin-Screenings über mehrere Monate oder Analysen unbehandelter Haare, mit denen sich rückwirkend jeweils ein mehrmonatiger Zeitraum belegen lässt. Entscheidend ist, frühzeitig zu beginnen: Wird die Abstinenz zu spät gestartet, verschiebt sich die MPU entsprechend nach hinten. 
    Betroffene können die MPU-Begutachtungsstelle selbst auswählen. Es muss sich um eine staatlich anerkannte Begutachtungsstelle für Fahreignung handeln, wie etwa der TÜV oder DEKRA, die strengen Qualitätsanforderungen unterliegen und regelmäßig überprüft werden. Die Kosten für Untersuchung, Abstinenznachweise und die Neuerteilung des Führerscheins erreichen schnell einen vierstelligen Betrag. 

    Wie läuft die Untersuchung ab? 

    Die eigentliche Untersuchung dauert etwa drei bis vier Stunden und besteht aus drei Teilen:
     
    • Medizinische Untersuchung - etwa zur Klärung von Alkohol- oder Drogenkonsum 
    • Leistungstests am Computer - dabei werden Reaktionsfähigkeit, Konzentration und Belastbarkeit geprüft 
    • Psychologisches Gespräch - der zentrale Bestandteil
    "Es gibt keine Trickfragen", sagt die Verkehrspsychologin Susan Wall vom TÜV Nord. Im Gespräch soll nachvollziehbar werden, warum es zu dem Fehlverhalten kam und ob der Betroffene in Zukunft erneut auffällig werden könnte. Die Durchfallquote der MPU liegt bei knapp unter 50 Prozent. Etwas mehr als die Hälfte besteht direkt, ein kleiner Teil muss eine Nachschulung machen. 

    Vorbereitung: sinnvoll – aber nicht verpflichtend 

    Eine professionelle Vorbereitung ist nicht verpflichtend. Studien deuten aber darauf hin, dass eine qualifizierte Vorbereitung die Erfolgschancen deutlich erhöht - vor allem, weil sie bei der Aufarbeitung der Ursachen hilft. Das kann auch Verkehrspsychologin Wall nachvollziehen: "Man kann das auch alleine schaffen. Aber meistens ist es dann doch sehr hilfreich, sich extern jemanden zu suchen, der einen dabei unterstützt, genau hinzugucken, was da passiert ist." 
    Der ADAC beziffert die Kosten für eine seriöse Vorbereitung in Einzelsitzungen grob auf 800 bis 1.300 Euro. 

    Die unseriösen MPU-Vorbereiter auf dem Markt 

    Rund um die MPU hat sich ein lukrativer Vorbereitungsmarkt entwickelt, der kaum reguliert ist. Christian Müller vom TÜV Nord spricht von einem wachsenden "grauen Markt" unseriöser oder sogar krimineller Anbieter. Viele Betroffene hätten große Angst vor der MPU. "Die Ängste werden von diesen unseriösen Vorbereitern geschürt, was dazu führt, dass die Betroffenen bereit sind, viel Geld dafür auszugeben, um Garantieversprechen zu bekommen und mit Unterlagen ausgestattet werden, mit denen sie die MPU bestehen sollen." Typisch seien Versprechen, man müsse nur eine passende Geschichte lernen, um das psychologische Gespräch zu bestehen. 
    Verkehrspsychologinnen wie Wall warnen: Auswendig gelernte Alibigeschichten fielen in der Begutachtung meist schnell auf. "Wir reden ja über den Menschen, über Zeiten, die für den Menschen meistens problematisch waren und das kann man so sehr schlecht erfinden."
    Diese Art schlechter Beratung hat auch Melanie Schmitt erlebt. Sie war über eine Social-Media-Werbung auf einen MPU-Berater aufmerksam geworden. Geworben wurde mit einem Festpreis - doch dann musste sie zusätzlich noch 500 Euro für einen psychologischen Vortrag bezahlen, wie sie berichtet. Als die Summe erneut fällig wurde - Schmitt war in einem Beratungsgespräch dazu gedrängt worden, einen weiteren Vertrag zu unterschreiben - nahm sie sich schließlich einen Anwalt. Denn ein späterer Ausstieg aus solchen Verträgen kann schwierig sein – obwohl grundsätzlich ein gesetzliches Widerrufsrecht besteht. 

    Betrug mit Gutachten und Abstinenznachweisen 

    In einzelnen Fällen geht es nicht nur um überteuerte oder inhaltsarme Kurse, sondern um handfesten Betrug. Im Kreis Herford in Nordrhein-Westfalen wird gegen eine Fahrschule ermittelt, die Steuern hinterzogen und für mittlere bis hohe vierstellige Beträge mehr als 200 MPU-Gutachten gefälscht haben soll. In Köln ermittelt die Staatsanwaltschaft seit 2024 gegen die Beratungsstelle "MPU King", die mit extrem kurzen Verfahren warb und nach Medienberichten gefälschte Abstinenznachweise angeboten haben soll.
    Ausgenutzt wird dabei eine Lücke im System: Derzeit reichen Betroffene ihr MPU-Gutachten selbst bei der Behörde ein. Dieser Zwischenschritt birgt die Gefahr, dass ein Betroffener ein negatives Gutachten durch ein gefälschtes Dokument ersetzt und dieses bei der Behörde einreicht, sagt Müller vom TÜV Nord. Er spricht sich dafür aus, dass die Begutachtungsstellen die Gutachten künftig selbst an die Behörden weiterleiten, sofern der Kunde sein Einverständnis dazu gibt. Alternativ könne man Gutachten mit QR-Codes versehen, um sie digital verifizierbar zu machen. 

    Wie erkenne ich eine seriöse MPU-Beratung? 

    Bezeichnungen wie "MPU-Berater", "MPU-Vorbereitung" oder "Verkehrstherapie" sind rechtlich nicht geschützt. Berufsbezeichnungen wie "Diplom-Psychologe" oder "Psychologe mit Masterabschluss" setzen dagegen eine entsprechende Qualifikation voraus. 
    Fachverbände fordern seit Jahren klarere Regeln, etwa eine Positivliste qualifizierter Anbieter oder verbindliche Qualitätskriterien. Das CDU-geführte Bundesverkehrsministerium sieht bislang keinen gesetzlichen Handlungsbedarf. Verträge würden privatrechtlich geschlossen, teilte das Ministerium dem Deutschlandfunk mit: "Die Teilnahme an einer angebotenen MPU-Vorbereitung ist freiwillig."
    Das Ministerium verweist auf die Webseite der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt), die eine Kriterienliste für seriöse Anbieter veröffentlicht hat. Diese sind laut BASt psychologisch qualifiziert (Diplom/Master) und verkehrspsychologisch weitergebildet. Sie geben keine Bestehensgarantien, informieren transparent über Leistungen und Kosten, setzen nicht unter Druck und lassen keine auswendig gelernten "Geschichten" einüben, dokumentieren die Beratung schriftlich und stellen Bescheinigungen sowie Quittungen aus. 

    Reformbedarf – oder bewährtes System? 

    Müller befürchtet, dass die Betrugsfälle durch MPU-Vorbereiter und die eigentliche MPU in einen Topf geworfen werden könnten. Abgesehen von kleinen Problemen habe sich das System über viele Jahre bewährt. Die Begutachtungsstellen unterliegen einem engmaschigen Qualitätsmanagement, Gutachter müssen sich regelmäßig fortbilden. 
    Auch Verkehrspsychologin Wall hält die MPU grundsätzlich für sinnvoll: "Ein System, in dem man sich rehabilitieren kann, ist eigentlich ein sehr überlegenes System gegenüber einem System, das nur mit Strafen agiert." 
    Strengere Regeln für Vorbereitungsanbieter oder Änderungen bei der Übermittlung von Gutachten sind derzeit nicht geplant. Was die MPU-Vorbereitung angeht gilt: Wer frühzeitig beginnt, sich informiert und auf Transparenz achtet, erhöht nicht nur seine Erfolgschancen - sondern schützt sich auch vor teuren Fehlentscheidungen.